5.05.2020 15:38
Quelle: schweizerbauer.ch - Ann Schärer, lid
Aargau
Immer neue Ideen in der Pipeline
Die Familien Imboden und Peterhans gründeten bereits 1974 eine Betriebsgemeinschaft, bauten 1981 einen Laufstall für die Kühe und nahmen 2005 die erste Biogasanlage im Kanton Aargau in Betrieb. Letztere bringt den Betrieb dem Ideal eines geschlossenen ökologischen Kreislaufs näher.

Nein, in diesem Fall ist mit Algier nicht die Hauptstadt von Algerien gemeint, sondern eine Adresse im aargauischen Remetschwil.

Strom für 250 Haushalte

Sie hat dem Betrieb von Samuel Imboden und dessen Frau Josiane den einprägsamen Namen gegeben. Zur Betriebsgemeinschaft, die seit 2013 «Agrino» heisst, gehören zwei weitere Betriebe in der Region, die «Vogelrüti» und der «Weidhof» – jeder mit einer anderen Ausrichtung.

Das besondere Merkmal des Betriebs «Algier» ist die hofeigene Biogasanlage. Sie wurde als erste ihrer Art und Dimension im Kanton Aargau bereits 2005 in Betrieb genommen. Mit dieser Anlage produziert die Betriebsgemeinschaft heute eine Million Kilowattstunden Strom pro Jahr, was ausreicht um etwa 250 Haushalte mit Strom zu versorgen. Dazu kommt mittlerweile eine Solaranlage, welche nochmals etwa 300'000 Kilowattstunden Energie liefert.

Wärme für Heutrocknung

Die Biogasanlage wird zu 60 Prozent mit eigenem, zu 20 Prozent mit fremdem Hofdünger und zu 20 Prozent mit Getreidereinigungsabgang wie zum Beispiel Spreu, also Samenhüllen und Stängelteile, sowie Rüstabfällen gespiesen. So wird nicht nur Strom produziert, sondern auch Wärme. «Wir nutzen die Abwärme beispielsweise, um Heu zu trocknen, das wir für unsere Tiere brauchen», sagt Samuel Imboden.

Die Wärme wird auch verwendet um die Wohnhäuser des Betriebes zu heizen und um Holzschnitzel oder grosse Holzscheite zu trocknen. Wer auf einen der Container hinter dem Hof klettert, kann einen Blick auf die dekorativen trocknenden Holzspalten werfen. Sie trocknen für einen befreundeten Brennholzlieferant aus dem Nachbardorf und gelangen unter anderem in die Holzöfen der regionalen Pizzerien.

Regionalität als Grundsatz

«Die Regionalität ist mir bei all unseren Projekten ein grosses Anliegen. Deshalb liefern wir unsere Milch nach wie vor an die Dorfkäserei», sagt Imboden. Bereits wurde mit der Umstellung auf biologische Produktion begonnen. In etwa sechs Monaten ist die Umstellung dann abgeschlossen. Auch das eine Idee, die ursprünglich im Gespräch mit dem Käser aus dem Ort entstanden ist.

«Wir haben alle immer wieder neue Ideen und sind hier in der Region gut vernetzt», sagt Imboden. Manchmal seien fast zu viele Ideen im Köcher, ergänzt er lachend. Auch zum jetzigen Zeitpunkt sind die nächsten Ideen bereits in der Umsetzung. So etwa die Kälberaufzucht mit einem Tränkeautomaten. «Unsere Kälber bleiben alle mindestens 150 Tage hier bei uns, also auf ihrem Geburtsbetrieb», sagt Imboden.

Geschlossener Kreislauf als Ziel

So können sie ein starkes Immunsystem aufbauen und Antibiotika-Einsatz kann vermieden werden. Ein wichtiges Anliegen für den zukünftigen Biobetrieb. Die männlichen Tiere sowie Kreuzungstiere werden als Remonten, also für die Weiterzucht, an einen Nachbarbetrieb verkauft. Dieser produziert unter anderem Rindfleisch unter dem Label Aldi-Bio-Weide-Rind.

Gleich neben der Kälberaufzucht befindet sich die Pferdepension, die von Samuel Imbodens Frau Josiane betreut wird. Die Pferde und Ponys können regelmässig raus auf die Weide. Der Pferdemist landet zusammen mit der Gülle aus dem Laufstall und dem Kälberstall in der hofeigenen Biogasanlage. Das ermöglicht die Führung des Betriebes als geschlossenen Kreislauf. Ein Gedanke, der Samuel Imboden nebst der Regionalität, sehr wichtig ist.

In Roboter investiert

Gleichzeitig steht für ihn und seine Betriebspartner aber stets auch die Wirtschaftlichkeit im Fokus. Dank der sogenannten kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) ist die Biogasanlage amortisiert und wirft mittlerweile Gewinn ab. Mit der KEV unterstützt der Bund Ökostromerzeuger während 20 Jahren mit Beiträgen. Finanziert wird diese Unterstützung durch eine Abgabe der Stromkonsumenten.

Das Geld, das die Biogasanlage dadurch mittlerweile abwirft, ermöglicht neue Investitionen in den Betrieb. So ist seit letztem September im Laufstall ein Melkroboter im Einsatz. Aktuell für 45 Milchkühe. Bis Ende 2020 möchte Samuel Imboden auf 65 Tiere aufstocken, wovon 55 aktuell Milch geben und jeweils den Roboter nutzen.  

80 Hektaren Nutzfläche

Auf dem Betrieb «Vogelrüti», der von Samuel Imbodens Cousin Niklaus Peterhans und dessen Frau Marcia bewirtschaftet wird, lebt ein Stier und 30 Mutterkühe mit ihren Jungtieren, aus denen Fleisch mit dem Natura-Beef-Label entsteht. Die Kälber werden jeweils im Alter von 10 Monaten geschlachtet. Ein weiteres wichtiges Standbein der Betriebsgemeinschaft.

Aktuell noch eher Hobby als Standbein ist der Rebberg mit 50 Aren, der kürzlich zur Betriebsgemeinschaft gestossen ist, das Rebgut «Märxli». Es wird von Raphael Peterhans gepflegt, ebenfalls ein Cousin, der letztes Jahr den Betrieb «Weidhof» übernommen hat. «Die Betriebe Algier und Vogelrüti gehören der Betriebsgemeinschaft, den Weidhof konnten wir pachten», sagt Samuel Imboden. So kommen insgesamt 80 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche zusammen.

Reich an Ideen

Auf dem Weidhof wird aktuell ausschliesslich Ackerbau betrieben. Doch sind auch für diesen Betrieb bereits wieder Ideen in der Pipeline. «Wir möchten auf dem Weidhof Erlebnisgastronomie anbieten. Doch sind wir aktuell noch nicht soweit», sagt Imboden, der nach der Ausbildung zum Landwirt die Ausbildung zum Agrotechniker HF absolviert hat. Zuerst will nämlich die neueste Idee auf gute Wege gebracht werden: «Buur on Tour», ein Hauslieferabo für regionale Lebensmittel.

«Betriebe aus der Region liefern ihre Produkte an eine Zentrale. Von dort aus werden die Bestellungen zusammengestellt und ausgeliefert», erklärt Imboden die Idee. Das klingt stark nach einer Idee, die aufgrund der aktuellen Covid-19-Pandemie entstanden ist. «Ja, das könnte man meinen, aber es hat wirklich keinen Zusammenhang», sagt Imboden. Vielmehr sei auch diese Idee wieder beim Austausch mit anderen regionalen Produzenten entstanden – und zwar bereits im letzten Jahr.

«Ein Kollege von mir hatte ein bestehende Gemüse-Abo-Angebot und sich überlegt, wie er dieses weiterentwickeln könnte. So hat sich die Idee ergeben, sich ‘Buur on Tour’ für die Region Brugg, Baden und Bremgarten anzuschliessen». Und so ergibt sich auf dem Betrieb mit dem fremdländisch klingenden Namen «Algier» seit Generationen eine Idee nach der anderen.

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