3.05.2013 09:48
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier/Daniel Salzmann
Nahrungsmittelindustrie
«Konsumenten heranführen»
Die Bischofszell Nahrungsmittel AG (Bina) produziert für die Migros und weitere Abnehmer verarbeitete Produkte. Ihr Chef Otmar Hofer will auch bei Tiefkühl-Gemüse die Konsumenten an Schweizer Rohstoffe heranführen.

«Schweizer Bauer»: Kürzlich lancierten Sie die Linie Bischofszell in Rot-Weiss mit Schweizer Kreuz. Ist bei der Bina jetzt Swissness Trumpf?
Otmar Hofer: Die ehemalige Konservenfabrik war bis in die 70er-Jahre mit der Marke Bischofszell am Markt präsent. Nun wollen wir mit ihr in unser Sortiment, das durch Migros-Eigenmarken geprägt ist, einen emotionalen Anker hineinsetzen. Der Einführungszeitpunkt fällt zwar mit der Diskussion um die Swissness-Vorlage zusammen, aber die Swissness ist nicht der Treiber.

Was denn?
Erstens sind es neue Rezepturen. Die sortenreinen Apfelmuse etwa süssen wir mit Apfelsaftkonzentrat und nicht mit Zucker. Zweitens beschaffen wir die Rohstoffe möglichst regional, die Äpfel etwa kommen aus dem Thurgau. Und bei der Rösti schreiben wir den Kartoffelproduzenten auf die Verpackung.

Wird Regionalität als Verkaufsargument immer noch wichtiger?
Mit regionalen Rohstoffen und regionaler Verarbeitung können wir Vertrauen schaffen. Wir stellen fest, dass Regionalität vom Konsumenten viel direkter verstanden wird als viele Labels, bei denen agrartechnische Aspekte erklärt werden müssen. Und auch ein Konsument in Genf oder im Tessin schätzt es, wenn er sieht, dass die Kartoffeln aus Kriessern SG kommen.

Sie verarbeiten viele Schweizer Kartoffeln – aber nicht nur?
Von den 56'000 Tonnen Kartoffeln, die wir in Bischofszell verarbeiten, gehen deutlich unter 1000 Tonnen über den Veredelungsverkehr. Die tieferen Rohstoffkosten bei ausländischen Kartoffeln helfen im Exportgeschäft. Aber wir können damit auch Schweizer Rohstoffe nachziehen und exportieren, etwa «Blaue St.Galler»-Kartoffeln als Chips. Mühe macht uns als Verarbeiter der Veredelungsverkehr in der anderen Richtung. Schweizer Kartoffeln werden in Deutschland und Österreich zu Chips oder Pommes frites verarbeitet. Diese Produkte werden in der Schweiz zu tiefen Preisen angeboten und bringen so das ganze Preisgefüge unter Druck. Das spüren dann auch die Bauern.

Ist es für Konsumenten überhaupt wichtig, woher die Rohstoffe in verarbeiteten Produkten stammen? 
Ich glaube nicht, dass man bei stark verarbeiteten Produkten von einer Entfremdung zwischen Rohstoff und Konsument sprechen kann, wie es der Bauernverband im Januar vor den Medien andeutete. Rein technisch wäre es schwierig, bei zusammengesetzten Produkten von allen Zutaten die Herkunft anzugeben, und dies erst noch in drei Sprachen und lesbar auf der Packung aufgedruckt. Wir versuchen den Konsumenten aber an Schweizer Rohstoffe heranzuführen, indem wir etwa bei den Verarbeitungsfrüchten die Schweizer Produktion fördern. Und wir bieten nicht nur tiefgekühlten Spinat aus der Schweiz an, sondern auch Schweizer Broccoli und Blumenkohl.

Volumenmässig dominiert aber das Import-Gemüse.
Wir hatten eine Phase, in der  vor allem der Handel einseitig auf preisliche Aspekte Wert legte. Es war somit nicht mehr interessant, diese Kulturen für die Verarbeitung in der Schweiz zu produzieren. Nun ist es an uns, diesen Kreis zu durchbrechen. Vielleicht lässt sich in Zukunft auch bei Industrieerbsen und Industriekarotten eine namhafte einheimische Produktion aufbauen. 

Die Bina exportiert heute 5% ihrer Produkte. Wenn Sie mit einem EU-Agrarfreihandel die Schweizer Rohstoffe zum EU-Preis einkaufen könnten, wo sehen Sie weitere Exportchancen?
Das Schweizer Ernährungssystem ist für 7 bis 8 Mio. Einwohner ausgelegt. Wir haben bei den Kartoffeln rund 110 Vertragsbauern. Es ist eine andere Ausgangslage, wenn ein Mitbewerber im Ausland mit nur zwei Lieferanten bereits die doppelte Anbaufläche abdeckt. Wir haben in jedem Fall eine höhere Kostenstruktur. Bei Kostenneutralität der Rohstoffe allein verbessern sich unsere Exportchancen nicht über Nacht. Da müssen wir realistisch bleiben. Exportchancen hat die Schweiz vor allem mit traditionellen Produkten wie Käse, Schokolade und Dauerbackwaren. 

Wäre ein EU-Agrarfreihandel gar gefährlich für die Bina?
Die Märkte sind ja allgemein offener, als man teilweise wahrhaben will. Deshalb müssen weitere Öffnungsschritte volkswirtschaftlich und politisch sorgfältig abgewogen werden. Der Freihandel würde den Druck auf das Schweizer Ernährungssystem erhöhen, mit erheblichen Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette. Dies gilt nicht unbedingt für unsere Premium-Produkte wie die Terra-Chips, sondern für den Commodity-Bereich. Wir können unsere Produktionsstätte in Bischofszell mit 850 Arbeitsplätzen nicht auf einen «Garagenbetrieb» eindampfen. Und wir möchten unsere Volumen mit Schweizer Kartoffeln, Apfelsaft, Zucker nicht zu Gunsten des Imports aufgeben.

Zu Recht war die Migros stolz, dass sie von der Falschdeklaration von Pferdefleisch nicht betroffen war. Was haben Sie besser gemacht?
Wir waren nicht stolz, nicht betroffen gewesen zu sein. Die kriminellen Machenschaften sind unerfreulich, weil sie das Vertrauen in verarbeitete Produkte geschädigt haben. Einerseits sind wir bei der Migros uns gewohnt, vom Handel über die Verarbeitung und mit IP-Suisse auch bis hin zu den Bauern zusammenzuarbeiten. Andererseits verarbeiten wir wenn immer möglich Schweizer Rohstoffe. Die ganze Branche ist im Sinne der Lebensmittelsicherheit gefordert, noch genauer hinzuschauen. 

Für die M-Budget-Fertiglasagne verarbeiten Sie aber auch ausländisches Rindfleisch?
Ja. Die Micarna überprüft unseren deutschen Lieferanten aber regelmässig.

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