20.12.2018 12:22
Quelle: schweizerbauer.ch - Christian Zufferey
Waadt
Mit 92 Jahren noch im Stall
17 Jahre lang hat Christian Germann als Knecht gearbeitet, danach half er sechs weitere Jahre seinen Schwiegereltern. Heute hilft er seinem Sohn bei den Stallarbeiten und stellt Riemen für Treicheln her.

Obschon Christian Germann schon 92 Jahre alt ist, steht er noch täglich im Stall. Melken kann er nicht mehr. «Wegen meiner Knie», sagt Germann. Beim Ausmisten und beim Reinigen des Melkgeschirrs packt er aber immer noch mit an. «Im Sommer, wenn ich die Kühe in einem offenen Melkstand melke, hilft mir mein Vater morgens, abends und bei jedem Wetter», ergänzt sein Sohn, Christian junior. 

Im Krieg gross geworden

Ursprünglich kommt Germann aus Adelboden. «Ich wäre gerne Schmied geworden. Doch während des Zweiten Weltkrieges konnte man kaum einen Beruf lernen.» Zumal der Schmied, bei dem er gerne gelernt hätte, sogar ganz in die Armee eingezogen wurde, um Pferde zu beschlagen. Dem noch jungen Germann blieb keine Wahl, als 17 Jahre lang bei verschiedenen Bauern als Knecht zu arbeiten. 

Im Winterhalbjahr kam jeweils eine junge, gebürtige Adelbodnerin, um in einer Hotelküche zu arbeiten. Ihre Eltern wohnten aber in Bière im Waadtländer Jura. 1958 heirateten die beiden, zogen nach Bière, und im darauffolgenden Frühling kamen Sohn Christian und ein Jahr später Tochter Brigitte zur Welt. «Doch der Betrieb meiner Schwiegereltern war zu klein, als dass zwei Familien davon hätten leben können», erinnert sich Germann. Ausserdem fühlte er sich in Bière nie ganz wohl. 

Endlich angekommen

Denn da war ein Waffenplatz in unmittelbarer Nachbarschaft. Manchmal fanden nachts Schiessübungen statt, die ihm den Schlaf raubten. Regelmässig musste er nach erschreckten Kühe suchen und sie von irgendwoher zurückholen. Hinzugekommen sei, dass arrogant wirkende hohe Militärs im Dorf gewesen seien. Doch es gab da einen Schmied. 

Seinen Traumberuf doch noch zu erlernen, kam für Germann nicht mehr in Frage. Doch mit den Treicheln des Schmieds begann er Handel zu treiben. Als 1964 der Betrieb in Bière schliesslich verkauft werden musste, damit für den Autobahnbau zwischen Lausanne und Genf genügend Auffüllmaterial zur Verfügung stand, folgte der letzte Umzug – diesmal ins nahe La Praz. Hier, wo 1968 noch Tochter Karin geboren wurde, ist Germann endlich angekommen. 

Montbéliard eingekreuzt

«Endlich konnte ich selbst entscheiden und musste nicht mehr auf einen Chef oder auf meine Schwiegereltern hören», erzählt er. «Endlich fand ich einen Ort, wo ich mich wohlfühlen konnte.» Zeit, um einen Führerschein zu machen, hatte Germann zwar nie, was ihn aber nicht davon abhielt, zusammen mit seiner Familie Picknick-Ausflüge zu machen. «Mein Vater nahm dazu einfach seinen Traktor, und wir Kinder sassen hinten auf Strohballen», schmunzelt Tochter Karin.

Christian Germann hatte nur ein kleines Milchkontingent. Überschüssige Milch vertränkte er an Aufzuchtkälber. Gewagt war das Einkreuzen von Montbéliard-Stieren auf Simmentaler-Kühe. «Das war zu einer Zeit, wo man bestenfalls schief angeschaut wurde, wenn man nicht rassenrein gezüchtet hat.» Doch die schönsten Kälber habe es gegeben, wenn Montbéliard mit braunen Kühen gekreuzt worden seien –, dann seien die Kälber nämlich schwarz gewesen. «Ausserdem liessen sich diese gut melken.»

Ziegenmilch und Whisky

Inzwischen ist Christian Germann seit bald 30 Jahren pensioniert. Sein Sohn führt den 23-Hektaren-Betrieb mit ungefähr 17 Milchkühen weiter, ebenso den Handel mit den Treicheln, für die sein Vater noch die Riemen herstellt. Die Milch liefert Christian Germann junior an die Gruyère-Käserei, und sein Vater ist jeden Tag dabei. 

«Nicht mehr zu arbeiten, wäre mir zu langweilig», sagt der Rentner. Für ihn ist klar, warum er bis ins hohe Alter so rüstig geblieben ist. «Ich habe nüchtern frische Ziegenmilch getrunken.» Ausserdem trinke er jeden Abend vor dem Schlafengehen ein kleines Glas Whisky – das sei ein besseres Heilmittel als die Pillen, die man ihm im Spital mal gegen seine Herzbeschwerden verschrieben habe.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE