26.08.2015 10:09
Quelle: schweizerbauer.ch - Peter Jossi. lid
Rohstoffe
Palmöl: Ein «Reality-Check»
"Wir müssen aufhören, Nutella zu essen!" – die Forderung der französischen Umweltministerin Ségolène Royal verhalf Mitte Juni einer scheinbaren Nebensache in die Headlines des globalen Medienbetriebs. Ein wichtiger Rohstoff rückt einmal mehr ins öffentliche Bewusstsein: Palmöl.

Palmöl, das in Nutella in enthalten ist, zerstört aufgrund der Monokultur von Ölpalmen die Regenwälder. Also Hände weg von Nutella und Produkten mit Palmöl. Auf dieses Fazit lässt sich die Logik der französischen Umweltministerin Ségolène Royal zusammenfassen. Leider ignorierte die ehemalige Präsidentschaftskandidatin bei ihrer Polemik ein paar wesentliche Entwicklungen – und viele entscheidende Details.

Nachhaltige Standards etabliert

Es ist der Spitzenpolitikerin zugute zu halten, dass sie mit ihrem Vorstoss einen Rohstoff ins Bewusstsein rückt, welcher in der Lebensmittel-, Kosmetik- und Reinigungsmittel-Branche vielfältige Verwendung findet. Kritische Fragen zur Palmöl-Produktion sind dabei durchaus berechtigt, zumal die flächendeckende Durchsetzung von Nachhaltigkeitsstandards viele Jahre in Anspruch nahm.

Die Palmöl-Produktion steht seit vielen Jahren unter kritischer Beobachtung durch Umweltorganisationen und Medien. Dies hat zur Etablierung von Nachhaltigkeits-Standards geführt, welche die negativen Umweltauswirkungen des Anbaus wesentlich einschränken. Beim Palmöl konnten daher als einem der ersten landwirtschaftlichen Grundrohstoffe die marktmächtigsten Konzerne auf nachhaltige Standards verpflichtet werden.

Noch lange nicht am Ziel

Zusammen mit den Umweltorganisationen wirkten sie als treibende Kraft für eine eigentliche Branchenlösung. Als koordinierende Plattformen haben sich so genannte "Roundtables" etabliert, die vom WWF oder von anderen Umweltorganisationen organisiert werden.

Im Fall von Palmöl reichen die Anfänge bis zur Jahrtausendwende zurück. Als wichtigster Branchenstandard hat sich die RSPO-Norm durchgesetzt. Der Aufbau verlässlicher Zertifizierungssysteme, mit dem sich die ganze Wertschöpfungskette zurückverfolgen lässt, bildet ein langfristiges Projekt, das noch lange nicht vollständig umgesetzt ist.

Nicht per se gut oder böse

Der weltweite Aufbau dieser Zertifizierungssysteme zeigt, dass es ernsthafte Probleme zu bewältigen gibt und die kritische Grundhaltung gegenüber Agrarrohstoffen wichtig und richtig ist. Die "Nutella-Debatte" macht nicht zuletzt dies deutlich: Die Fokussierung auf einzelne Zutaten und Rohstoffe ist nicht nur unsinnig, sondern möglicherweise sogar kontraproduktiv.

So banal die Erkenntnis wirken mag, in der auf Schlagzeilen ausgerichteten Mediendebatte wird eines gezielt oder unbewusst verdrängt: Agrarrohstoffe sind nicht per se "gut" oder "böse". Denn: Was wäre das Resultat eines weltweiten Verzichts auf Palmöl? In erster Linie würde dies zur Verwendung anderer Agrarrohstoffe führen, die bisher weniger im öffentlichen Bewusstsein stehen. Kokosfett etwa bietet ähnliche Anwendungsmöglichkeiten. Verlässliche Nachhaltigkeitsstandards sind hier jedoch weniger verbreitet. Ein wesentlicher Produktionsausbau würde umgehend zu ähnlichen Problemen führen.

Palmöl als optimaler Rohstoff

Lebensmittel mit naturbelassenen Fettstoffen aus rein pflanzlichen Quellen sind heute für die Kundschaft eine Selbstverständlichkeit. Das stark kritisierte Palmöl, je nach Temperatur identisch mit Palmfett, bietet sich für Margarine und als Zutat in verarbeiteten Lebensmitteln als optimaler Rohstoff für eine naturbelassene Verarbeitung an. Ähnlich günstige Verarbeitungseigenschaften bietet Kokosfett.

Der wesentliche Unterschied der beiden Rohstoffe im Vergleich zu anderen Fetten und Ölen liegt in den vergleichsweise hohen Schmelzpunktbereichen. Selbst bei etwas erhöhten Raumtemperaturen, z.B. in Bäckereien, lassen sich Margarinen mit hohen Palm- oder Kokosfett-Anteilen noch problemlos verarbeiten. Beim Konsum vermitteln damit ein gutes Geschmacks- und Mundgefühl.

Die Zusammensetzung und Schmelzbereiche von Verarbeitungsfetten und -Margarinen mit lassen sich teilweise durch physische Separierungsverfahren beeinflussen, in erster Linie dem so genannten "Fraktionieren". Stösst dies an Grenzen, lässt sich mit chemisch-synthetischen Methoden der Schmelzpunkt relativ genau "einstellen", auf den Deklarationsauflistungen erkennbar am Vermerk "hydrierte". Bevor substantielle Anteile der Kundschaft dies kritisch hinterfragten, war es auch sinnvoll, je nach Bedarf, tierische Fette beizumischen. Überhaupt galt "Schweineschmalz" bis vor wenigen Jahren als Bäckereifett erster Wahl, natürlich mit allen industriellen Raffinessen auf die Verarbeitungspraxis optimiert.

Schweizer Rapsöl unter Druck?

Schweizer Rapsöl als Zutat für die industrielle Verarbeitung könnte im Rahmen einer Liberalisierung der Märkte durchaus unter Druck geraten. Im Bereich der reinen Preiskonkurrenz sind Fettstoffe und Öle Schweizer Herkunft langfristig und teilweise bereits heute kaum konkurrenzfähig. Die flächendeckende Etablierung von Nachhaltigkeitsstandards bei Palmöl und weiteren globalen Agrarrohstoffen kann daher für die Schweizer Landwirtschaft als positiver Ausgleich erweisen.

Absehbar ist, unabhängig der marktpolitischen Entwicklung, eine noch stärkere Separierung der Angebote und Marktsegmente. Mit klassischen Anwendungsbereichen beliebter Qualitäts-Speiseöle, allen voran dem Olivenöl, kann Palmöl nicht konkurrenzieren. Dies nur schon aus dem einfachen Grund, dass Palmöl bei mittleren Temperaturen wie erwähnt eine feste Beschaffenheit aufweist. Eine direkte Konkurrenz zwischen Olivenöl und Palmöl besteht durch die weitgehend unterschiedlichen Einsatzgebiete daher nicht.

Nische als Lösung?

Dies zeigt den Weg auf für die Vielfalt der Qualitätsangebote, allen voran die neu belebten Schweizer Rapsöl-Sortimente. Die Zukunft liegt in einer ausgezeichneten Produktqualität in Verbindung mit optimierten Umwelt- und Nachhaltigkeitsleistungen. Die Vermarktung im Rahmen der etablierten Labelprogramme bietet dazu eine gute Basis.

Darüber hinaus hat sich in den vergangen Jahren eine Vielfalt an qualitativ sehr hoch stehenden Neuentwicklungen etabliert, wie z.B. das breite Angebot der kaltgepressten "St. Galleröle". Neben Rapsöl wurde bei diesem Projekt die regionale Herstellung von Traditionsprodukten wie Leinöl wieder belebt. Produkte dieser Art positionieren sich bewusst in der Premium-Nische – und finden abseits der Zwänge des Massenmarkts Erfolg und Ertrag.

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