29.01.2018 13:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Käse
Käse-Freihandel: Traum und Realität
Der Bundesrat will den Bauern neue Freihandelsabkommen dadurch schmackhaft machen, dass dann auch mehr Schweizer Käse exportiert werden könnte. Bei den bisherigen Freihandelsabkommen war das allerdings nicht immer der Fall.

Dass Freihandelsabkommen den Handel beleben, ist unbestritten. Allerdings ist diese Belebung nicht immer von Dauer und vor allem ist sie nicht in allen Bereichen gleich. Im Bereich Landwirtschaft werden dem Käse die besten Exportchancen attestiert. Beim Käse ist die Schweiz, wie das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und Bundesrat Schneider-Ammann immer wieder betonen, auch am konkurrenzfähigsten. Ein Blick in die Exportstatistik lässt allerdings Zweifel an der Behauptung aufkommen, dass die Schweizer Käser und Bauern von Freihandelsabkommen profitieren.

Negative Auswirkungen

Aktuell sind 29 Freihandelsabkommen mit 37 Partnerstaaten (EU/EFTA ausgenommen) rechtskräftig. Diese Abkommen regeln den Zugang der Schweiz zu einem Markt von 2,2 Milliarden Konsumentinnen und Konsumenten. Eines der ersten Freihandelsabkommen war 1992 das Abkommen mit der Türkei. Die Käseexporte in dieses Land sind seither auf Null gesunken.

Ein Jahr später trat das Freihandelsabkommen mit Israel in Kraft. Dort stiegen die Käseexporte später auf 60 Tonnen an – was der verarbeiteten Milchmenge von drei durchschnittlich grossen Schweizer Milchviehbetrieben entspricht. Die nächsten Freihandelsabkommen mit den Färöer-Inseln und Palästina hatten Null Auswirkungen, das Abkommen mit Marokko hatte Null positive, sondern nur negative Auswirkungen auf den Käsehandel.

Auch die Freihandelsabkommen mit Mexiko, Mazedonien, Chile, Libanon, Ägypten, Japan, Peru, Hongkong, Panama und der Südafrikanischen Zollunion SACU mit den Ländern Südafrika, Botsuana, Namibia, Lesotho haben zu sinkenden, statt steigenden Schweizer Käseexporten in diese Länder geführt.

Verbilligter Käse

Die Gründe dafür sind teilweise banal: „Die Freihandelsabkommen mit der Türkei und Mexiko enthalten keinen präferenziellen Marktzugang für Schweizer Käse“, erklärt Isabel Herkommer, die Mediensprecherin des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO). Das war allerdings auch beim Abkommen mit Singapur der Fall und dort hat immerhin eine gewisse Belebung der Käseexporte stattgefunden.

Pierre-André Pittet, er ist Bereichsleiter Wirtschaft und Internationales bei den Schweizer Milchproduzenten (SMP), weist darauf hin, dass zu Zeiten der Käseunion verbilligter Käse nach Marokko verscherbelt wurde. „Das könnte ein Grund sein, warum die Exporte einbrachen, nachdem die subventionierten Exporte wegfielen.“

Es braucht ein Konzept

Die sinkenden Käseexporte nach Japan lassen sich damit allerdings nicht erklären, zumal in Japan der Käsekonsum in den letzten Jahren rasant gestiegen ist. Die Schweiz hätte theoretisch die Möglichkeit, im Rahmen eines Zollfreikontingents 260'000 Tonnen Käse nach Japan zu exportieren. Praktisch machen von diesem Kontingent aber vor allem die Dänen, die Franzosen und die Holländer Gebrauch. Ihre (meist milden) Käse scheinen in Japan mehr gefragt zu sein als die (vorwiegend würzigen) Käse aus der Schweiz. Pittet: „Freihandel ist eben nicht alles, es braucht auch ein Konzept, Marketing vor Ort und vieles mehr.“

Die grossen Hoffnungen auf die Käsekonsumenten in Asien blieben auch bei China unerfüllt. Seit dem Freihandelsabkommen vor vier Jahren sind die Käseexporte zwar leicht gestiegen, aber das Niveau ist äusserst bescheiden. 2016 wurden gerade mal 90 Tonnen Käse exportiert – für deren Herstellung benötigt man nicht mal eine Million Kilo Milch. Zum Vergleich: Es gibt in der Schweiz mehrere Dutzend Betriebe, die allein mehr als eine Million Kilo Milch produzieren.

Billig-Reibkäse für China

Letztes Jahr stiegen die Käseexporte nach China zwar auf fast 300 Tonnen an. Aber nicht im wertschöpfungsstarken Halbhart- oder Hartkäsesegment, sondern nur weil neuerdings billiger Reibkäse nach China exportiert wird. Auch in Südkorea liessen nicht die Käse-Traditionsmarken die Exporte nach dem Freihandelsabkommen von 55 auf 1500 Tonnen ansteigen, sondern vor allem Frischkäse und Mozzarella. Inzwischen sind die Käseexporte dorthin wieder auf 150 Tonnen gesunken, obwohl Südkorea der Schweiz für alle traditionellen Weich-, Halbhart- und Hartkäse mengenmässig unbeschränkten, zollfreien Marktzugang erlaubt.

Etwas, das nach wie vor nicht bei allen Freihandelsabkommen der Fall sei, wie Herkommer erklärt: „Kanada gewährt der Schweiz unter dem bestehenden Freihandelsabkommen zum Beispiel kein zusätzliches bilaterales Präferenzkontingent.“ Schweizer Käseimporte nach Kanada finden deshalb trotz Freihandelsabkommen nur im Rahmen eines WTO-Kontingentes statt, welches sich auf 6,94 Mio. Kilo beläuft. Von diesem Kontingent werden von Schweizer Käseexporteuren nicht einmal 2'000 Tonnen genutzt.

Deutliche Zunahme in die USA und nach Russland

Wenigstens nehmen die Exporte nach Kanada stetig zu und nicht ab wie in anderen Ländern. Noch viel mehr stiegen die Exporte allerdings in die USA: In den letzten zehn Jahren haben die Käseexporte dorthin um satte 40 Prozent zugelegt, sie betragen inzwischen rund 8'000 Tonnen. Dabei haben die USA – nicht zuletzt wegen des Widerstands der Bauern – gar kein Freihandelsabkommen mit der Schweiz. Genauso wenig wie die Schweiz eines mit Russland hat. Trotzdem sind die Schweizer Käseexporte in Putins Reich geradezu explodiert. Der Exportkäse ist inzwischen mehr als 12 Mio. Franken wert, zwölf Mal mehr als noch vor 2005.

Das ist allerdings weniger das Verdienst der Schweizer Käseexporteure, sondern primär dem Embargo der EU zu verdanken. Die Käseexporte in diese beiden Nicht-Freihandels-Länder liegen übrigens im Hochpreissegment: Im Schnitt werden bei den Exporten in die USA 10 Franken, nach Russland 9,50 Fr. pro Kilo Käse erzielt.

Nicht Mengen, sondern Preise entscheiden

Dies im Unterschied zu den Käseexporten in die EU. Dort sind nach dem Käsefreihandel die Exportpreise von 10 Franken auf 8,30 Franken pro Kilo gesunken. Statt Markenkäse im Hochpreissegment wird nämlich vermehrt mehr No-Name-Billigkäse in die EU exportiert. Das relativiert die seit dem Freihandel gestiegenen Exportmengen. „Beim Freihandel stehen leider oft nur die Mengen im Fokus“, sagt Pittet. "Viel zu selten werden die massiv steigenden Importe und der enorme Preisdruck, der bei gegenseitigem Marktzugang ausgelöst wird, thematisiert.“

Steigende Exporte, stagnierende Erlöse

Ein Blick auf den Marktwert spricht Bände. Trotz der gestiegenen Käse-Exportmengen in die EU ist der Wert der dorthin exportierten Käse in den letzten zehn Jahren kaum gestiegen. Vor 2007, dem Jahr in dem die Zölle beim Käse vollständig abgebaut wurden, waren die Schweizer Käseexporte in die EU 402 Mio. Franken wert, 2016 waren es – trotz der um 30 Prozent gestiegenen Menge – nur wenig mehr, nämlich 438 Mio. Franken. Die Schweizer liefern also deutlich mehr Käse für einen ähnlich grossen Erlös.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE