6.06.2020 08:24
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Aargau
«Ich mache lieber»
Christa Strub aus Attelwil AG und ihre Familie sind auf den Markt angewiesen. Dort verkaufen sie etwa das Fleisch ihrer Kühe und Lämmer. Als Corona kam, mussten sie sich etwas einfallen lassen – und das taten sie.

Christa Strub tönt gut, als sie sich am Telefon meldet. «Ich komme gerade vom Markt», sagt sie und man hat den Eindruck, dass sie lächelt. «Es ist ein schönes Gefühl, die Leute wieder zu sehen. Das hat mir sehr gefehlt.» Obwohl auf den Märkten Schutzkonzepte beachtet werden müssen, wie Plexiglas-Scheiben, teilweise Schutzmasken und grössere Distanzen zwischen den Ständen, fühle es sich nach einem Stück zurückgekehrter Normalität an, so Strub. 

Schicksalstag

Die letzten Wochen waren nicht einfach für die Bäuerin aus Attelwil AG. Der Freitag, 13. März, ein Schicksalstag. «Als die Schulen schlossen, waren wir sehr verunsichert», erzählt die 37-Jährige. Am Samstag steht sie immer in Aarau auf dem Wochenmarkt. Sie wussten aber nicht, ob der noch stattfinden würde. «Das hat mich und meinen Mann Michel sehr unter Druck gesetzt. Wir sind auf den Markt angewiesen.»

Auf dem Markt in Aarau haben sie einen Stand und verkaufen das Fleisch ihrer Charolais, ihrer Lämmer und ihrer Wollschweine, Mehl aus dem eigenen Getreide ebenso wie Eier und Poulets aus hofeigener Produktion. «Wir setzen unsere Produkte momentan auf keinem anderen Weg ab als über den Markt. Und wir haben keine Kundenkartei, um an unsere Laufkundschaft in Aarau zu gelangen», habe sie gedacht. Schnell habe sie aber begriffen, dass Jammern nichts nützt.

Überrannt mit Anfragen

Als klar wurde, dass der Markt am Samstag, 14. März, noch stattfinden würde, habe sie über Nacht einen Flyer gestaltet mit dem Hinweis auf einen Lieferdienst. Der Flyer wurde gedruckt und sie konnte ihn am nächsten Tag jedem Kunden und jeder Kundin mitgeben. «Es war entscheidend, dass wir das gemacht haben.» Und es funktionierte.

Sie wurden überrannt mit Anfragen. Auf der Bestellliste hatten sie neben ihren eigenen Produkten Käse, Joghurt und Rahm von der Käserei Koppigen, mit der arbeiten sie eng zusammen, weil Strub dort aufgewachsen ist. Zudem konnte die Kundschaft Gemüse vom Nachbarsbauern und Gebäck von einer Frau im Dorf bei Strubs bestellen.

«Eine Katastrophe»

«Das war viel zu viel», sagt Christa Strub heute. «Die ersten drei Samstage, an denen wir auslieferten, waren eine Katastrophe!» Sie hätten beim Verpacken und Versand an so viel denken müssen, von dem sie zuvor keine Ahnung hatten. «Ich hatte ja keine Zeit, im Vorfeld ein Konzept zu erarbeiten», sagt Strub. 

Auch die ersten Auslieferungsfahrten seien purer Stress gewesen. «Wir hatten ja die Adressen der Kundschaft, wir wussten aber nicht, wo genau die Orte lagen, also sind wir unkoordiniert in Aarau rumgefahren und haben enorm viel Zeit gebraucht.» Alles habe lange gedauert, sie hätten nächtelang durchgearbeitet, verpackt, Rechnungen geschrieben und Zahlungseingänge kontrolliert «Das kommt ja alles auch noch dazu», so die Bäuerin. 

Kinder daheim

Als wäre das nicht alles genug, waren ihre Kinder zwischen 6 und 9 Jahren immer zu Hause, weil die Schulen ja geschlossen waren. «Sie sind noch zu klein, um wirklich mitzuhelfen. Am meisten haben sie mir gedient, wenn sie einfach ruhig waren, wenn das Telefon geklingelt hat und jemand eine Bestellung aufgab», so Strub. «Das war wirklich viel.» 

Heute muss Strub fast etwas lachen, wenn sie das erzählt. «Mit der Zeit ist aber alles einfacher geworden. Zwei junge Frauen, die auch nicht zur Schule konnten, kamen für ein Sackgeld hüten und halfen ebenso wie eine Kollegin.»

Rhythmus gefunden

Mit der Zeit sei es aber immer besser gegangen. «Wir haben dazugelernt, sind in einen Rhythmus gekommen, haben die Kisten gut angeschrieben, sind zu zweit ausliefern gegangen und haben eine sinnvolle Tour gewählt.» Es sei nicht immer einfach gewesen, aber sie seien nicht im Selbstmitleid versunken. «Ich will nicht jammern, ich will lieber etwas machen», so Strub. «Wir hatten ja schliesslich gar keine Wahl, als etwas zu machen».

Dank ihrer Idee und der harten Arbeit konnten sie aber die Einbussen vom Markt auffangen. «Und natürlich dank der Treue der Kundschaft», so Strub. Die vielen Bestellungen haben sie sehr berührt. «Auch die vielen Leute, die ihre Hilfe angeboten haben und extra zu uns gefahren sind, um im kleinen Hofladen einzukaufen, waren eine grosse Unterstützung», sagt Strub und scheint wieder etwas zu lächeln. 

Zum Betrieb

Christa und Michel Strub haben auf ihrem Bio-Betrieb 12 Charolais-Kühe mit Jungvieh, 50 Auen und deren Lämmer, 30 Weideschweine, 150 Hühner der Rasse Bresse-Gauloise, die sie selbst nachziehen und als Poulets verkaufen, für Eier haben sie 500 Legehennen. Sie bewirtschaften 19 Hektaren, auf denen sie vor allem Futterbau betreiben und kultivieren Weizen, Dinkel und Roggen für Mehl. Sie vermarkten alle ihre Produkte direkt. Zudem führt Christa Strub mit einer Kollegin die GmbH «Gourmet Pasteria». Eine Familie stellt für sie frische Pasta her und Strub und ihre Kollegin verkaufen sie drei Mal in der Woche auf verschiedenen Märkten. Am Samstag stellen sie den Pastawagen neben ihren Stand, an dem sie und ihr Mann die Hofprodukte verkaufen. jul

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