15.02.2016 12:50
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
St. Gallen
Hochwasserprojekt spaltet Gemüter
Zum Schutz vor Hochwasser soll der Alpenrhein auf dem untersten Abschnitt aufgeweitet und renaturiert werden. Die Interessen von Umweltorganisationen, Trinkwasserversorgern und Bauern liegen jedoch weit auseinander. Die Planer hoffen auf Kompromissbereitschaft.

Ein Jahrhunderthochwasser des Alpenrheins könnte im unteren Rheintal einen Schaden von über fünf Milliarden Schweizer Franken anrichten. 200'000 Menschen wären betroffen. Zwar finde statistisch gesehen ein solches Jahrhundertereignis «nur» alle 300 Jahre statt, trotzdem könnte eine Hochwasserkatastrophe laut Experten jederzeit eintreffen.

26 Kilometer langer Abschnitt

Die Internationale Rheinregulierung (IRR) hat deshalb das Projekt Rhesi (Rhein - Erholung und Sicherheit) gestartet. Dieses soll die Defizite beim Hochwasserschutz auf der Internationalen Rheinstrecke lösen. Mit baulichen Massnahmen soll die Abflusskapazität auf dem 26 Kilometer langen Abschnitt zwischen Oberriet SG und Bodensee stark erhöht werden.

Das Grossprojekt, an welchem Österreich und die Schweiz beteiligt sind, kostet laut einer Schätzung der ETH Zürich mindestens 600 Millionen Franken. Es wurde vor zehn Jahren begonnen und soll in rund 20 Jahren Jahren abgeschlossen sein.

Natur und Erholung

Die Anforderungen an Rhesi sind vielfältig: Der «neue Rhein» soll zu einem Naherholungsgebiet für die Bevölkerung werden, ohne die bestehenden Nutzungen - zum Beispiel durch die Landwirtschaft - stark zu beeinträchtigen. Damit mehr Wasser Platz hat und die Fliessgeschwindigkeit sinkt, wird das Flussbett innerhalb der bestehenden Dämme aufgeweitet.

Das Projekt muss die ökologische Situation des Rheins verbessern. Dies schreiben die gesetzlichen Bestimmungen beider Länder vor. Statt in einem engen Korsett soll das Wasser an Sandbänken und naturnahen Uferzonen vorbei fliessen und neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere bilden. In der neu entstehenden Flusslandschaft sollen sowohl Pflanzen und Tiere als auch erholungsbedürftige Menschen Platz haben. Zudem muss die Trinkwasserversorgung aus dem Grundwasser sichergestellt bleiben.

Interessen liegen auseinander

Mitte Februar läuft die Frist ab, während der sich Gemeinden und Interessengruppen zu «Rhesi» äussern konnten. Wie die Vernehmlassung gezeigt hat, liegen die Interessen von Landwirten, Trinkwasserversorgern und Umweltverbänden jedoch weit auseinander. Die Umweltverbände fordern eine umfangreichere Revitalisierung des Rheinabschnitts, als das Projekt vorsieht. Die Verbände werfen den Gemeinden vor, sie blockierten das Projekt, weil sie ihre Trinkwasserbrunnen nicht verlegen wollten oder den Verlust von Landwirtschaftsflächen fürchteten.

Das Wasserwerk Mittelrheintal warf dem WWF vor, er betreibe Stimmungsmache mit falschen Fakten. Die Aussagen seien unseriös und torpedierten den Rhesi-Planungsprozess. Die Trinkwasserbrunnen könnten nicht einfach verlegt werden, es brauche zusätzliche Untersuchungen und Tests, um die Auswirkungen der Flussbettveränderungen auf die Grundwasserströme und die Trinkwasserversorgung zu beurteilen.

270 ha Landwirtschaftsfläche im Projektperimeter

Die Landwirtschaft ist vom Jahrhundertbauwerk stark betroffen. So liegen im Projektperimeter auf Schweizer Rheinseite nicht weniger als 270 ha landwirtschaftlich genutzte Vorland-Fläche, welche für Hochwasserschutz und ökologische Massnahmen beansprucht werden sollen. Bei der zurzeit geplanten Rhesi-Variante blieben davon etwa 100 Hektaren landwirtschaftlich nutzbare Böden übrig. Bei dem vom WWF angestrebten Ausbau bliebe den Bauern praktisch kein Boden, den sie als Grasland nutzen könnten.

«Bevor mit der Umsetzung von Rhesi begonnen werden kann, wollen wir Lösungen für einige Probleme», sagt Landwirt und SVP-Kantonstat Walter Freund aus Eichberg gegenüber dem "St. Galler Tagblatt". So etwa für den Ersatz der Weideflächen im Rheinvorland. Wird Rhesi realisiert, fallen im Rheinvorland etwa 1,5 Millionen Kubikmeter Material an, das der Verbesserung der Rietböden dienen könnte. Für die Aufwertung der Böden werden aber bis zu 20 Millionen Kubik benötigt.

Für Nahrungsmittelproduktion brauche die Landwirtschaft Boden, so Freund. Den WWF und die anderen Umweltverbände interessieren die Sorgen der Landwirte aber nicht, ist er überzeugt. «Im Gegenteil. Im Flugblatt machen sich die Umweltverbände sogar lustig über die Bauern und Nutzer von Trinkwasser», führt der Landwirt weiter aus.

Baden am Rhein

Laut dem WWF sind Brunnen und landwirtschaftliche Pachtflächen keine harten Randbedingungen. Das Projekt Rhesi werde für ein, zwei Jahrhunderte gebaut. Da hätten kurzfristige Interessen keinen Platz, schrieb der WWF im Januar in einer Flugblattaktion an 80'000 Rheintaler Haushalte. Eine Umfrage in Vorarlberg und St. Gallen, welche die Umweltverbände in Auftrag gaben, habe ergeben, dass die Bevölkerung eine möglichst naturnahe Variante wolle.

«Der Rhein könnte mehrheitlich aus seinem Zwangskleid befreit werden. Bräteln und baden wären möglich», heisst es auf der Website der Umweltplattform «Lebendiger Alpenrhein», die mit ihrer Web-Initiative «Rhein raus!» Unterschriften für eine maximale Variante der Revitalisierung des Alpenrheins sammelt.

Kompromisse nötig

Wie Markus Mähr, Projektleiter Rhesi, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda sagte, werden die Planer die unterschiedlichen Interessen der Akteure möglichst berücksichtigen. Es brauche aber Kompromissbereitschaft von allen Seiten. «Wir werden uns dafür einsetzen, dass sich niemand dazu gezwungen fühlt, den Rechtsweg zu beschreiten», sagte der Bauingenieur, der vollamtlich als Projektleiter für die IRR tätig ist.

Als nächstes erarbeiten die Planer das sogenannte Generelle Projekt. Dieser Planungsschritt, der später in beiden Staaten einer Umweltverträglichkeitsprüfung Stand halten muss, soll bis Anfang 2018 abgeschlossen sein.

www.rhesi.org, www.lebendigerrhein.org

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