24.08.2015 09:39
Quelle: schweizerbauer.ch - Ruth Bossert
Thurgau
Golfbälle statt Milchkühe
John Ritter hat seine Milchkühe verkauft und betreibt auf einem Teil seiner Landwirtschaft einen Übungsplatz für Golfer.

An diesem warmen Sommertag sind die Landwirte im Hinterthurgau am Heuen. Auf dem Hof Schönengrund zwischen Wiezikon und Oberwangen ist von der bäuerlichen Hektik nichts zu spüren. Auf dem grossen Parkplatz stehen einzelne Autos, die Marken verraten nicht, dass es hier um einen bislang elitären Sport gehen könnte. John Ritter (50) lacht, als er den Ausdruck elitär hört.

«Dem ist schon lange nicht mehr so», erklärt der sportliche Mann, den man weder dem bäuerlichen Stand noch dem Golfsport zuordnen kann. Der Sport habe seine Exklusivität verloren und sich von der High-Society-Sportart zu einem Breitensport für die Normalsterblichen entwickelt, erzählt er. «Immer mehr junge Leute finden am Golfen Spass.» Deshalb werde eine Driving Range in der Nähe immer wichtiger.

Kontakte pflegen

Das Konzept sei einfach, erklärt John Ritter fachmännisch. «Ich biete das Übungsgelände, das sich immerhin über eine Fläche von 4,5 Hektaren ausdehnt, und dazu zwei Dutzend Mattenplätze, um den Abschlag zu üben.» Die Golfer lösen am Automaten für einen Fünfliber 24 Bälle und beginnen mit Üben. Wer seine Trainingseinheit absolviert hat, geht wieder.

Das Gelände reicht bis 300 Meter Tiefe, somit kann das ganze Schlagrepertoire (Langspiel und Kurzspiel) angewendet werden. Die auf dem Rasen aufgezeichneten Zielflächen in 25, 45, 75 und 100 Meter Distanz eignen sich bestens, um das Kurzspiel zu üben. Zusätzlich stehen den Golfern noch Rasenabschlagplätze und überdachte Plätze für das Regenwetter zur Verfügung. Auf einem Puttinggreen mit 18 Löchern, das auf einem Kunstrasen angebracht ist, trainiert der Golfer das Einlochen. Zwei Golflehrer stehen für Privatlektionen oder Anfängerkurse bereit und können auf Anfrage gebucht werden. 

Bis vor vier Jahren noch 40 Kühe

Doch ganz so sang- und klanglos betreibt der gesprächige John Ritter seine Driving Range dann doch nicht. «Mir ist es wichtig, dass unsere Familie mit den Benutzern der Übungsplätze einen freundschaftlichen Kontakt pflegt», schildert er und erwähnt dabei auch seine Partnerin, Elisabeth Schläpfer, die auf dem Hof eine Reitschule mit 30 Ponys führt und Tochter Mirusha, die für das kleine Restaurant mit Getränken und Snacks, aber auch für Werbung und Marketing zuständig ist.

Doch wie kam der ehemalige Milchbauer, der bis vor vier Jahren knapp 40 Kühe und rund 30 Jungtiere im Stall hatte, zu Golfbällen? «Es war mein Vater, der Mitte der 90er-Jahre die Idee hatte, eine Driving Range zu realisieren», erzählt Ritter. Damals habe die Gemeinde Fischingen ihnen aber nur eine provisorische Bewilligung für zwei Jahre erteilt. Das war ihm  aber zu wenig sicher, und so verzichtete er. Im Jahr 2008 sei dann die Gemeinde wieder auf ihn zugekommen und wollte wissen, ob er immer noch interessiert sei, eine Golfanlage aufzubauen.

Brauchte eine Umzonung

«Ich begann mich intensiv mit der Möglichkeit einer Driving Range auseinanderzusetzen, machte viele Abklärungen und kam zu Schluss, die Sache zu wagen.» Mit ein Grund waren auch die immer schwierigeren Bedingungen in der Landwirtschaft. "Ich spürte, dass der Gemeinderat mit einer Driving Range die Attraktivität seiner Gemeinde mit dem Kloster Fischingen als Schulungshaus, dem Kneipphof als Ferien- und Erholungshotel und der Psychiatrischen Klinik Littenheid im Nachbardorf mit einer touristischen Attraktion aufwerten wollte. Deshalb ging auch das Verfahren zur Richtplanänderung relativ gut über die Bühne", erklärt Ritter. Die 4,5 Hektaren Landwirtschaftsland zwischen der Hauptstrasse und der Murg wurden als Sport- und Erholungszone ausgeschieden.

Als die Tiere verkauft wurden, sei es sehr traurig gewesen, schildert Ritter die damalige Situation. «Es fiel mir überhaupt nicht leicht, mich von den Kühen zu trennen.» Der 20 Hektaren grosse Hof gehörte schon immer seiner Familie, war dann aber jahrelang verpachtet. Mit 23 Jahren, nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung und nach Wanderjahren übernahm Ritter den Hof. «Als ich mich für die Umzonung entschied, vollzog ich auch den Wechsel von einem Produktionsbetrieb zu einem Dienstleistungsbetrieb.»

Reiten und Golfen

Ritter startete zeitgleich mit der Pensionspferdehaltung, und seine Partnerin vergrösserte die Ponyhaltung und ihr Angebot an Reitstunden für Kinder. Pro Woche kommen 80 bis 100 Kinder auf den Ponyhof. Seit einem Jahr steht auf dem Hof auch eine neue Reithalle. Auf den 20 Hektaren Landwirtschaftsland produziert Ritter Fütterungsheu für die 17 Pensionspferde und Ponys. Zusätzlich produziert er auf drei Hektaren Mais, das er verkauft. Mit diesen unterschiedlichen Standbeinen sei er heute sehr zufrieden. Immer wichtiger werde auch der Eventbereich, der von vielen Firmen, Vereinen, aber auch für private Familienfeiern geschätzt werde. Die Verbindung zwischen Golfen und Reiten erhalte immer mehr Bedeutung.

Und wie steht es denn mit dem Golfspiel von John Ritter? Er lacht schallend und erzählt, dass er auch hin und wieder ein, zwei Abschläge probiere. Doch meist fehle ihm die Zeit für das konzentrierte Training. Denn nach wie vor sei er an 365 Tagen mit den verschiedenen Tätigkeiten voll beschäftigt. Einzig das Restaurant auf der Driving Range sei am Montag geschlossen. Die Pferde und Ponys hingegen müssten täglich gehegt und gepflegt werden.

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