26.05.2015 14:38
Quelle: schweizerbauer.ch - Hansjürg Jäger, lid
Innovation (4/4)
Für Innovation Komfortzone verlassen
Innovation ist der Schlüssel zum Erfolg, allerdings nicht heute, sondern in der Zukunft. Das gilt für die Wirtschaft ganz generell. Und für die Landwirtschaft im Speziellen. Es steht ein grosser Wandel an, wenn in Zukunft mit begrenzten Ressourcen die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden soll. Dabei müssen neue, bis dahin unbekannte Wege beschritten werden, was viel Engagement verlangt.

Innovativ soll sie sein, die Schweizer (Land-)Wirtschaft. Damit sie Qualitätsprodukte hervorbringt, die im Ausland reissenden Absatz finden. So mindestens fasst der Bundesrat, etwas vereinfacht dargestellt, die Rolle der Innovation auf: Sie soll dazu führen, dass die Schweiz wettbewerbsfähig wird, ist und bleibt. Und mit der Wirtschaft auch die Landwirtschaft. Doch was ist Innovation? Und warum ist sie wichtig, die Suche nach innovativen Produkten?

Innovation bedeutet Erneuerung

Der Begriff Innovation stammt vom lateinischen Verb „innovare“ ab und bedeutet wörtlich „erneuern”. Innovation ist nötig, damit man Herausforderungen wie zum Beispiel dem Bevölkerungswachstum begegnen kann. „Innovative Lösungen in der Landwirtschaft sind Produkte bzw. Dienstleistungsangebote, die einen echten Kundennutzen bieten, neu, wirtschaftlich rentabel und realisierbar sind“, erklärt Patrick Bürgisser.

Bürgisser lehrt an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) die Studierenden, wie sie den Innovationsprozess gestalten können. Denn entgegen der gängigen Auffassung verläuft Innovation nicht chaotisch, sondern folgt einem Prozess. Und doch steht am Anfang einer Innovation häufig das Chaos. Dann nämlich wenn eine neue Idee entsteht und mit ersten Versuchen in die Wirklichkeit geholt werden soll.

Veränderungen sind unbequem

Ist man einmal mit einer Idee soweit, dass sie auf dem gewünschten Markt eingeführt werden kann, stehen dann auch die Zweifler und Nein-Sager bereit, die in Innovationen zuerst einmal etwas Gefährliches sehen. „Viele haben Angst vor Innovation“, erklärt Patrick Bürgisser. Das liege daran, dass Veränderungen zuerst einmal unbequem seien und deshalb von vielen abgelehnt würden. Deshalb hätten auch viele Menschen das Gefühl, gar nicht innovativ sein zu können.

„Innovation war schon immer ein Thema in der Landwirtschaft“, so das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) auf Anfrage. Man habe sie vielleicht nicht so genannt. Auch Sandra Helfenstein, Leiterin Kommunikation beim Schweizer Bauernverband (SBV), sagt, dass sich die Landwirtschaft in den letzten zehn Jahren stark verändert habe. Mit neuen Betriebskonzepten (z.B. Betriebsgemeinschaften), Direktvermarktung, oder durch die Erschliessung von neuen Absatzkanälen. „All das ist Innovation und war nötig, um heute und in Zukunft bestehen zu können“, ist Helfenstein überzeugt. „Die grossen Veränderungen in der Landwirtschaft in den letzten Jahren sind Ausdruck einer enormen Innovationskraft“, sagt sie.

Im geschützten Markt braucht es keine Innovation

Dieser Schub sei auch nötig gewesen, denn solange man garantierte Preis- und Absatzgarantien habe, sei Innovation auf der Absatzseite unnötig, meint das BLW. Was in anderen Geschäftsbereichen Alltag ist, erreicht deshalb auch die Bauern, nämlich das ständige Suchen nach neuen Nischen, neuem Optimierungspotenzial und neuen Lücken, die man schliessen könnte. Innovation ist ein fester Bestandteil unserer Wirtschaftsordnung. Ohne Innovation würden die Bauern stets noch mit Pferdekarren ihren Mist ausbringen, ihre Milch abliefern und die Felder bestellen.

„Auch die Landwirtschaft unterliegt dem Innovationsprozess“, sagt Alfred Bänninger von Agridea. Bänninger arbeitet im Bereich Wertschöpfungsketten und Märkte, und weiss, dass die Landwirtschaft immer wieder innovativ ist. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die Innovationen für die Landwirtschaft an verschiedensten Stellen im „landwirtschaftlichen Wissenssystem“ vorangetrieben werden.

„Die Voraussetzung ist ein Störfaktor, eine Unzufriedenheit, ein Innehalten“, sagt Patrick Bürgisser von der HAFL, „und sich die Frage zu stellen, wie es denn weitergehen soll.“ Mit einer seriös ausgearbeiteten Umfeldanalyse, Kreativität und dem nötigen Fingerspitzengefühl bei der Umsetzung könne jeder innovativ sein, findet er.

Von der Innovation getrieben

Die Landwirtschaft steht laufend vor neuen Herausforderungen. Heute sind dies etwa die hohen Kostenstrukturen und die relativ geringe Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zum Ausland. Auch der politische Spardruck erhöht den Handlungsbedarf. Nicht zuletzt wird der bestehende Grenzschutz von anderen Akteuren der Wirtschaft und Gesellschaft vermehrt in Frage gestellt. All diese Faktoren führen zum Druck, günstiger und innovativer zu produzieren – sei es durch betriebliches Wachstum, sei es durch das Senken von Kosten dank Innovation, sei es durch innovative Angebote etc.

Auch sich wandelnde Konsumtrends bieten Chancen, sich besser am Markt zu positionieren. Wie Patrick Bürgisser von der HAFL sagt, wäre ein möglicher Weg, sich zu überlegen, was die Leute bewegt und welche neuen Bedürfnisse daraus entstehen. „Dieser Prozess ist aber alles andere als einfach“, sagt er. „Man muss offen sein für die Umwelt, für das, was da draussen geschieht und was die Menschen antreibt. Ihre Beweggründe, Sehnsüchte und Bedürfnisse erfahren können.“ Damit könnte man sich wenigstens zu einem gewissen Grad den politischen Rahmenbedingungen entziehen und selbst etwas zur Einkommenssteigerung beitragen.

Innovativ sein heisst Unternehmer sein

Und hier begegnen wir dem unternehmerischen Landwirt, der versuchen soll, „die bestehenden Grenzen zu sprengen und Neues zu realisieren“, wie es Alfred Bänninger von Agridea formuliert. „Letztlich können sich die Landwirte den Rahmenbedingungen und insbesondere dem Markt nicht entziehen. Im Gegenteil, sie müssen neue Markttrends erkennen und auf ihnen surfen”, sagt er. Vorstellbar ist Innovation dank mehr Zusammenarbeit und Teamleistungen, günstigerer Beschaffung durch die Erschliessung neuer Beschaffungskanäle und mehr Wertschöpfung dank Optimierung und Innovation in den Absatzkanälen. Viel Innovationspotenzial steckt im Einsatz von neuen Technologien. Denkbar und technisch machbar sind viele Innovationen, die Grenzen setzt sehr oft der Markt.

Andererseits – oder gerade deswegen – muss man auch in Innovationsprozessen mit Rückschlägen rechnen. „Rückschläge und Misserfolge sind die Wegbegleiter“, sagt Bürgisser, „und man sollte schon am Anfang wissen, wie man damit umgehen könnte.“ Es braucht deshalb Herzblut, Leidenschaft und Überzeugung. Andernfalls kann man eine neue Entwicklung kaum am Markt positionieren.

Einzelpersonen sind entscheidend

Und was braucht es in einem kleineren Betrieb, damit Innovation geschehen kann? Patrick Bürgisser von der HAFL: „Es braucht eine Person, die an das glaubt, was man machen muss und will, alles andere kommt von selbst.“ So brauche es auch keinen Verband, damit ein Landwirt innovativ sein könne, findet Sandra Helfenstein vom Bauernverband. „Aber der SBV ist nötig, um günstige Rahmenbedingungen für innovative Bauern zu schaffen“, sagt sie. Auch für Helfenstein bleibt es an den einzelnen Personen hängen: „Innovativ ist jemand, der sich bewegt, der in Veränderungen Chancen erkennt und diese nutzt“, sagt sie.

Alfred Bänninger umschreibt innovative Bäuerinnen und Bauern als kreative, breit interessierte und unternehmerische Persönlichkeiten, die offen für Neues, zielorientiert, kommunikativ, ausdauernd und standhaft gegenüber Rückschlägen sind. „Einstellungen und Ausreden wie ‚das geht nicht‘ oder ‚das haben wir immer so gemacht‘ haben da keinen Platz“, meint das BLW. Man muss also mindestens bereit sein, seine Komfortzone zu verlassen. Und dieses Risiko muss man in Kauf nehmen können.

QuNaV: Staatliche Förderung für innovative Projekte

Mit der Verordnung über die Förderung von Qualität und Nachhaltigkeit in der Land- und Ernährungswirtschaft (QuNaV) will der Bund die Markteinführung von innovativen Produkten oder Dienstleistungen unterstützen. Dabei soll die Wertschöpfung in der Landwirtschaft durch Nachhaltigkeit und Qualität erhöht werden. „Man soll nicht nur Gutes tun, sondern es auch verkaufen können und auf dem Markt bestehen“, sagt Priska Dittrich, die für die Umsetzung der QuNaV mitverantwortlich ist. Damit man Gelder aus dem Budget der QuNaV beziehen kann, muss man bei vier zentralen Prüfkriterien bestehen:

1. Wertschöpfung
Es werden nur Projekte finanziert, die Wertschöpfung in der Landwirtschaft schaffen. Die QuNaV ist dabei im Gegensatz zu den Strukturverbesserungsmassnahmen nicht auf die einzelbetriebliche Unterstützung ausgelegt. Ebenso werden auch keine Projekte gefördert, die nur regional wirksam sein wollen.

2. Anschubfinanzierung
Die QunaV leistet Anschubfinanzierung, die Projekte müssen nach spätestens vier Jahren selbsttragend sein. Dazu braucht es einen Businessplan mit einer Break-even-Berechnung (Mengenmässige Nutzschwelle).

3. Qualität & Nachhaltigkeit
Gelder werden für Projekte gesprochen, wo ein qualitativer, ökologischer oder sozialer Mehrwert vermittelbar ist und höhere Markterlöse ermöglicht. Das eingereichte Konzept muss eine Wirkungskontrolle beinhalten und aufzeigen, wie man den Projektverlauf überwacht.

4. Übergreifende Zusammenarbeit
Die QuNaV verlangt, dass mindestens zwei Stufen einer Wertschöpfungskette zusammenarbeiten. Zum Beispiel Milchproduzenten und eine oder mehrere Käsereien. In der Trägerschaft ist dabei die Landwirtschaft zwingend zu beteiligen.

Die QuNaV ist seit dem 1. Januar 2014 in Kraft und hat bisher bei 21 Projekten zur Finanzierung beigetragen. Insgesamt eingereicht wurden bisher 39 Projektanträge. Es gibt einen gewissen Dokumentationsaufwand, wenn man über die QuNaV Bundesgelder beziehen möchte.

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