26.11.2015 07:41
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Klima
Erderwärmung: CH-Ökosystem reagiert stärker
An der Klimakonferenz von Paris sollen Massnahmen verabschiedet werden, dank denen das Klima sich bis 2100 um nicht mehr als 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmt. Für die Schweiz könnte die Erwärmung aber selbst dann doppelt so gross sein.

Die Durchschnittstemperatur in der Schweiz ist nach Angaben des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) zwischen 1864 und 2012 um 1,75 Grad Celsius gestiegen. Weltweit wärmte sich das Klima dagegen «nur» um 0,85 Grad.

Temperatur steigt stärker

Beim Extrapolieren dieser Zahlen bedeute eine globale Durchschnitts-Erwärmung von 2 Grad für die Schweiz eine Erwärmung von 4 Grad, sagte José Romero. Er ist beim BAFU zuständig für die Abteilung Umwelt-Wissenschaft International.

Dass die Temperatur in der Schweiz stärker steigt, liegt laut Romero daran, dass der globale Mittelwert sich aus den kontinentalen und den ozeanischen Temperaturen ergibt. Die kontinentalen steigen aber stärker an als die ozeanischen. «In der rein kontinentalen Schweiz liegt die Erwärmung dadurch über dem Durchschnitt», sagte Romero.

Sonderfall Ökosystem

Das Ökosystem der Schweiz sei wegen des hügeligen Reliefs des Landes und der Distanz zum Meer und seinen Winden ein Sonderfall, sagte Romero weiter. Die grossen Gletscher im Gebirge und der Permafrost in der Höhe seien beispielsweise von der globalen Temperaturerhöhung betroffen. Gleichzeitig übten sie aber auch einen regulierenden Effekt auf die lokale Temperatur aus.

Schon heute steigt die Nullgradgrenze an. In der Höhe wird es folglich wärmer, was sich längerfristig auf die dortige Vegetation, beispielsweise die Bergwälder, auswirken wird. Das Ökosystem sei gerade in der Höhe sehr komplex und sensibel, sagte Romero.
Bereits beobachtet werden kann in der Schweiz laut MeteoSchweiz und BAFU, dass es mehr Tage mit Temperaturen über 30 Grad gibt und dass gleichzeitig die Zahl der Tage mit Gefriertemperaturen weniger wurde.

Im schlimmsten Fall fast 6 Grad mehr

Sank die Temperatur in Zürich in den 1960er Jahren an rund 100 Tagen unter Null, geschieht dies heute noch an rund 70 Tagen. Das Volumen der alpinen Gletscher nimmt derweil nach Schätzungen um 2 bis 3 Prozent pro Jahr ab. Diese Folgen der Klimaerwärmung würden sich je nach Reaktion der Weltgemeinschaft mehr oder weniger verstärken. Das BAFU verweist dazu auf drei Szenarien, die 2011 unter anderem von der ETH Zürich und MeteoSchweiz erarbeitet wurden.

Im schlimmsten Fall, wenn sich die Länder nicht auf schärfere Massnahmen zur Senkung der Treibhausgase einigen, dürfte sich die Durchschnittstemperatur in der Schweiz bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um 4 Grad erhöhen. Das würde einem Anstieg von 5,7 Grad in der industriellen Ära entsprechen. Dieses Szenario werde allerdings nicht eintreffen, weil es bereits Bemühungen gebe, dies zu verhindern, sagte Romero.

Im besten Fall auf dem Niveau von 1990

Im zweiten Szenario mit moderaten Reduktionsmassnahmen würde ein Höhepunkt des Treibhausgasausstosses um 2030 bis 2040 erreicht. Für die Schweiz würde das zu einer Temperaturerhöhung um rund 3,5 Prozent führen, respektive 5,2 Grad seit 1864.

Der beste Fall geht von einem CO2-Ausstoss im Jahr 2100 auf dem Niveau von 1990 aus, was der Erreichung des Erwärmungsziels von maximal 2 Grad entsprechen würde. Für die Schweiz bedeutete dies laut den Spezialisten eine Erwärmung von 1,5 Grad, respektive von total 3,2 Grad für die gesamte Periode 1864-2100.

Erhebliche Klimafolgen absehbar

Derzeit folge die Entwicklung des Emmissionsausstosses ungefähr dem mittleren Szenario, was bereits erhebliche Klimafolgen erwarten lässt: Laut BAFU dürften die Gletscher im schlimmsten Fall fast gänzlich verschwinden. Im Sommer würden die Gesamtniederschläge zurück gehen, was zu Dürren führen kann. Gleichzeitig nehmen aber Überschwemmungen wegen Starkregenfällen zu.

Das Wetter angesichts einer Klimaerwärmung würde die Gesellschaft an mehreren Orten treffen: Umwelt, Gesundheit, Wirtschaft. Es käme vermehrt zu Hochwasser, Erdrutschen, Trinkwasserverschmutzung, die Boden- und Luftqualität nähme ab und es könnten neue Krankheiten und Schädlinge aufkommen.

Positive Auswirkungen gäbe es auch, zumindest kurzfristig: «Mit der Gletscherschmelze kann die Wasserkraftproduktion erhöht werden», sagte Romero. Auch die Landwirtschaft dürfte mit höherer Produktivität rechnen. «Das Schlüsselwort ist aber das Risiko», sagte Romero. Es steige das Risiko von Extremereignissen mit ungewissen Folgen. Die Schweiz habe deshalb ein grosses Interesse, dass die Weltgemeinschaft wirksame Massnahmen ergreift.

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