3.01.2018 09:52
Quelle: schweizerbauer.ch - Sibylle Hunziker
Bern
Eine Familie, die zusammenhält
Sandra und Heinz Feuz bewirtschaften im hinteren Lauterbrunnental BE einen Betrieb mit zwei Alpen. Ihre vier Töchter helfen dabei, seit sie laufen können – und sind noch immer mit Freude bei der Sache.

Dass Sandra und Heinz Feuz mit ihren Töchtern Sandrin (20), Jasmin (16), Muriel (13) und Nadja (8) mitten am Tag zu Hause sitzen und erzählen, kommt eher selten vor. Denn nur ein kleiner Teil der 19,5 Hektaren Land, welche die Familie bewirtschaftet, liegt beim Wohnhaus in Stechelberg.

Höchste Heu-Wiese auf 1600 Meter


Wer die übrigen Wiesen und Weiden samt den 16 zum Teil denkmalgeschützten Betriebsgebäuden sehen will, lernt dabei das Lauterbrunnental kennen. «Den äussersten Plätz haben wir bei den Trümmelbachfällen auf gut 800 Metern über Meer», sagt Heinz Feuz. «Die höchste Wiese, die wir noch heuen, liegt fast auf 1600 Metern.»

Die Flächen im Talboden sind durch die Hauptstrasse gut erschlossen. Zur Alp Stufenstein, die der Familie gehört, und zum Untersteinberg, den Heinz Feuz seit 34 Jahren gepachtet hat, führen nur Fusswege. Auch sonst ist die Familie dauernd auf den Beinen und arbeitet viel von Hand – die «Steine» in den Alpnamen sind kein Zufall. Doch wenn Eltern und Töchter von ihrer gemeinsamen Arbeit berichten, leuchten ihre Augen.

Hand in Hand arbeiten

Ums Jahr 2000 hat Heinz Feuz seine 12 Kühe so umgestellt, dass sie im Herbst kalben. Seither wird nur noch auf den beiden unteren Stafeln des Untersteinberg gekäst – das spart Heli-Zügleten und Stress. «Aber wir haben den Traum, dereinst auch wieder beim Oberhorn zu käsen», sagt Sandrin. Zusammen mit ihrer Schwester Jasmin, die seit Herbst Milchtechnologin in Grindelwald bei «Eigermilch» lernt, hat die Landwirtin (EFZ) letzten Sommer in den Stafeln Schürboden und Läger die Tiere betreut und gekäst.

«Das war schön, weil wir uns ohne viel Worte verstehen und Hand in Hand arbeiten», berichtet Sandrin. Sobald die Alparbeit erledigt war, gingen sie zum Heuen oder auf Stufenstein helfen, wo angenommene Tiere gesömmert werden – insgesamt 85 Schafe und 110 Ziegen aus der ganzen Schweiz.

Lange Fussmärschen kein Problem


Mit den langen Fussmärschen hatten die Schwestern nie Mühe. «Schon, als sie ganz klein war, wollte Sandrin immer mit dem ‹Ätti› in den Schürboden», berichtet Sandra Feuz. Wenn sie ihn verpasste, bat sie ihre Mutter so lange, bis sie mit ihr hinging. «Da ich das Bébé Jasmin trug, musste Sandrin die ganze Strecke laufen; aber das war kein Problem.»

Und Heinz Feuz erinnert sich, wie die siebenjährige Sandrin von sich aus auf eine Tour mit einem Steinbockjäger von Stufenstein über die Schmadrihütte und den Polarsee bis zum Obersteinberg mitkam. «Der Jäger hat sich gewundert, dass das Kind ohne zu murren den ganzen Tag einfach nur gelaufen ist.»

Glocke von Cremo

«Das ist auch ein Gemeinschaftswerk», sagt Heinz Feuz und deutet auf die Glocke von Crémo für zehn Jahre Qualitätsmilch ohne eine einzige beanstandete Probe. So, wie die Töchter immer mitkommen wollten, haben sie auch von Anfang an im Stall geholfen. «Bei uns gab es keine Ämtli, wir haben alles zusammen gemacht», sagt Sandrin. «Es war nie ein Müssen.» Wenn ein Kind etwas später aufwachte, konnte es bei den Grosseltern frühstücken, die noch lange in der anderen Haushälfte wohnten und für die Familie da waren.

Im Moment ist die Jüngste fast am meisten im Stall. Denn der Vater arbeitet im Winter bei der Schilthornbahn, und die Mutter betreut neben dem Haushalt häufig Suchtpatienten von Terra Vecchia. «Nadja zieht oft schon am Nachmittag das Kombi an und geht die Tiere beobachten», erzählt Heinz Feuz. «Dann berichtet sie mir, ob eine Kuh stierig wird, was die Kälber und Geissen gemacht haben und wie es ihnen geht.»

Nicht fürs Metzgen

Das vertraute Verhältnis zu den Tieren erleichtert die Pflege der Tiergesundheit ebenso wie das Zügeln auf den engen Wegen durch die Felsen. Und es ist für die ganze Familie selbstverständlich. Deshalb sind auch alle froh, dass sie ihre Tiere nicht in erster Linie fürs Metzgen züchten. «Die Simmentaler Kühe, die wir nicht behalten können, verkaufen wir vor allem Bauern, die sie als Mutterkühe brauchen», erklärt Sandrin, und zusammen mit ihrem Vater zählt sie auf, wo in der Schweiz derzeit Kühe leben, die aus ihrem Stall stammen.

Alle wollen «buure»

«Früher wurden wir oft bemitleidet, weil wir ‹nur› Mädchen hätten», sagt Sandra Feuz. «Doch beim Arbeiten sehen wir keinen Unterschied zu Buben.» «Und alle möchten später gerne ‹buure›», ergänzt Heinz Feuz. Sandrin hat letzten Winter auf riesigen Farmen in Neuseeland und Australien geholfen. «Es war eindrücklich. Aber ich bin gerne nach Hause gekommen.» Auch Nadja wollte am «Zukunftstag» unbedingt beim Ätti schnuppern; beim Maschinenversorgen hat sie sogar etwas Neues gelernt: «Mit dem Zweiachser fahren und  schalten.»

Voll dabei ist auch Muriel, obwohl sie als Kleinkind von einem Hunderudel überfallen wurde und ein Trauma davontrug. «Jahrelang konnte sie nicht das Zimmer verlassen, wenn draussen ein Tier stand», berichten die Eltern. «Aber wir haben die Hilfe einer guten Jugendpsychologin geholt, und jetzt ist alles gut.» Muriel spielt sogar mit «Blue», Sandrins Hund. Mit ihrer kleinen Schwester Nadja melkt sie Kühe und Geissen. Und sie ist stolz, wenn ihre beiden grossen Schwestern Zukunftspläne fürs Käsen auf allen Stafeln schmieden und sagen: «Zu viert können wir das.»

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