3.12.2015 11:20
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
EU
Öffnet die EZB die Geldschleusen weiter?
Die Augen der Weltwirtschaft sind derzeit nach Frankfurt gerichtet. Am Donnerstagnachmittag gibt die Europäische Zentralbank (EZB) bekannt, ob sie die Geldschleusen noch weiter öffnet. Weshalb? Bringt das den gewünschten Erfolg? Und was bedeutet das für die Schweiz?

Warum will EZB-Präsident Mario Draghi nachlegen?
Trotz Nullzinsen, Strafzinsen, milliardenschwerer Kaufprogramme und einer Flut billiger Notkredite ist die Inflation im Euroraum meilenweit vom Ziel der Notenbank entfernt. Die EZB strebt eine Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent an. Im November verharrte die Jahresteuerung bei gerade einmal 0,1 Prozent. Dauerhaft niedrige Preise könnten Firmen und Konsumenten verleiten, Investitionen aufzuschieben. Das kann die Konjunktur ausbremsen. Das viele billige Geld soll die Inflation wieder in Richtung der Zwei-Prozent-Marke treiben.

Was kann die EZB tun?
Diskutiert wird über eine Ausweitung des Billionen-Programms zum Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren («Quantitative Easing»). Seit März pumpt die EZB auf diesem Weg monatlich 60 Milliarden Euro in den Markt. Laufen sollen die Käufe nach bisherigen Plänen bis mindestens September 2016. Das Programm könnte aber «in Umfang, Zusammensetzung und Dauer» angepasst werden, hatte Draghi mehrfach bekräftigt. Die EZB könnte so lange im grossen Stil Wertpapiere kaufen, bis ihr Inflationsziel erreicht ist. Oder die Währungshüter nehmen noch mehr Geld in die Hand, um Banken Anleihen abzukaufen. Möglich wäre auch, dass die EZB zusätzlich Anleihen von Bundesländern oder Unternehmen kauft.

Welche Möglichkeiten hat die Notenbank noch?
Die EZB könnte Banken höhere Strafzinsen für Geld aufbrummen, das diese über Nacht bei der Notenbank parken. Würde der Einlagenzins von derzeit minus 0,2 Prozent weiter gesenkt, könnte das Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei der EZB zu bunkern. So die Theorie.

Bringen die Massnahmen etwas?
Die ultra-lockere Geldpolitik der EZB ist umstritten. In Deutschland gibt es massive Zweifel an der Wirksamkeit weiterer Massnahmen. Die Wirtschaft im Euroraum brauche keine zusätzliche Unterstützung durch die Geldpolitik, lautet die Argumentation der Gegner. Bezweifelt wird auch, ob höhere Strafzinsen Banken zu mehr Krediten bewegen würden.

Ist die Geldflut am Ende sogar ein Risiko?
Die deutsche Zentralbank warnt vor Risiken für die Finanzstabilität infolge der Geldflut: «Je länger niedrige Zinsen andauern, umso mehr bestehen für die Marktteilnehmer Anreize, erhöhte Risiken einzugehen.» Gertrud Traud, Chefökonomin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), ist überzeugt: «Die Kosten dieser Geldpolitik sind weitaus grösser als der vermeintliche Nutzen.» Statt in Kredite fliesse das billige Geld zum Grossteil in Aktien und Immobilien: «Natürlich führt das zu Preisblasen.»

Stehen Europas Währungshüter geschlossen hinter Draghis Kurs?
Widerstand kommt vor allem aus Deutschland. Der Präsident der deutschen Notenbank, Jens Weidmann, fürchtet, dass die Regierungen sich an niedrige Zinsen gewöhnen und Reformen verschleppen: «Je länger die extrem lockere Geldpolitik andauert, umso weniger wirkt sie und umso mehr Risiken und Nebenwirkungen kommen ins Spiel.» EZB-Direktoriums-Mitglied Sabine Lautenschläger sagt, das billige Geld kaufe Zeit, behebe aber nicht die Ursachen. Wie bei Arzneimitteln könne «überzogene Anwendung ... dazu führen, dass der Patient sich gesund fühlt und nicht mehr an den Ursachen der Krankheit arbeitet».

Was bedeutet das alles für die Schweiz?
Die Geldflut der EZB verbilligt den Euro gegenüber dem Franken. Das ist schlecht für die Schweizer Exportwirtschaft und den Tourismus. Die Produkte aus der Schweiz werden für Käufer im Euroraum teurer. Auch Ferien in der Schweiz verteuern sich für Gäste aus den Euroländern. Trotz dem Ende des Mindestkurses versucht die Schweizerische Nationalbank (SNB) deshalb auch weiterhin, den Franken etwas abzuschwächen, mittels Interventionen am Devisenmarkt und Negativzinsen. Vergrössert die EZB die Geldflut, könnte die SNB unter Druck geraten, ebenfalls nachzuziehen. Manche Ökonomen erwarten, dass sie dann die Negativzinsen noch weiter in den negativen Bereich drückt. Die SNB wird eine Woche nach der EZB das nächste Mal ausführlich über ihre Politik informieren.

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