16.03.2015 08:41
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Milchmarkt
Mit Punktesystem gegen Milchkrise
Weniger Direktzahlungen, tiefe Milchpreise: Es sind derzeit schwierige Zeiten für Schweizer Milchbauern. Deren Verband startet nun eine Marketing-Offensive mit Sammelpunkten, die mehr Absatz bringen sollen.

16 Hektaren Kulturland, 16 Milchkühe, Rinder, Kälber und Schweine: Bauer Ernst Aegerter bewirtschaftet einen Betrieb, wie er typisch ist für das Emmental - etwas kleiner als im Schweizer Durchschnitt und mit Schwergewicht auf der Milch- und Fleischproduktion. Im nächsten Jahr wird Aegerter 65 Jahre alt, dann will er den Hof an die vierte Generation übergeben, an seinen Sohn Simon.

Grosse Sorge

Trotz geregelter Hofnachfolge blickt Aegerter mit grosser Sorge in die Zukunft. Grund dafür ist ein Brief vom letzten Dezember, der die Abrechnung der Direktzahlungen enthielt. „Ich habe zwar gewusst, dass es Änderungen geben wird, nicht aber in diesem Ausmass“, sagt Aegerter. 16 Prozent weniger Direktzahlungen erhielt der Landwirt im letzten Jahr.

Wenn er gleich weitermacht wie bisher, drohen wegen der Kürzung der Übergangsbeiträge Einbussen von bis zu 30 Prozent. Der Hof, der seit 1909 im Besitz der Familie Aegerter ist, könnte damit nicht mehr im Vollerwerb betrieben werden, zu wenig würde er abwerfen. Sohn Simon müsse wohl noch einer anderen Arbeit nachgehen, so Aegerter.

Weniger Direktzahlungen

Ernst Aegerter sagte dies im Rahmen einer Medienorientierung, die vom Berner Bauernverband Lobag im März organisiert wurde. Dieser wollte auf die einschneidenden Auswirkungen aufmerksam machen, welche die neue Agrarpolitik auf eine Region wie das Emmental mit ihrer auf Viehhaltung ausgerichteten Landwirtschaft hat. Wegen des Wegfalls der Tierbeiträge erhielten die Bauern im Emmental im letzten Jahr 8 Mio. Franken (-7,5%) weniger Direktzahlungen.

Unter Druck sind die Bauern im Emmental laut Lobag nicht nur wegen geringerer Bundesbeiträge, sondern ebenso wegen aktuell tiefer Milchpreise. Heinz Kämpfer, Präsident von Landwirtschaft Emmental, sprach von einem „regelrechten Sturzflug“. Erhielten die Bauern im letzten Jahr noch 62 Rappen pro Kilo, sind es aktuell noch 48 Rappen pro Kilo. Der Milchpreis decke, so Kämpfer, die Produktionskosten nicht, die Situation sei sehr angespannt.

Die Reserven seien aufgebraucht, die Bauern würden von Existenzängsten geplagt. „Wenn es nicht gelingt, in der nächsten Zeit an der Situation Korrekturen vorzunehmen, sieht es für die Emmentaler Volkswirtschaft nicht gut aus“, sagt Kämpfer. Gehe es der Landwirtschaft schlecht, gehe es auch dem Emmental schlecht. Denn die Landwirtschaft sei von zentraler Bedeutung für das Emmental: Sie sorge für gepflegte Landschaften, auf welche der Tourismus angewiesen sei. Sie garantiere eine dezentrale Besiedlung, biete Arbeitsplätze, kurble das Geschäft bei den vor- und nachgelagerten Branchen an und bringe den Gemeinden Steuereinnahmen.

Tiefe Milchpreise

Weniger Direktzahlungen, tiefe Milchpreise: Diese bedrohliche Kombination macht nicht nur den Bauern im Emmental zu schaffen, sondern in der ganzen Schweiz. Der Dachverband der Schweizer Milchproduzenten (SMP) spricht von einer „unheilvollen” Lage, viele Betriebe seien existenziell bedroht. Selbst gut strukturierte und rationell geführte Milchbetriebe könnten nicht mehr wirtschaftlich Milch produzieren.

Gründe für die angespannte Lage auf dem Milchmarkt gibt es einige: Gesunkene Preise auf dem Weltmarkt, eine rekordhohe Milchproduktion im Inland sowie das Ende des Euro-Mindestkurses. Der erstarkte Franken machte Importe und das Einkaufen ennet der Grenze plötzlich (noch) attraktiver, hemmte aber Exporte, weil Schweizer Milchprodukte im Ausland auf einen Schlag teurer waren. Geringere Ausfuhren bedeuten, dass mehr Milch im Inland bleibt und verkauft werden muss. Absatzschwierigkeiten und eine nach unten drehende Preisspirale sind die Folgen.

Hilfspaket soll helfen

Die Milchkrise mildern soll einerseits ein millionenschweres Hilfspaket, das die Branche vom Bund fordert, Geld, um Export und Absatz zu fördern sowie zusätzliche Direktzahlungen für die Bauern. Der Dachverband der Schweizer Milchproduzenten (SMP) will andererseits ab Mai 2015 die Bevölkerung mittels einer mehrmonatigen Werbekampagne sensibilisieren, Schweizer Milch und Milchprodukte zu konsumieren.

Die Solidarität mit den Schweizer Milchbauern soll belohnt werden: Die Produktverpackungen tragen eigens kreierte Sammelpunkte, welche gegen Geschenke eingetauscht werden können. Einige Verarbeiter und Händler haben laut SMP ihre Unterstützung bereits zugesagt. Nach weiteren Partnern wird derzeit gesucht.

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