12.05.2017 06:37
Quelle: schweizerbauer.ch - sam
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«Man will keine Bauern mehr»
«Bodenlos – Vom Leben und Überleben der Schweizer Bauern». Unter diesem Titel zeigte das Schweizer Fernsehen SRF am Donnerstagabend in DOK Einblicke in die schwierige Situation der Bauern.

Drei Bauernfamilien und eine, die es werden möchte. Jede sehr verschieden, aber doch jede mitten in der schwierigen Situation der Schweizer Landwirtschaft. Auf diese Formel könnte man den DOK-Film bringen. Am Emotionalsten das Schicksal von Paula und Sepp Etterlin.

Seit 45 Jahren bewirtschaften sie in Emmen LU einen Pachtbetrieb. Sie haben sich entschieden, ihren Betrieb mit den 30 Braunviehkühen aufzugeben. «Bald bin ich 65. Dann gibt es keine Direktzahlungen mehr», begründet Sepp. Sohn Thomas ist gelernter Autolackierer. Den Hof zu übernehmen war nie ein Thema. «Es ist ein Pachtbetrieb. Mitten in Emmen drin, wo auch Bauland eingezont ist.» Trotzdem ist der Tag der Gant für Sepp Etterlin ein schwieriger. «Es war ein komisches Gefühl heute Morgen, zum letzten Mal zum Melken aufzustehen.» Zwar sieht er auch Positives. Er könne jetzt etwas häufiger Jassen gehen. Und vielleicht mal ins Wallis in die Ferien. Er wendet sich ab. Mit Tränen in den Augen.

Baumaschinen statt Kühe

Ein Jahr nach der Gant kommen Etterlins zurück von den Ferien, die jetzt endlich möglich sind. Neben dem leeren Stall sind die Baumaschinen aufgefahren. «Wenn man sieht, dass so ebenes Land verbaut wird, dann ist das schon schade», meint Etterlin dazu. Im leeren Stall philosphiert er darüber, was eine schöne Kuh ausmacht. Man sieht, dass er im Herzen Viehzüchter geblieben ist.

Auch Tina und Werner Bättig aus dem Emmental stehen vor der Betriebsaufgabe auf ihrem idyllisch gelegenen Kleinbauernbetrieb. Ihr Traum wäre, Hofnachfolger zu finden, mit denen sie weiter zusammen arbeiten und auf dem Hof wohnen könnten. Und es zeichnet sich eine Lösung ab. Seit drei Jahren sind die zwei Familien Marti und Büetiger mit drei Kindern auf der Suche nach einem Hof, den sie gemeinsam bio-dynamisch bewirtschaften wollen. Eigentlich eine ideale Lösung für beide Seiten, könnte man meinen.

Nicht Sozialfall werden

Trotzdem kommt sie nicht zu Stande. Hauptgrund war, dass Bättigs auf dem Hof wohnen bleiben wollten. «Wenn aber jemand hier Landwirtschaft betreiben möchten, dann will er das Haus», so Bättig. In der ganzen Gemeinde gebe es keinen einzigen Bauern, der das AHV-Maximum habe. Die Bauern wollten aber nicht auf die Ergänzungsleistungen angewiesen sein. Deshalb hätten auch sie lieber nur ihr Land verpachtet, nicht aber ihr Haus: «Hier können wir für 300 Franken im Monat wohnen. Wenn wir weg gehen, dann sind wir Sozialfall.»

Lisa und Hans Schori aus Radelfingen im Berner Seeland hingegen geben sich lange kämpferisch. Ein Grund ist, dass sie erst vor 10 Jahren in einen neuen Laufstall mit Melkroboter investiert haben. «Als wir bauten, hatten wir 78 Rappen. Seither ging es nur noch runter. Weil jetzt der Milchpreis so tief ist und wir nichts daran verdienen, können wir noch 1000 Kühe haben. Es wird nur noch schlimmer», so Schori. Seine resolute Frau Lisa bringt es mit einem Beispiel auf den Punkt: «Hier haben wir ein Fair Trade Mocca-Joghurt. Was hat es drin? Kaffee aus fairem Handel. Aber nicht Milch aus fairem Handel.»

Keine Ferien seit 10 Jahren

Schoris erinnern sich zunächst nicht mehr, wann sie zum letzten Mal in den Ferien waren. Schliesslich erinnert sich Lisa: «Es war 2007 mit der Landi. Es sind 10 Jahre, 10 Jahre, Hans.» An einer Protestaktion von BIG-M und Uniterre vor dem Bundeshaus sind sie enttäuscht, dass sich weder Bundesrat Johann Schneider-Ammann noch einer seiner Beamten blicken lässt.

Trotz viel Optimismus können aber auch Schoris nicht  mehr wie gehabt weiter fahren. Sie entschliessen sich, jeden Monat eine Kuh zu verkaufen, um Liquidität zu gewinnen. Ein Sterben auf Raten also. «Früher habe ich immer geglaubt, dass er immer Bauern braucht. Aber das war wohl falsch. In der Schweiz will man keine Bauern mehr. Man kann ja alles importieren», so Schoris ernüchterndes Fazit.

Hier geht es zum DOK-Film

Kommentar: Traurig, aber wahr!

Im Schnitt verschwinden in der Schweiz täglich drei Bauernbetriebe für immer. Das BLW gibt offen und ehrlich zu, dass in den nächsten 10 Jahren von den heute noch 52000 Betrieben weitere 10000 verschwinden werden. Trotzdem geht es einem immer sehr nahe, wenn man wie im DOK-Film «Bodenlos» Einzelschicksale von Betrieben sieht, welche aufgeben müssen. Der Film hat es auf subtile Art fertig gebracht, mit dem Beispiel von vier Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aufzuzeigen, wo die Probleme der Schweizer Landwirtschaft liegen.

Die Antworten sind eigentlich erschreckend einfach: Mangelnde Wertschöpfung, dadurch soziale Unsicherheit sowie anhaltend hoher Druck aufs Kulturland. Egal, ob intensiver Roboterbetrieb im Seeland oder extensiver Kleinbauernbetrieb im Emmental: Alle stehen vor ähnlichen Problemen. Sicher: Gruyère-Betriebe, Bio-Betriebe oder Geflügelproduzenten haben eine anständigerre Wertschöpfung. Aber im Vergleich mit anderen Berufsgattungen verdienen auch diese Bauern nicht unanständig viel. Anders bei den vor- und nachgelagerten Firmen. Wenn der Emmi-Chef noch immer 1 Million Lohn habe, sei das einfach «verrückt», sagt Ehenpaar Schori im Film. Noch «verrückter» ist, dass viele Bauernvertreter namentlich in den Milchverbänden sich eher als Verbündete der Molkereibosse sehen als dass sie sich konsequent auf die Seite ihrer Berufskollegen stellen würden.

Samuel Krähenbühl
samuel.kraehenbuehl@schweizerbauer.ch

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