1.06.2015 11:50
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Milchmarkt
«Entwicklung heisst nicht Wachstum»
An der Fachtagung «Erfolgreiche Milchproduktion EMP» am Wallierhof in Riedholz SO wurde nicht nur über Produktion gesprochen, sondern auch über deren Einfluss auf das Privatleben der Bauernfamilien.

«Obwohl die Prognosen auf dem globalen Milchmarkt ein Wachstum von 2% pro Jahr voraussagen, bleibt die Unsicherheit auf dem Weltmarkt auch  in Zukunft hoch», so Hanspeter Kern, Präsident der Schweizer Milchproduzenten. Die Schweiz sei prädestiniert für die Milchproduktion und die Milchproduzenten seien Spezialisten in ihrem Gebiet. 

Eine Gratwanderung

Diese Vorteile müssten auch in Zukunft ausgenutzt werden, auch wenn die politischen Rahmenbedingungen suboptimal seien. «Das Ziel für dieses Jahr ist es, 3,5 Millionen Tonnen Milch mit guter Wertschöpfung zu produzieren und zu vermarkten», so Kern. Die Kostenstruktur in der Schweizer Milchproduktion und -verarbeitung in Kombination mit dem starken Schweizer Franken sei eine grosse Herausforderung. «Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit bleibt eine permanente Gratwanderung», sagt Kern.

Diese Gratwanderung ist es auch, welche mitunter das soziale und private Leben einer Bauernfamilie stark beeinträchtigen kann. Für viele Familien handle es sich bei dem tiefen Milchpreis um eine existenzielle Bedrohung. Dazu komme, dass Bauernfamilien mit der Ungewissheit auf dem Milchmarkt und dem Druck oft alleine auskommen müssten, erklärt Renate Hurni, Beraterin und Coach am Inforama Seeland. Dieses Thema führe oft zur Isolation, denn es fände kaum ein Austausch statt.

Ziele selber setzen

Neben dem finanziellen Druck werde auch die stetig steigende Arbeitsbelastung zu einem Problem. Auf einem Betrieb, der nicht mehr rund laufe, wanke oft auch die Beziehung des Betriebsleiterpaares. Entweder habe diese schon vorher nicht richtig funktioniert oder als Folge der Überlastung. Wichtig sei unter anderem, dass beide Partner eine gleiche Vorstellung von Erfolg hätten. Denn laut Definition heisst Erfolg das Erreichen selbst gesetzter Ziele. Für eine erfolgreiche Produktion müsse deshalb klar definiert werden, was die Ziele jedes Einzelnen, aber auch des Betriebes seien.

Erfolgreich produzieren heisse deshalb nicht einfach, möglichst viel Milch zu produzieren. Dass man Erfolg längst nicht mehr nur an Cashflow, Gewinn und Eigenkapitalbildung messen kann, erklärte auch Gerhard Dorfner vom Institut für Agrarökonomie der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft aus Deutschland.

Neue Erfolgsgrösse

Erfolg zu haben, heisse auch eine flexible und stabile Arbeitsorganisation und eine akzeptable Arbeitsbelastung und Zufriedenheit. Laut Dorfner herrsche in Bayern nach dem Ausstieg aus der Quote bei vielen Landwirten jedoch eine grosse Unzufriedenheit. «Weiterentwicklung heisst deshalb nicht immer physisches Wachstum», so Dorfner. In Bayern sei das Automatisieren ein grosses Thema und so würden immer mehr Melkroboter installiert.

Auch die Entwicklung von Familienbetrieben hin zu «erweiterten Familienbetrieben» mit familienfremden Arbeitskräften habe verstärkt stattgefunden, um der Arbeitsbelastung entgegenwirken zu können. Zudem werde langsam, aber sicher eine neue Erfolgsgrösse, die Flächenproduktivität, eingeführt. Es gäbe jedoch bisher noch verschiedene Definitionsformen dafür. Klar sei aber, dass die Milchleistung pro Kuh nicht mehr als massgebende Grösse für Leistung oder Erfolg betrachtet werden dürfe.

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