8.03.2018 11:20
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Lebensmittel
Landwirt kritisiert Migros
Landwirt Mario Portner aus Bäriswil, einer Vorortsgemeinde von Bern, ist erbost. Verärgert hat ihn ein Aktionsangebot der Migros für Importerdbeeren. Die Detailhändlerin sagt indes, sie decke nur die Wünsche der Konsumenten ab. Landwirt Portner fordert seine Berufskollegen auf, das Gespräch mit den Konsumenten zu suchen.

Landwirt Mario Portner produziert auf einer Fläche von über 1 Hektare Erdbeeren im Freilandbau. Erzürnt hat ihn ein Angebot der Migros. Diese bewirbt Erdbeeren aus Spanien. Eine 500-Gramm-Schale wird zum Aktionspreis von 2.60 Franken statt 4.60 Franken in den Läden verkauft. 

In einem Facebook-Post teilt Portner seinem Unmut mit. «Auf meinem Feld liegen 15 Zentimeter Schnee. Ist es wirklich reif für Erdbeeren? Ihr werbt für Ökologie und Nachhaltigkeit. Für mich ist fraglich, ob die Erdbeeren diese Kriterien erfüllen. Wir danken allen, die auf Erdbeeren aus der Region warten können.»

Grossverteiler sollen Verantwortung übernehmen

schweizerbauer.ch hat beim Erdbeerenproduzenten nachgefragt. Welcher Aspekt stört ihn am meisten beim Import? Die fehlende Saisonalität, die Nachhaltigkeit oder beides? «Mich stört es nicht grundsätzlich, dass Erdbeeren importiert werden, da wir aktuell keine liefern können. Dass der Erdbeerverkauf Ende Februar aber mittels Aktionen gepusht wird, stört mich», sagt Portner. 

Er wünscht sich, dass die Grossverteiler ihre Verantwortung bezüglich Ökologie, Nachhaltigkeit und Saisonalität wahrnehmen. Vor allem auch deshalb, weil die Nachhaltigkeit von den Grossverteilern in der Werbung oft betont werde, so Portner. 

Mit Nachhaltigkeitsstrategie vereinbar


schweizerbauer.ch hat sich bei der Migros erkundigt, weshalb sie im Februar Erdbeeren mittels Aktionen verkauft. «Wer sich gesund und ausgewogen ernähren möchte, schätzt auch im Winter Abwechslung. Deshalb möchte die Migros ihren Kunden ganzjährig ein vielfältiges Sortiment anbieten. Mit Aktionen möchten wir solche Produkte auch preissensiblen Kunden anbieten», erklärt Sprecherin Alexandra Kunz. 

Aber erfüllen solche Importe, eine 500-Gramm-Schale Erdbeeren für 2.60 Franken, die Nachhaltigkeitskriterien der Migros? «Nachhaltige Produktion heisst, dass in allen Anbaugebieten ökologische und soziale Bedingungen eingehalten werden. Die Produzenten müssen Anforderungen in punkto Umweltschutz und Lebensmittelsicherheit erfüllen sowie einen geregelten Mindestlohn und geregelte Arbeitszeiten gewährleisten. Sie werden auch regelmässig unabhängig Kontrollen kontrolliert. Insofern ist das Angebot aus Spanien mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie vereinbar», macht Kunz deutlich. 

Was Saisonalität für die Migros heisst

Für die Migros haben Früchte und Gemüse aus der Region respektvie aus dem nahen Ausland dann Saison, wenn sie ohne Belastung des Klimas produziert werden, teilt der Grossverteiler gegenüber schweizerbauer.ch mit. Dies bedeutet, dass sie entweder direkt vom Feld oder aus dem Gewächshaus ohne Beheizung mit fossilen Ressourcen stammen. Saisonale Produkte werden in der Filiale spezifisch ausgelobt.

Kunden in der Verantwortung

Beerenproduzent Portner sieht bei einem so frühen Bewerben von Erdbeeren ein weiteres Problem. «Ich habe den Eindruck, dass bei vielen Konsumenten die Nachfrage nach Erdbeeren bereits gestillt ist, wenn Schweizer Erdbeeren Saison haben. Dasselbe Phänomen wiederholt sich beispielsweise auch bei den Import-Aprikosen oder bei den Import-Kirschen», sagt Mario Portner zu schweizerbauer.ch.

Ist die Nachfrage nach Erdbeeren tatsächlich vorhanden? Oder wird diese erst durch die Detailhändler geschürt? Die Migros verweist nun auf die Kunden. Man gestaltete das Sortiment nach deren Wünschen. Und schiebt die Verantwortung den Einkaufenden zu. Migros-Sprecherin Kunz sagt: «Wir stellen die notwendigen Informationen zur Verfügung, damit jeder Kunde selbst seinen Kaufentscheid fällen kann.» 

Wie viele Kunden und Umsatz würde die Migros verlieren, würde sie beispielsweise die Erdbeeren aus dem Sortiment nehmen? «Zum Umsatz machen wir keine Angaben. Es ist uns bewusst, dass es Menschen gibt, die den Import von Frischprodukten als unnötig einstufen. Doch unsere Kunden sollen selber entscheiden, welche Produkte sie kaufen wollen und welche nicht», hebt Alexandra Kunz hervor.

Bauern müssen Konsumenten sprechen

Offenbar sind es aber viele Menschen, die sich an solchen Importen stören. Auf den Facebook-Post von Mario Portner sind über 430 Kommentare eingegangen. Der Post wurde bis jetzt über 5800 Mal geteilt. «Dieser Post hat rund 500'000 Personen erreicht und eine Diskussion über Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit angeregt. Damit hätte ich nicht gerechnet», sagt der Berner gegenüber schweizerbauer.ch. Der grössere Anteil der Rückmeldungen sei positiv ausgefallen. «Es hat sich gezeigt, dass einige Konsumenten nicht mehr wissen, zu welchem Zeitpunkt die verschiedenen Produkte überhaupt Saison haben», so Portner.

Und hier sind aus der Sicht von Portner auch die Bauern in der Pflicht. «Wir müssen den Kontakt zu den Konsumenten suchen, um sie für die Saisonalität und Nachhaltigkeit unserer Produkte zu sensibilisieren. Doch nicht nur bei diesem Thema. Wir müssen auch Aufklärungsarbeit in Bezug auf das Thema Pflanzenschutz - Trinkwasserinitiative - leisten. Wir müssen mit Spaziergängern das Gespräch suchen, wenn sie uns beispielsweise beim Spritzen beobachten», macht Portner deutlich.

Betrieb Portner

Mario Portner in Bäriswil BE produziert auf über 1 Hektare Erdbeeren im Freilandbau. Erntebeginn ist in der Regel Ende Mai. 80 Prozent der Früchte werden im Direktverkauf über eine Selbstpflückanlage verkauft. Die übrigen 20 Prozent gehen an regionale Läden und Altersheime. Portner produziert auch Kürbisse, kultiviert Weizen, Sonnenblumen und Zuckerrüben. Auf zwei Parzellen wachsen ausserdem über 200 Nussbäume.

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