31.01.2014 11:10
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Tierwohl
Ist «Generation M-Projekt» Gefahr für die Schweizer Bauern?
Die Migros will künftig nur noch tierische Produkte aus dem Ausland einführen, die nach Schweizer Tierschutzstandards produziert worden sind. Verliert die Schweizer Landwirtschaft damit den Tierwohl-Bonus?

Das Ziel ist ambitioniert: Die Migros will ab spätestens 2020 nur noch Milchprodukte, Fleisch und Eier importieren, die im Ausland nach Schweizer Tierwohl-Standards produziert werden. "Generation M" heisst das Projekt der Migros. Zusammen mit Organisationen wie dem Tierschutz definiert der Detaillist Anforderungen, die punkto Tierhaltung, Gesundheit, Fütterung, Transport und Schlachtung gelten sollen. Für die Bereiche Truten-, Kaninchen- und Pferdefleisch ist die Umsetzung der neuen Anforderungen bereits im Gang. Poulet soll folgen.

Eine artgerechte Haltung der Nutztiere ist auch der Grünen Partei ein Anliegen. Diese fordert, dass importierte Lebens- und Futtermittel Schweizer Qualitäts-, Umwelt- und Tierschutzstandards entsprechen müssen. Erreichen wollen das die Grünen mittels Volksinitiative.

Tierwohl ist entscheidend

Migros und die Grünen bewirtschaften ein Thema, das den Schweizer Konsumenten zunehmend wichtig ist – das Tierwohl. Für viele Konsumenten gilt: Wenn schon tierische Produkte konsumieren, dann sollen es Rind, Schwein und Huhn möglichst gut haben. Dafür sind sie auch bereit, mehr zu bezahlen.

In der Schweiz haben es die Nutztiere besser, denn hierzulande gelten strengere Tierschutz-Vorschriften als in der EU. So dürfen in der Schweiz etwa Ferkel nur mit Narkose kastriert werden, Schnabelcoupieren bei Legehennen ist nicht erlaubt, Tiertransporte dürfen nicht länger als 6 Stunden dauern.

Der Anteil Tiere, die im Rahmen des staatlichen Programms "Regelmässiger Auslauf von Nutztieren im Freien" (RAUS) gehalten werden, stieg in den letzten zehn Jahren um 20 auf 73 Prozent. Beim Programm "Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme" (BTS) verdoppelte sich der Anteil auf heute knapp 50 Prozent (siehe Grafik). Dazu kommen diverse Labels, deren Anforderungen über die minimalen gesetzlichen Vorschriften hinausgehen.

Druck nimmt zu

Strengere Tierschutzvorschriften verteuern zwar die Produktionskosten der Schweizer Landwirtschaft, sie sind aber gleichzeitig auch der grosse Trumpf, mit dem man bei einer Tierwohl-sensiblen Bevölkerung punkten und sich von ausländischen Produkten abgrenzen kann. Was aber, wenn ausländische Produkte quasi auf Augenhöhe daherkommen?

Diese tierischen Produkte werden importiert

Massentierhaltung, tierquälerische Transporte oder tiefe Tierschutzstandards: Die Bedingungen, unter denen im Ausland Nutztiere gehalten werden, stehen immer wieder in der Kritik. Bei der Tierschutz-Diskussion stehen vor allem Fleisch und Eier im Zentrum, weniger aber Milchprodukte. Die Schweiz führt beim Geflügel und bei den Eiern rund 50 % des Bedarfs ein. Der Import-Anteil liegt beim Schaffleisch bei ca. 60 %, beim Pferdefleisch bei über 90 %. Hoch ist der Selbstversorgungsgrad hingegen beim Kalbfleisch (98%), Rindfleisch (88%) und Schweinefleisch (97%). mw

Die Eierproduzenten sehen den Tierwohl-Bonus der Schweizer Landwirtschaft durch die Migros gefährdet. "Wenn nun die Grossverteiler nur noch Waren importieren, die in Haltung und Herstellung unserer Schweizer Produktion ebenbürtig sind, werden einige unserer Argumente weniger Gewicht haben", beklagt Jean Ulmann, Präsident von Gallo Suisse, dem Verband der Schweizer Eierproduzenten, in der Geflügelzeitung. Die Konsumenten könnten womöglich nicht mehr gewillt sein, einen Mehrpreis für Schweizer Eier zu bezahlen.

Marke Schweiz bleibt attraktiv

Peter Röthlisberger, Präsident der Schweizer Geflügelproduzenten, spricht zwar von einem ernst zu nehmenden Thema, ist aber weniger besorgt. "Das strengere Schweizer Tierschutzgesetz ist durchaus ein Verkaufsargument, aber nicht das einzige." Entscheidend sei das Gesamtpaket "Herkunft Schweiz". Dazu gehörten etwa bäuerliche Familienbetriebe, eine GVO-freie Fütterung und die Regelung der Höchst-Tierbestände. Auch sei die Schweiz von Lebensmittelskandalen verschont geblieben, während dies im Ausland immer wieder mal der Fall gewesen sei.

Konsumenten würden zunehmend bewusst einkaufen, Produkte aus der Region lägen im Trend. "Wenn jemand ein Poulet aus der Region will, wird er kaum ein solches aus Polen kaufen, nur weil es unter vergleichbaren Bedingungen produziert wurde", so Röthlisberger. Er verweist darauf, dass 90 Prozent der Mastpoulets in der Schweiz in Ställen gehalten werden, die mehr Komfort bieten als gesetzlich vorgeschrieben.

Ausländer müssen auch teurer produzieren

Müssen ausländische Geflügelproduzenten nach Schweizer Standards produzieren, werden deren Produktionskosten steigen, weil zum Beispiel auf der gleichen Fläche weniger Tiere gehalten werden dürften. Ausländisches Poulet würde teurer, die Preisdifferenz zu Schweizer Geflügel kleiner.

Die Befürchtungen der Eierproduzenten, Schweizer Produkte könnten ins Hintertreffen geraten, teilt die Migros nicht. "Die ausländischen Produkte werden bei den Kundinnen und Kunden nicht die gleiche Beliebtheit haben wie die Schweizer Produkte", erklärt Mediensprecher Urs Peter Naef. Es sei eine Realität, dass viele Produkte importiert werden müssten, weil die Inlandproduktion die Nachfrage nicht abdecken könne. Auch bei den Importen wolle man sicherstellen, dass das Schweizer Tierwohl-Niveau gewährleistet sei.

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