29.08.2013 11:27
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Ausbildung
«Lehrlingszahlen sind nicht gesunken»
Alfred Bärtschi ist Präsident der Vereinigung landwirtschaftlicher Lehrmeister des Kantons Bern. Auf seinem Betrieb in Lützelflüh bildet er seit 1995 selber Lehrlinge aus, derzeit zwei im dritten Lehrjahr.

«Schweizer Bauer»: Bilden Sie derzeit einen Lehrling aus?
Alfred Bärtschi: Wir beschäftigen zwei Lehrlinge im dritten Lehrjahr. Einer ist jeweils in der Schule, einer arbeitet und lernt auf dem Betrieb. So fallen zwar zwei Löhne an, aber beide sind schon eine grosse Hilfe. Wenn ich einen Tag weg bin, führen sie den Betrieb selbstständig.

Hatten Sie Mühe, die Lehrstellen zu besetzen?
Nein, eigentlich nicht. Im Gegenteil: Unsere Lehrstellen sind meist zwei bis drei Jahre im Voraus vergeben. Vielleicht hilft uns dabei, dass wir aufgrund meines Engagements relativ bekannt sind.

Aber die Tatsache, dass sich Betriebe die besten Lehrlinge schon Jahre im Voraus sichern, stösst immer wieder auf Kritik.
Ich weiss, dass das heikel ist und von den Gewerbebetrieben nicht gern gesehen wird. Landwirtschaftliche Lehrlinge suchen die Lehrstellen für alle drei Lehrjahre oft gleichzeitig, und das ist im Fall des dritten Lehrjahres halt weit im Voraus. Ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht damit. Eine Studie weist in der Landwirtschaft 13 Prozent unbesetzte Lehrstellen aus, doppelt so viele wie 2012.

Woran könnte das liegen?
Im Kanton Bern sind die Lehrlingszahlen seit dem Wechsel zum neuen, dreijährigen Bildungssystem nicht gesunken. Vielmehr   werden derzeit fast zu viele Lehrstellen angeboten. Bei einer dreijährigen Ausbildung braucht es mehr Lehrbetriebe als bei zwei Lehrjahren. Wir haben deshalb intensiv Werbung gemacht, um Stellen zu schaffen. Das zeigt nun fast zu viel Wirkung.

Sie rechnen also nicht damit, dass der Bauernnachwuchs ausgeht?
Generell kommen in den nächsten Jahren schwächere Geburtenjahrgänge aus der Schule. Wir rechnen deshalb damit, dass weniger Landwirte ausgebildet werden. Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund, die nun ins Berufsleben einsteigen, haben zudem keinen Bezug zur Landwirtschaft.

Nun redet der Bund aber davon, Ausländer  zu rekrutieren, um offene Lehrstellen zu besetzen. Ist das für die Landwirtschaft keine Option?
Nur bedingt. Viele Jugendliche lernen das Bauern, weil sie einen starken Bezug zur Landwirtschaft haben. Trotzdem: Wir werben auch in der Agglomeration vermehrt für die landwirtschaftliche Ausbildung.

Würden Sie selber einem Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder einem Ausländer eine Lehrstelle anbieten?
Für mich ist nicht der Pass, sondern das Verhalten beim Schnuppern entscheidend. Wenn ich merke, dass der Schulabgänger motiviert ist und seine und meine Familie dahinterstehen, habe ich kein Problem. Die Sprache, das zeigt sich bei Saisonniers, ist bei der täglichen Arbeit keine grosse Hürde.

Was muss ein guter Lehrmeister seinen Lehrlingen heute vermitteln?
Uns ist wichtig, dass ein Lehrling neben der Fachkompetenz eine möglichst hohe Sozialkompetenz erwirbt. Er muss auch mit anders denkenden Menschen zusammenarbeiten können. Das braucht Toleranz.

Und was in 20 Jahren?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass vieles anders sein wird. Vielleicht steht die Nahrungsmittelproduktion wieder mehr im Vordergrund, und man wird die Betriebe entsprechend anders führen. Aber grundsätzlich wird ein ausgebildeter Landwirt auch in 20 Jahren das  Rüstzeug für ein erfolgreiches Berufsleben mitbringen. Bauern werden wichtig bleiben und  – so hoffe ich – noch stärker respektiert werden als heute schon.

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