Montag, 27. Juni 2022
27.07.2016 09:31
Wirtschaft

Pneus statt Kohle

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Von: sda

Zehntausende Tonnen Plastik, Pneus und Altöl landen in der Schweiz in Zementwerken. Dort werden sie verfeuert, um Energie zu erzeugen. Dabei dürfen die Zementwerke mehr Stickoxid und andere Schadstoffe in die Luft lassen als Kehrichtverbrennungsanlagen. Die Umwelt profitiert laut BAFU trotzdem.

Die sechs Schweizer Zementwerke verbrannten letztes Jahr über 316’000 Tonnen alternative Brennstoffe wie Holz, Kunststoff, Klärschlamm oder Pneus. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa dem Gewicht von 60’000 Afrikanischen Elefantenbullen.

Rekord-Substitutionsgrad

Mit dem Verbrennen von Abfall decken die Schweizer Zementwerke inzwischen über die Hälfte ihres hohen Energiebedarfs zur Zementherstellung. Letztes Jahr lag der sogenannte Substitutionsgrad bei 57 Prozent. Das sei der höchste je erreichte Wert, teilte der Branchenverband cemsuisse auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda mit.

Durch das Verbrennen von Abfall anstelle von Kohle werde die Umwelt geschont, da weniger fossile Brennstoffe eingesetzt werden, sagen die Zementwerke. Die Kehrseite davon: Wird Abfall in Zementwerken statt in Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannt, gelangen mehr Schadstoffe wie beispielsweise Stickoxid in die Luft.

Grosszügigere Grenzwerte

Die festgelegten Grenzwerte sind teils deutlich grosszügiger. So darf ein Zementwerk laut Luftreinhalteverordnung 500 Milligramm Stickoxide pro Kubikmeter Abluft ausstossen. Die Branche hat sich zwar auf eine Absenkung auf 400 Milligramm geeinigt. Das ist jedoch immer noch fünf Mal mehr als in einer Kehrichtverbrennungsanlage, wo der Grenzwert bei 80 Milligramm liegt.

Das fällt durchaus ins Gewicht: Laut dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) sind die sechs Zementwerke verantwortlich für fünf Prozent der Stickoxidemissionen der Schweiz. Die Zementwerke seien «Umweltsünder mit dem Segen der Behörden», kritisierte der Verein Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) jüngst, und verlangte strengere Abluft-Grenzwerte. Auch Greenpeace unterstützt diese Forderung, wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilte.

Positiv für das Klima

Das BAFU winkt jedoch ab. Der höhere Stickoxidanteil bei Zementwerken hat laut BAFU eine technische Ursache – und nichts mit der Art des Brennstoffs zu tun. Die konventionellen Brennstoffe wie Kohle, Schweröl und andere verursachten ähnliche Schadstoffemissionen. «Bei den Zementwerken entsteht der höhere Stickoxidanteil durch die hohe Flammentemperatur von 2000 Grad während des Herstellungsprozesses», erklärt das BAFU. Der höhere Schwefeldioxidanteil stamme aus dem Rohmaterial.

Aus Sicht des Klimaschutzes und der Luftreinhaltung sei die Zunahme der verbrannten Abfälle positiv zu betrachte, schreibt das BAFU, da damit primär fossile Brennstoffe ersetzt werden können. Gemäss dem Branchenverband cemsuisse konnte die Zementindustrie die CO2-Emissionen zwischen 2008 und 2012 um fünfzig Prozent reduzieren. Die CO2-Reduktionen, zu denen sich die Schweiz im Rahmen des Kyoto-Protokolls verpflichtet hat, hätten nur dank den Leistungen der Wirtschaft erfüllt werden können, betont cemsuisse-Direktor Georges Spicher. Die Zementindustrie habe dazu einen grossen Beitrag geleistet.

Teure Umrüstung

Damit weniger Schadstoffe in die Luft gelangen, wird in den Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen die sogenannte SCR-Technologie eingesetzt. Für Zementwerke gilt diese aber nicht als Stand der Technik, was AefU-Geschäftsleiter Martin Forter kritisiert. Laut BAFU lassen sich bestehende Anlagen nicht so einfach umrüsten – vor allem aus technischen Gründen. Das BAFU beobachte die Entwicklung jedoch. Nach Angaben von cemsuisse würde die Umrüstung sieben bis zehn Millionen Franken pro Werk kosten.

Investitionen in diesem Umfang liessen sich aber nur dann rechtfertigen, wenn der Betrieb des Zementwerks langfristig sichergestellt sei, schreibt cemsuisse im jüngsten Jahresbericht. Dafür aber brauche es eine Versorgungssicherheit mit Rohmaterialien. Die Zementindustrie benötigt insbesondere Kalk und Mergel.

Die Suche nach Abbaugebieten ist jedoch schwierig, wie der Fall von Jura Cement zeigt. Der zweitgrösste Zementhersteller der Schweiz hatte jahrelang nach neuen Steinbruchstandorten gesucht, 2014 aber schliesslich darauf verzichtet. Die betroffenen Gemeinden hatten sich vehement gegen die Pläne für neue Abbaugebiete gewehrt.

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