10.10.2019 06:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Melina Gerhard, lid
Spanien
Landwirtschaft der Zukunft?
Von einer sozialen Revolution reden sie, die Initianten von crowdfarming.com. Sie propagieren Crowdfarming als Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts und wollen Menschen wieder mit ihren Lebensmitteln und den Landwirten, die diese anbauen, verbinden. Eine Erfolgsgeschichte für Konsumenten und Produzenten?

Angefangen hatte alles mit der Orangenplantage, die die spanischen Brüder Gabriel und Gonzalo Úrculo von ihrem Grossvater geerbt hatten.

In vier Jahren 10 Angestellte

2011 hatten sich die beiden Mittzwanziger entschieden, die Plantage auf Vordermann zu bringen. Die Pflanzung war zu der Zeit heruntergekommen. Die erste Ernte war so schlecht, dass sich die beiden ein Businessmodell überlegten und fortan die Orangen paketweise an Familie und Freunde von Freunden verschickten. 

Ein Freund der Úrculos bat sie, seine Bienen bei sich auf der Farm halten zu können. Nebst Honig und Orangen kamen nach und nach ein Gemüsegarten und eine kleine Olivenplantage dazu. Vier Jahre nach ihrem holprigen Start erreichten die Gebrüder mit ihren Lieferungen durch das Weitererzählen und die Diversifikation bereits 1'000 Familien und beschäftigten 10 Mitarbeiter. Sie gründeten die Internet-Plattform Crowdfarming. 

Kleinstrukturierte Bio-Landwirte

Madrid im Sommer 2019. Am Tisch sitzen Alex, Lena und Julietta. Vor ihnen eine Wasserkaraffe, darin baden - wer hätte es gedacht - Orangenscheiben. Die drei Frauen sind Teil des jungen, wachsenden Teams von Crowdfarming und geben einen Einblick in das Geschäftsmodell, das auf der Internetseite als "nachhaltige Landwirtschaft für verantwortungsbewusste Menschen" bezeichnet wird. Nach dem Erfolg mit ihrer Orangenplantage wollen die Gebrüder Úrculo mit dem Konzept weltweit Landwirte unterstützen, wie Julietta erzählt. 

Bald kamen Anfragen aus aller Welt, nach Italien und Frankreich folgten Landwirte aus Kolumbien und von den Philippinen, die alle ihre Produkte auf dem Weg des Crowdfarming an die Leute bringen wollten (siehe Infobox). Die oftmals kleinstrukturierten Bio-Landwirte wünschten sich einen sicheren Absatzkanal, bei dem sie keine riesigen Mengen an Grossverteiler abliefern müssen. Das Crowdfarming-Team prüft jede einzelne Anfrage genau. Dabei achten sie nicht auf Labels: "Wir wollen vor niemandem die Tür verschliessen. Wichtiger als Labels sind für uns die Betriebsphilosophie und eine nachhaltige Produktion", erklärt Alex.

Was ist Crowdfarming?

Hinter dem Begriff Crowdfarming steht eine Online-Plattform, die den direkten Kontakt zwischen Bauern und Konsumenten fördert. Wer sich auf der Plattform anmeldet, kann einen persönlichen Baum, einen Bienenstock, einen Rebstock oder sogar Schafe adoptieren und erhält die Produkte, sobald die Ernte eintritt. Zusätzlich können aktuell saisonale Produkte kistenweise bestellt werden. Die Produkte stammen aus verschiedenen europäischen Ländern, Kolumbien und den Philippinen und können in Europa, Japan, Philippinen, Ukraine und den USA empfangen werden. Schweizer Produzenten hat es bis anhin nicht dabei, viele Produkte können allerdings in die Schweiz bestellt werden. Über 30 Produzenten weltweit werden derzeit für eine Aufnahme geprüft, das Sortiment vergrössert sich ständig.

So wachsen Pistazien, dann sind Orangen reif

Die Landwirte mit ihren unterschiedlichen Produkten sehen grosse Vorteile im System und betonen insbesondere den direkten Bezug zu den Konsumenten. Dadurch, dass die Produzenten auf den Social-Media-Kanälen von Crowdfarming News posten, wissen die Konsumenten beispielsweise, dass sich die Ernte der Aprikosen aufgrund der Witterung verzögert. Die aufgeklärten Konsumenten reagierten voller Verständnis.

Noch nie habe sie eine böse Mail gekriegt, sagt Julietta und fügt an: "Der edukative Gedanke ist uns wichtig. Wir wollen den Leuten zeigen, weshalb Orangen nicht das ganze Jahr Saison haben oder wie Pistazien wachsen. Und wir wollen positive sowie negative Nachrichten mit den Käufern teilen, das führt zu Verständnis und einer guten Beziehung." So schätzen auch viele Landwirte das Feedback der Kunden, um neue Produkte zu entwickeln, die auch explizit nachgefragt werden. 

Bauern können sich aufs Produzieren fokussieren

Ausserdem bietet die Online-Plattform den Vorteil, dass sich für den Konsumenten eine ganze Palette attraktiver Produkte ergibt. Wenn ein Kunde auf der Internetseite ursprünglich Olivenöl sucht und zusätzlich noch frische Mangos bestellt, profitieren zwei Landwirte voneinander, die sich vielleicht nie persönlich treffen würden. Alex betont einen weiteren Aspekt: "Marketing und Kommunikation werden von uns übernommen. So können sich die Landwirte auf das konzentrieren, das sie am besten können: hochwertige Produkte herstellen." 

Das rasante Wachstum von Crowdfarming bestätigt denn auch die Nachfrage auf der Konsumentenseite. "Der Trend zu bewusstem Konsum macht das transparente System attraktiv. Wer will, kann dem Produzenten online Fragen stellen oder ihn direkt besuchen", sagt Lena und fügt an, dass viele Familien ihren Urlaub nutzen, um nach dem adoptierten Orangenbaum zu sehen.

Kunden verpflichten sich frühzeitig zum Kauf

Langjährige Konsumenten schätzten auch, dass sie ihren Konsum von Frischprodukten planen können. "Sie wissen, wann Pistazien erntereif sind oder wann die Orangensaison beginnt und können sich danach richten. Viele unserer Kunden geben an, dass sie die Produkte nicht mehr im Supermarkt beziehen, weil sie die Qualität von erntereifen Lebensmitteln nicht mehr missen möchten", weiss Alex. "Damit unser System funktioniert, müssen sich die Kunden schon frühzeitig zum Kauf verpflichten, sodass die Landwirte die gewünschte Menge produzieren können", erklärt Julietta. 

Bereits Anfang Saison zu wissen, wie viel Käse er effektiv verkaufen kann, hat auch Antonio Marqués de Mendiola überzeugt, bei Crowdfarming mitzumachen. Er hält 1000 Milchschafe in einem Naturschutzgebiet im Südosten der Region Madrid. Die Schafe verbringen ihre Tage im Freien und ernähren sich von Wildblumen und Kräutern. Nur im heissen Sommer muss Antonio seine Tiere mit Hafer, Gerste und Klee zufüttern.

Antonios Schafe verschaffen international Genuss 

Gemeinsam mit seiner Frau Emilia und drei Arbeitern betreibt er die Farm und melkt seine Tiere frühmorgens und spätabends. Ein Schaf gibt in sechs Monaten etwa 150 Liter Milch. Davon kann Antonio 27 Kilogramm Käse herstellen. Und das hat er im Griff: mit seinem einjährigen und zweijährigen Schafskäse hat er bereits zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst, unter anderem wurde er an den "World Cheese Awards" 2017 dreifach prämiert. Er biet Käse unterschiedlichen Reifegrades an und hat einen in Öl eingelegten sowie einen mit Rosmarin umhüllten Halbhartkäse im Sortiment.

Quesos Marqués de Mendiola 

Auf der Crowdfarming Website kann per Mausklick eines von Antonios Schafe ausgewählt werden, dessen Adoption sich 9 Crowdfarmer teilen. Für 86 Euro unterstützt man die Farm "Marqués de Mendiola" und erhält ein Paket mit einer Auswahl seiner Spezialitäten, insgesamt 3 Kilogramm Schafskäse.

Antonio und Emilia übernahmen die 82 Hektaren von Antonios Eltern erst in späten Jahren, als sie beide beruflich neue Wege gehen wollten. "Besonders am Anfang waren wir froh, dass wir vom System Crowdfarming profitieren konnten. So hatten wir die Sicherheit, dass wir unseren Käse auch wirklich verkaufen können", sagt Antonio. Wie bei allen Crowdfarming-Projekten kann er den Preis seiner Produkte selber bestimmen. 

Ein Modell zum Weitersagen

Mittlerweile erwirtschaften Antonio und Emilia mit dem damals verlassenen Hof genug, sodass sie ihre Angestellten ganzjährig angestellt haben. "Crowdfarming soll zeigen, dass es sich auch im 21. Jahrhundert lohnt, einen Hof zu führen. Es ist doch falsch, wenn die Kinder die Höfe ihrer Eltern nicht mehr weiterführen wollen", sagt Alex. Das Geschäftsmodell biete die Möglichkeit zu langzeitigen Anstellungen, weg von Saisonarbeit. 

Trotzdem sei Crowdfarming nicht exklusiv, das heisst die Landwirte können ihre Produkte auch in anderen Kanälen absetzen. Den Vorwurf, dass die ganze Logistik umweltschädlich sei und dass die Leute lieber regional einkaufen sollen, statt sich im Internet Nahrungsmittel zu bestellen, kontern die Frauen. „Crowdfarming funktioniert nicht wie Amazon, die Lebensmittel können nur im Voraus bestellt werden und werden dann geliefert, wann sie Saison haben. Wir schreiben den Landwirten eine umweltfreundliche Verpackungsweise vor und helfen ihnen, die Logistik so ressourcenschonend wie möglich zu gestalten“, sagt Lena. Alex fügt bei: „Crowdfarming soll attraktiv sein und den Kunden eine echte Alternative zum Supermarkt bieten. Es ist eine weltweite Bewegung, die lokalen Bauern hilft. Wir wollen das Modell international ausbauen.“

Ähnliche Projekte in der Schweiz

Auf der Crowdfunding-Plattform "Yes We Farm" können Schweizer Projekte im Bereich Landwirtschaft und Ernährung unterstützt werden. Die Plattform ermöglicht Landwirten, Imkern, Winzern etc., finanzielle Mittel für ihr bestimmtes Projekt aufzutreiben. Gönner können einen gewünschten Betrag spenden und erhalten eine Gegenleistung wie beispielsweise Produkte vom Hof. 

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