15.08.2013 10:42
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Fleischmarkt
Rares Schweizer Kuhfleisch
Die schlechte Lage auf dem Milchmarkt wirkt sich auf die Fleischbranche aus. Schweizer Kühe sind äusserst gesucht. Zwar wird im September eine Entspannung erwartet, doch auch in den kommenden Monaten sind Importe vonnöten.

Verarbeitungskühe sind Mangelware. Die QM-Richtpreise haben im Juni 2013 die Marke von 7 Fr./kg Schlachtgewicht (SG) in der Fleischigkeitsklasse T3 überschritten. Mittlerweile ist dieser Preis auf 7.20 Fr. angestiegen.

In der kommenden Woche werden aber mehr Tiere erwartet. Ein Erhöhung des Richtpreises erscheint daher eher unwahrscheinlich. Sonst wird die Preisdifferenz zum Ausland zu gross. Doch die Marktlage bleibt in den kommenden Monaten angespannt.

Importe massiv gestiegen

Letztmals lag der QM-Richtpreis für Verarbeitungskühe im 1. Halbjahr 2008 höher als heute. Insider sprechen heuer von einer äusserst ungewöhnlichen Situation. Es sei nicht einfach, die an sie gestellten Aufträge mit Schweizer Kuhfleisch zu erfüllen. Und in der Tat: Im Vergleich zum 1. Halbjahr 2012 ist die Inlandproduktion in den ersten sechs Monaten des Jahres 2013 gemäss Angaben der Branchenorganisation Proviande gesunken. So wurden 3,3 Prozent weniger Kühe zu den Schlachthäusern geführt.

Doch die Nachfrage nach Verarbeitungsfleisch ist unvermindert hoch. Um diesen Überhang abzutragen, werden grössere Mengen Fleisch importiert. Die Importfreigaben des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) von Januar bis Juni 2013 betrugen 6450 Tonnen, in der Vorjahresperiode aber lediglich 3850 Tonnen. 

Leere Hackfleischlager

Auffallend ist, dass in diesem Jahr keine Pistolas (Stotzen und Nierstücke ohne Lempen) mehr eingeführt worden sind, sondern nur noch Kuhhälften. Nebst dem Verarbeitungsfleisch können auch die Edelstücke verwendet werden. Diese sind zwar zweiter Kategorie, doch die Ware findet besonders im Ausser-Haus-Kanal Abnehmer.

Die Micarna führt gegenüber «Schweizer Bauer» auch einen anderen Grund ins Feld. 2012 seien die Lager an Produktions- und Hackfleisch in der Schweiz enorm hoch gewesen. Deshalb seien Pistolas eingeführt worden. Nun fehle dieses Fleisch, deshalb würde die Einfuhr von Vordervierteln und somit ganzen Kühen Sinn machen. Die Importe finden bei der Migros Aufnahme in Tiefkühlprodukten oder als Frischfleisch in der M-Budget-Linie als Hackfleisch.

Seit 2008 abnehmend

Aber weshalb kam es zu dieser Verknappung an Schweizer Kühen? «Der Rückgang an Kühen ist bereits seit dem Jahr 2008 zu beobachten. Der tiefe Milchpreis hat viele Milchbauern bewogen, ihre Produktion aufzugeben. Und mit der neuen Agrarpolitik sind die Aussichten im Milchmarkt auch nicht besser geworden», macht Peter Christen, Leiter Klassifizierung und Märkte der Proviande, deutlich. Zudem hätten Skandale wie jener mit dem falsch deklarierten Pferdefleisch in der Lasagne die Nachfrage nach einheimischem Fleisch ansteigen lassen. Und auch die steigende Einwohnerzahl lässt die Nachfrage wachsen.

Eigentlich wären die Voraussetzungen  für die hiesigen Produzenten gut. Doch Christen rechnet nicht mit einer baldigen Entspannung: «Ich erwarte eine zusätzliche Verschärfung. Bis ein ähnlich grosser Kuhbestand wie 2009 aufgebaut ist, sind drei Jahre vonnöten», macht er deutlich.

Lage bleibt angespannt

Auch bei den Verarbeitern Bell und Micarna wird das äusserst knappe Angebot an Verarbeitungskühen bestätigt. Mit Importen gelänge es, die Nachfrage zu decken. Coop-Tochter Bell betont zudem, dass es an Quantität und Qualität fehle. «Die Tiere sind oft mager und leerfleischig», hebt Bell-Sprecher Davide Elia hervor. Das verschärfe die Lage zusätzlich. Die Nachfrage nach Schweizer Fleisch steige weiter an. Die Lage auf dem Milchmarkt wirke sich nun auf die Fleischbranche aus. 

Die beiden Schwergewichte erwarten im September wegen des Alpabzugs und des Inkrafttretens der neuen Tierschutzverordnung  eine leichte Entspannung der Lage. Die Micarna geht davon aus, dass die Importe bis Ende Jahr in geschwächter Form weitergehen. Auch Elia spricht vom raren Artikel Verarbeitungskuh: «Das ist kein saisonales Phänomen, sondern ist teilweise strukturell bedingt. Kurzfristig erwarten wir keine Änderung.»

Peter Christen von der Proviande fasst klare Worte: «Die Schweiz ist ein Grasland und prädestiniert für die Kuhhaltung. Doch Milch und Fleisch werden immer knapper. Die Politik muss nun dringend die Weichen richtig stellen, damit sich die Lage nicht weiter verschärft. Die Schweizer Lebensmittelindustrie ist aber auf Schweizer Kühe angewiesen.»

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