2.11.2015 08:40
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Luzern
«Müssen lernen, nicht zu produzieren»
Bauernpräsident Markus Ritter warnt die Verarbeiter: Zahlt kostendeckende Preise, sonst liefern die Bauern bald nicht mehr. Mit Umfrage

Aufhören mit Melken sei eine der Optionen. Die Delegierten der Schweizer Milchproduzenten (SMP) horchten auf, als Peter Gfeller dies 2013 an seiner letzten Delegiertenversammlung als SMP-Präsident verkündete. Gfeller selbst hat dies getan, vor einigen Tagen verliess die letzte Milchkuh seinen Hof in Kappelen BE.

Markus Ritter ging am Mittwoch in Luzern noch einen Schritt weiter. An einem Fachgespräch des Forums «Brennpunkt Nahrung» rief er in den Saal: «Das Letzte, was Sie von mir als Präsident des Schweizer Bauernverbandes hören werden, sind Durchhalteparolen.»

Preise, mit denen Bauern leben können

Es sei wichtig, dass die Bauern Produkte herstellten, die der Markt nachfrage, sagte Ritter. Um dann mit Betonung anzufügen: «Produkte, für die der Markt auch in der Lage ist, Preise zu zahlen, mit denen wir leben können.» Für die Bauern sei es ganz wichtig, genau hinzuhören, was gefordert ist. «Aber wir müssen auch lernen zu sagen: Zu diesem Preis kann ich nicht produzieren», so Ritter.

Er verwies auf Handwerker, die nicht zu ihm kämen, wenn er 15 Prozent weniger als in der Offerte verlange, die sagten: «Nein, zu diesem Preis kann ich es nicht machen, such dir einen anderen.» Er sehe nicht ein, warum nicht der Bauer auch sagen solle: «Nein, ich kann meine Kosten nicht mehr decken, so geht es nicht. Mir geht die Rechnung nicht auf.»

«Halt keinen Zucker mehr»

Und einmal im Schwung, fuhr Ritter fort, ein Unternehmer müsse seine Kosten kennen, müsse wissen, zu welchen Preisen er etwas verkaufen müsse, damit er langfristig Erfolg habe und auch eigene Lohnkosten verrechnen könne. Um dann diesen Bogen mit einem grossen Wort abzuschliessen: «Wenn das nicht möglich ist, ist man kein Unternehmer. Dann betreibt man ein Hobby: Man verdient nichts und hat Freude daran. Aber das ist nicht Landwirtschaft, Landwirtschaft ist ein Geschäft.»

Sofort hakte Moderator Jürg Jordi (BLW) ein. Ob es 2025 also kaum mehr Milchproduzenten und Zuckerrübenpflanzer geben werde, da höre man ja, es rentiere nicht. Ritter antwortete: «Beim Zucker wird es schnell gehen, das kann ich Ihnen sagen. Denn im pflanzenbaulichen Bereich hat man keine grossen Vorinvestitionen getätigt. Die grossen Investitionen sind bei den Lohnunternehmen.»

Wenn dort die Preise und Rahmenbedingungen nicht stimmten, werde die Zuckerproduktion in der Schweiz massiv zurückgehen – einfach, weil die Schweizer Kosten zu hoch seien. Ritter betonte: «Ich muss Ihnen sagen: Ich werde keinen zurückhalten, der sagt: Zu diesen Preisen kann ich keinen Zucker produzieren. Dann haben wir halt in der Schweiz keinen Zucker mehr, in Gottes Namen, so schade es auch wäre. Aber wir können nicht zu Kosten arbeiten, die wir am Ende nicht tragen können.»

Milch: Kosten von 67 Rp.

Bei der Milch sei das System etwas träger, so Ritter. Viele Betriebsleiter würden bis zur Pensionierung weitermelken. Die getätigten Investitionen seien eine Barriere für rasche Umstellungen. Und in vielen Regionen sei auch die Tradition und die Freude am Brauchtum eine Bremse, so Ritter wörtlich.

Aber sogar dort sei jetzt die Schmerzgrenze erreicht, denn im Schnitt fielen im Tal Direktkosten und Kosten für Gebäude und Maschinen von 67 Rp. pro kg Milch an – noch ohne Lohn für die eigene Arbeit. Das Verschwinden der Milchproduktion in der Schweiz würde er aber sehr bedauern, sagte Ritter.

Kritik bei Milch

Coop-Mann Christian Guggisberg kritisierte: «Die Übermenge bei der Milch ist hausgemacht. Es sind 200 Mio. kg zu viel Milch auf dem Markt.» Markus Ritter stimmte  zu: «Es gibt Märkte, wo wir unsere Hausaufgaben nicht gelöst haben, wo die Aufgaben sehr stark vermischt sind.»  In einer Wertschöpfungskette habe jeder auch eigene Interessen. Ein Milchhändler habe ein Interesse an Menge und Marge, ein Milchproduzent an einem Preis, der seine Kosten deckt. Ritter tönte auch da  wie alt SMP-Präsident Peter Gfeller, der kritisiert hatte, im SMP-Vorstand sässen Leute mit Zielkonflikten. sal

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