13.10.2013 07:19
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Ernährung
Herausforderung Ernährung
Mehr Menschen, aber weniger Ackerland: Die künftige Ernährung der Weltbevölkerung wird anspruchsvoll. Aber die Herausforderung könnte gemeistert werden – sogar in der Schweiz.

Die Bevölkerung wächst, doch die Erde wächst nicht mit. Nutzbares Ackerland wird langsam rar. Wenigstens wächst die Bevölkerung nicht überall gleich schnell: In der EU nimmt sie künftig leicht ab, nur in vielen Entwicklungsländern und in der Schweiz nimmt sie deutlich zu. Bis zum Jahr 2100 wird die Welt laut einer Prognose der Vereinten Nationen von elf Milliarden Menschen bevölkert; davon werden 13 Millionen aller Voraussicht nach in der Schweiz leben.

303'000 Hektar Ackerfläche plus Grünland

Heute hat die Schweiz rund acht Millionen Einwohner und muss bereits fast die Hälfte der Lebensmittel importieren. Dabei könnte sich die Schweiz eigentlich selbst ernähren. Zumindest theoretisch. Rein kalorienmässig betrachtet bräuchte es nur 303'000 Hektar Ackerfläche plus genügend Grünland um die Schweizer Bevölkerung mit einer ausgewogenen Mischkost zu versorgen. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hat ausgerechnet, dass 94'000 Hektar Weizen, 64'000 Hektar Kartoffeln, 26'000 Hektar Zuckerru¨ben und 120'000 Hektar Raps, zusammen mit 17'000 Hektar Gemüse und 13'000 Hektar Obst als solide Ernährungsgrundlage taugen.

Wenn dann noch 80'000 Hektar Kunstwiese und Flächen fu¨r den Futterackerbau hinzukommen, könnte die Schweizer Bevölkerung sogar satt werden, sofern das Nahrungsangebot mit tierischen Nahrungsmitteln auf der Basis von Raufutterverzehrern ergänzt wird. Vorausgesetzt, die Bevölkerung wäre mit einem ernährungsphysiologischen Minimum von 2'300 Kilokalorien zufrieden und damit, dass diese Kalorien zu rund 80% von pflanzlichen Lebensmitteln stammen.

Luxuskonsum verhindert Selbstversorgung

Könnte, wollte, würde: Diese Art von Selbstversorgung ist derzeit illusorisch. Der Durchschnittsschweizer bzw. die Durchschnittsschweizerin verzehrt nicht 2'300, sondern mindestens 3'200 Kilokalorien pro Tag und fast die Hälfte davon ist tierischen Ursprungs. Und die Schweizer Landwirtschaft produziert netto nur 1'800 Nahrungskalorien pro Kopf und Tag. Bei hohem Konsum und tiefer Produktion wird die Schweiz auch künftig kaum um Nahrungs- und Futtermittelimporte herumkommen.

Die Studie des BWL zum theoretischen Produktionspotential zeigt aber sehr schön den Stellenwert der heimischen Acker- und Grünflächen auf. Mehr als die Ha¨lfte der landwirtschaftlichen Nutzfla¨che der Schweiz befindet sich in der Hu¨gel- und Bergzone und eignet sich ausschliesslich fu¨r die Produktion von Grünfutter. Nur via Rinder, Schafe, Ziegen etc. lässt sich das dort wachsende Gras in Form von Milch und Fleisch nutzen. Weshalb das BWL zum Schluss kommt: "Eine Mischkost mit einem geringen Anteil Fleisch ist in der Schweiz wesentlich ressourceneffizienter als eine reine vegetarische Kost."

Potenzial der Fruchtfolgeflächen

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hat ausgerechnet, dass die raumplanerisch ausgeschiedenen Fruchtfolgefla¨chen von 438'560 Hektar ausreichen um genügend Brotgetreide, Kartoffeln, Zuckerru¨ben und Raps, Kunstwiesen und Gemu¨se anzubauen. Werden Kulturen wie z.B. Futtergetreide oder Silomais etc. auf weniger ertragreichen Böden angesiedelt und das Nahrungsangebot mit tierischen Kalorien auf der Basis von Dauergrünland ergänzt, kann die aktuell in der Schweiz lebende Wohnbevölkerung mit einer ausgewogenen Mischernährung versorgt werden. Die Verteilung der Ackerfläche müsste dann etwa so aussehen: Siehe Grafik Ackerboden. ed

Zehn Prozent mehr Milchkühe

Davon ging auch Priska Baur aus, als sie für Greenpeace eine Studie über das Produktionspotential der Schweizer Landwirtschaft unter dem Gesichtspunkt einer ökologischen Nutztierhaltung machte. Schweine und Hühner sind in dieser Studie als Nahrungskonkurrenten des Menschen nur noch in kleiner Zahl als Verwerter von Abfällen der Lebensmittelindustrie (z.B. Schotte) vorgesehen.

Raufutterverzehrer könnte die Schweiz laut der Studie dagegen wesentlich mehr vertragen: In einer ökologisch optimierten Schweizer Landwirtschaft dürften sogar zehn Prozent mehr Milchkühe, zwanzig Prozent mehr Schafe und doppelt so viele Ziegen wie im Jahr 2010 auf Schweizer Wiesen und Weiden grasen.

Politik zielt in andere Richtung

Genau das Gegenteil wird künftig der Fall sein: Die Raufutterverzehrer nehmen laut Modellrechnungen der Forschungsanstalt Agroscope in den nächsten vier Jahren um zehn Prozent ab. Zudem werden in den oberen Zonen des Berggebiets rund fünf Prozent der Fläche nicht mehr bewirtschaftet, und – je nach Region – bis zu 40 Prozent und mehr der vorhandenen Alpweidefläche aufgegeben.

Damit werden ausgerechnet jene Flächen nicht mehr produktiv genutzt, die in keinerlei Konkurrenz zur Produktion anderer Nahrungsmittel oder Bauvorhaben stehen. Denn die flächendeckende Bewirtschaftung in der Schweiz ist teuer, während Lebensmittel aus anderen Ländern billig sind. Zumindest für uns.

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