29.01.2016 06:06
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Verbände
«Ich brauche kein Verbandsmarketing»
Bergbauer Lorenz Kunz vermarktet jedes Kilogramm Milch selbst. Aber auch von ihm fordern die Schweizer Milchproduzenten (SMP) Marketingbeiträge. Nach der Betreibung drohen ihm die SMP nun mit der Pfändung.

«Schweizer Bauer»: Sie werden von den Schweizer Milchproduzenten (SMP) betrieben. Nun drohen Ihnen die SMP mit der Pfändung. Weshalb?
Lorenz Kunz: Meine Partnerin Magdalena Schatzmann und ich führen einen kleinen Bergbauernbetrieb in Diemtigen BE. Ich weigere mich, die Marketingbeiträge zu bezahlen, welche die SMP einfordern. Denn wir sind Selbstvermarkter, wir vermarkten jedes Kilogramm Milch selbst – als Alpkäse, Mutschli, Raclettekäse, Formaggini und Butter.

Auch im Winter geben Sie keine Milch ab?
Nein. Wir achten auf saisonale Abkalbung, sodass im Winter die meisten Kühe galt sind. Mit der noch anfallenden Milch stellt Magdalena Mutschli und Formaggini her. Wir haben 15 Kühe (reine Simmentaler und Swiss Fleckvieh), darunter auch ein paar Mutterkühe, und verarbeiten im Jahr rund 45'000 kg Milch. 

Wohin verkaufen Sie denn Ihre Produkte?
Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten einen recht grossen Kundenstamm aufgebaut. Magdalena macht als Musikerin ja auch Veranstaltungen, Konzerte, Kurse, für welche die Leute zu uns auf den Betrieb kommen und dann auch noch bei uns einkaufen. Wir gehen auch z'Märit. Ein kleiner Teil geht ins Bauernlädeli bei der Wiriehornbahn, wo die Produkte aber bis zum Verkauf, bei dem wir auch mithelfen, in unserem Eigentum verbleiben.

Um welche Beiträge geht es denn?
Um 853 Franken für zwei Jahre für das Milch- und Käsemarketing. 

Als Direktvermarkter können Sie sich doch laut Gesetz davon ausnehmen lassen.
Ja. Aber dafür soll ich eine Kopie meines Verkaufsheftes oder des Kassabuchs abliefern. Ja, sogar die Namen der Kunden soll ich nennen. Ich kann an einem Marktstand doch nicht nach dem Namen des Kunden fragen! Die halbe Buchhaltung sollen wir offenlegen. Dabei bin ich den SMP doch keine Rechenschaft schuldig. Ich bin auch nicht Mitglied der SMP. Die SMP sind für mich nicht zuständig.

Aber der Bundesrat hat diese Beiträge für allgemein verbindlich erklärt. Auch Nichtmitglieder der SMP müssen sie bezahlen.
Das ist nicht richtig. 1996 wurden in einer eidgenössischen Volksabstimmung Zwangsabgaben in der Landwirtschaft mit deutlichem Mehr abgelehnt. Ich habe damals mitgeholfen, das Referendum zu ergreifen, und wir waren erfolgreich. Was die SMP jetzt aber von mir eintreiben, ist genau eine solche Zwangsabgabe! Dass wir eine Werbung mitfinanzieren müssen, ist für mich als Bürger eines Staates, der doch vor allem die Freiheit des Individuums garantieren soll, ein Schlag ins Gesicht.

Aber Sie profitieren doch auch vom Marketing  für die Milch.
Nein, überhaupt nicht. Wir machen selbst Werbung, zum Beispiel mit unserer Website www.kulturland.ch. Wir nehmen die Werbung der SMP überhaupt nicht wahr. Alle unsere Kunden kaufen unseren Käse, weil sie uns persönlich kennen. Sie wissen, was für eine enge Beziehung wir zu jedem einzelnen Tier haben, dass unsere Kühe Hörner tragen, dass in unserer Herde ein Stier mitläuft, dass wir uns gegen die Zwangsimpfung bei der Blauzungenkrankheit gewehrt haben, dass wir auf der Alp auf dem offenen Feuer käsen und so weiter. Hinter der Grossverteiler-Milch, für welche die SMP Werbung machen, können wir auch nicht stehen: Sie stammt von enthornten Kühen, ist pasteurisiert (teilweise mehrfach) usw. Solche Milch trinken wir nicht. 

Sie sind auch sonst mit den SMP nicht einverstanden?
Nein. Für mich sind die SMP als Verband ein fixfertiger Wasserkopf, der nichts fertiggebracht hat. Ihre Meisterleistung besteht darin, den Bauernfamilien möglichst viel Geld aus dem Sack zu ziehen (rund 45 Millionen Franken im Jahr!). Das Chaos, das die SMP in der Milchpolitik und auf dem Milchmarkt veranstaltet haben, zeigt sich auch in ihren Abläufen. Bei den Pfändungsanweisungen steht im Briefkopf noch immer «Präsident Peter Gfeller», obwohl der schon im Frühling 2013 zurückgetreten ist. Gfeller war übrigens ein Studienkollege von mir am Technikum in Zollikofen BE. Er hat in der Milchwirtschaft ein solches Chaos hinterlassen, dass er selbst mit Melken aufgehört hat! Und was die SMP rund um die C-Milch bieten, die sie via ihre Lactofama im Ausland verschleudern wollen, ist Negativwerbung für Schweizer Milch.

Aber Sie sind Biobauer. Die SMP sagen, sie leiteten die Milchmarketingbeiträge der Biobauern vollumfänglich an Bio Suisse weiter.
Falls dies so ist, soll Bio Suisse solche Beiträge gefälligst selbst einfordern und nicht unter dem Deckmantel der SMP noch mehr Beiträge einkassieren. Ich zahle  ja ohnehin jedes Jahr einen happigen Beitrag an die Bio Suisse. Fakt ist, dass ich jetzt von den SMP betrieben werde.

Sind Sie denn überhaupt irgendwo Mitglied?
Bei Bio Suisse für das Knospe-Label. Und zwar via die Schweizer Bergheimat, die helfen auch Bauernbetrieben. Bei den Bärner Bio-Bure bin ich ausgetreten, seit die Delegierten mit 58 zu 56 Stimmen den Beitritt zur Lobag (heute Berner Bauernverband) beschlossen haben. Magdalena ist im Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), aber das ist freiwillig. Wir spenden auch an Swissaid, das ist ebenfalls freiwillig.

Wo steht das Verfahren gegen Sie jetzt?
Gegen die Betreibung habe ich Rechtsvorschlag erhoben. Der wurde vom Regionalgericht Thun abgelehnt. Als der Pfändungsbeamte auf den Betrieb kommen wollte, war ich gerade abwesend. Nun habe ich für Mittwoch eine Pfändungsvorladung nach Thun erhalten.

Allgemeinverbindlich sind laut einer Verordnung des Bundes 0,725 Rp./kg Marketingbeiträge an die Schweizer Milchproduzenten (SMP). Davon gehen 0,2 Rp./kg fürs Käsemarketing zur Switzerland Cheese Marketing (SCM). 0,525 Rp./kg verwenden die SMP für das Milchmarketing. Die Milchmarketingbeiträge von den Biobauern werden an Bio Suisse weitergeleitet.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE