4.08.2016 09:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Bern
Familienbetrieb wird GmbH
In der Schweiz werden Höfe meistens in der Familie weitergereicht. Nur selten kommt eine Gruppe die Vertragslandwirtschaft betreibt bei der Hofnachfolge zum Zug. In Worb ist dieser seltene Fall kürzlich eingetreten.

„Es hat sich einfach so ergeben“, sagt Ueli Leibundgut. Er untertreibt. Denn eine Hofübergabe an Nicht-Familienmitglieder ergibt sich nicht einfach so, sondern setzt viel Vertrauen voraus. Vertrauen in jene Nachfolger, die nicht auf derselben Scholle gross geworden sind.

Glücksfall

Es braucht noch mehr Vertrauen, wenn diese Nachfolger nicht in der Landwirtschaft aufgewachsen sind, sondern den Weg in die Gummistiefel erst im Erwachsenenalter gefunden haben. Und wenn die Nachfolger den Hof nicht allein, sondern als Gruppe übernehmen wollen, ist sogar eine Extraportion Vertrauen nötig.

„Ein Glücksfall“, nennt Niculin Töndury deshalb zu Recht die Tatsache, dass er, seine Frau Ursina, seine Schwester Noemi und die beiden Gemüsegärtnerinnen Anna-Katharina Zbären und Marion Salzmann den Hof der Familie Leibundgut pachten konnten mit der Option, ihn später einmal ganz zu übernehmen. Und das nicht als klassischen Familienbetrieb, sondern als GmbH.

GmbH auf vier Schultern verteilt

Seit dem ersten Januar dieses Jahres ist der Hof kein Familienbetrieb mehr. In der Praxis hat sich deswegen noch nicht viel verändert. Die GmbH ist nämlich nur eine logische Weiterführung der Aktivitäten des Vereins Radiesli, welcher vor fünf Jahren gegründet wurde. Seit 2012 bauen die beiden Gärtnerinnen auf 60 Aren des zehn Hektar grossen Hofes in Worb Gemüse an, welches direkt an rund 110 Gemüseabonnenten geliefert wird.

Neu bewirtschaften die beiden Frauen zusammen mit den Töndurys nebst dem Gemüseblätz auch noch die Äcker, die zum Hof gehören und pflegen eine Herde Mutterkühe zur Fleischproduktion die zurzeit im Aufbau ist - und vorerst aus zwei Mutterkühen, drei Kälbern und zwei Rindlis besteht. Gemeinsam werden sie den gesamten Betrieb auf Bio umstellen. Die GmbH ist auf vier Schultern verteilt. Niculin vereint vorerst drei Viertel der Stimmen auf sich und ist somit der Ansprechpartner für Direktzahlungen. Seine Schwester Noemi ist zwar ebenfalls ausgebildete Landwirtin und Agronomin, arbeitet derzeit aber auch noch ausserhalb.

Produzieren, was gefragt ist

„Es ist schon eine grosse Herausforderung. Aber die Grösse vom Hof ist überschaubar und er ist sehr gut gelegen“, erklärt Niculin Töndury. Damit meint er nicht nur die Nähe zu seiner Heimatstadt Bern, sondern auch die Nähe zu den Konsumenten, die das Radiesli ihren Wünschen entsprechend beliefern will. „Wir werden nicht mehr Hühner halten, als wir Eier-Abos haben und nicht mehr Mutterkühe, als wir Fleisch absetzen können“, erklärt Niculin den Plan.

Die Lagerrüebli und Kartoffel, die das Radiesli bisher für die Abonnenten zugekauft hat, sollen künftig auf den eigenen Flächen produziert werden. Nur beim Getreide sieht er es nicht so eng: „Das möchten wir an Mühlen und Bäckereien verkaufen.“ Noch fehlen einige Abonnenten für Fleisch, Kartoffeln und das Hühnerabo vom Zweinutzungshuhn, das aus Eiern, Suppenhuhn und einem Güggeli (dem Bruder der Legehenne) besteht.

10-Hektaren-Betrieb

Bis der Betrieb in diesem Sinne geführt werden kann, gibt es noch einiges zu tun. Der jetzige Gemüse-Verarbeitungsraum soll in einen Stall für Mutterkühe umgebaut und der leerstehende Rossstall als Gemüse-Verarbeitungsraum eingerichtet werden. Der 10-Hektar-Betrieb gibt zwar Arbeit für vier bis fünf Personen, er ist aber zu klein, um als landwirtschaftliches Gewerbe zu gelten. Deshalb kann Niculin Töndury keinen zinslosen Investitionskredit in Anspruch nehmen.

Er rechnet mit Darlehen auf privater Basis und nimmt die Situation gelassen. Auch sonst wirkt er  ausgesprochen ruhig für einen 30-jährigen, der soeben eine neue Existenz aufbaut. Ruhig und bodenständig praktisch: „Statt mit Mutterkühen können wir auch mit Weiderindern anfangen, die wir nach der Sömmerung schlachten, damit wir im ersten Jahr nicht so viel finanziellen Leerlauf haben.“

Vom Biologiestudium zur Landwirtschaftslehre

Das landwirtschaftliche Denken ist für ihn nicht selbstverständlich. In der Kinderstube von Niculin und Noemi Töndury wehte kein Stallgeruch. Der Vater ist Kinderarzt, die Mutter arbeitet als Fachfrau in der Onkologie. Der Weg in die Landwirtschaft begann bei Niculin Töndury mit einem Biologiestudium. „Dabei hat mich immer das, was hier bei uns wächst oder lebt am meisten interessiert“, hält er fest. Seinen Zivildienst absolvierte er auf dem Bergbauernhof der Familie Heinrich in Filisur.

„Bis dahin hatte ich ein ziemlich romantisches Bild von der Berglandwirtschaft“, sagt er lachend, „ich dachte es sei so ähnlich wie im Buch Quatemberkinder.“ Er kannte kaum den Unterschied zwischen Heu und Emd. Die Arbeit im Freien, mit den Händen, mit Kartoffeln und Vieh gefiel ihm. Er arbeitete so engagiert, dass Marcel Heinrich einmal im Spass sagte, ihn nähme er auch als Lehrling. Als der Berner ein Jahr später auf diesen Spruch zurückkam, hielt Heinrich Wort. „Die Ansprüche an mich als Stift waren deutlich höher als an einen Zivi“, stellte Töndury fest.

Marion Salzmann ebnete den Weg

Aber es gefiel ihm noch immer. Das zweite Lehrjahr machte er dann auf einem vielseitigen Betrieb im Kanton Bern. Doch bereits beim Besuch der Bioschule Schwand wurde ihm klar, dass ein Leben als Landwirtschaftlicher Mitarbeiter für ihn keine Zukunft hat. Er wusste, dass er eines Tages selbst einen Betrieb führen wollte, um davon leben zu können.

„Dein Gemüse kennt Dich“

Das Radiesli ist ein Projekt für regionale Vertragslandwirtschaft, auch solidarische Landwirtschaft genannt. Der Verein hat rund 200 Mitglieder, etwa die Hälfte davon hat ein Gemüseabos gelöst. Der Slogan des Vereins lautet: „Dein Gemüse kennt Dich” und das ist gar nicht so falsch. Immerhin kennen die Mitglieder mit den Gemüseabos ihr Gemüse schon lange, bevor es in ihrer Küche landet. Sie arbeiten nämlich an mindestens acht Halbtagen pro Jahr auf dem Feld oder bei der Verteilung mit. Mehr lesen Sie hier

Da er in Bern zusammen mit seiner Frau in einer WG mit Radiesli-Gemüseabos lebte, ergab es sich, dass er Leibundguts kennenlernte. Dass es soweit kam, ist der Gemüsegärtnerin Marion Salzmann zu verdanken. Sie hat Leibundguts stets vom Modell der Vertragslandwirtschaft vorgeschwärmt. Ueli und Elisabeth Leibundgut betrieben einst eines der ersten Erdbeer-Selbstpflückfelder in der Region. Als sie nach einem schweren Hagelschaden entschieden, das Erdbeerfeld nicht mehr zu bepflanzen, bot Ueli Leibundgut Marion Salzmann den „Erdbeerbitz“ zur Gemüseproduktion an.

"Wir sind da reingewachsen"

Das war der Moment, auf den Marion gewartet hatte. Sie nahm das Angebot gerne an. „Dann sind wir da reingewachsen“, sagt Ueli Leibundgut im Rückblick. „Am Anfang haben wir befürchtet, dass ständig viele Leute auf dem Hof sind. Aber das ist nur an den Aktionstagen der Fall.“ Und die finden im Sommerhalbjahr etwa zwei bis dreimal im Monat statt.

Ueli und Elisabeth Leibundgut haben drei Kinder. Aber es hat sich halt so ergeben, dass diese in ihrem Leben eine andere Richtung einschlugen. Keines von ihnen wollte den Hof übernehmen. Natürlich hätten Leibundguts das Land parzellenweise verkaufen oder verpachten können. Ein Nachbar wäre durchaus interessiert gewesen. Doch das Paar gab dem Radiesli den Vorzug.

Leibundguts leben weiterhin auf dem Hof, Niculin Töndury zieht mit Frau und Kind ins Stöckli. Und Ueli Leibundgut arbeitet nach Lust und Laune ein wenig mit. „Wenn ich nichts zu tun habe, ist mir langweilig“, sagt er lachend und dass viele Arbeiten zu zweit einfach doppelt Spass machen. Dass er dieses Mal nicht untertreibt, spürt man.

Vertragslandwirtschaft als Juristenfutter

Vertragslandwirtschaft ist im bäuerlichen Bodenrecht nicht vorgesehen. Gruppen und Vereine können in der Schweiz kein Landwirtschaftsland kaufen oder einfach in der Landwirtschaftszone Gemüse für den Eigenbedarf anbauen. Und juristische Personen, die Landwirtschaft betreiben, bekommen mit Ausnahme von Biodiversitäts-, Landschaftsqualitäts- und Einzelkulturbeiträgen keine Direktzahlungen. Oft wird das Gemüse für die Vereinsmitglieder deshalb von einem (oder mehreren) Höfen produziert und dem Verein, bzw. den Mitgliedern verkauft. Oder der Verein bewirtschaftet Land in der Bauzone, ähnlich wie das bei Familiengärten der Fall ist.

Juristisch wirft das Gebiet rund um die Vertragslandwirtschaft viele Fragen auf, vieles hängt von der Art und Weise der Vertragsbeziehungen ab. Welche Formen von Vertragslandwirtschaftsprojekte es in der Schweiz gibt, wird im Buch „Gemeinsam auf dem Acker - Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz“ von Bettina Dyttrich und Giorgio Hösli anschaulich beschrieben. Das Buch ist im Rotpunkt Verlag erschienen. ISBN 9783858696670

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