16.01.2015 07:30
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Konjunktur
SNB-Entscheid: Ende mit oder ohne Schrecken?
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat mit ihrem Kurs-Entscheid auch die Kommentatoren der Schweizer Tageszeitungen überrascht. Als Auslöser wird durchs Band die Eurokrise ins Feld geführt. An der Frage der Richtigkeit des SNB-Schrittes scheiden sich die Geister.

«Die Überraschung ist ihm gelungen», kommentiert der «Blick» das Handeln von SNB-Direktor Thomas Jordan und spekuliert, ob «der Nationalbankchef etwas weiss, was wir nicht wissen» und deshalb den schnellen Ausstieg suchte - etwa über den Ausgang der Russland-Krise oder geplante Staatsanleihenkäufe der Europäischen Zentralbank (EZB). Immerhin stehe die Schweizer Exportindustrie heute so gut da, «dass sie Subventionen nicht mehr braucht».

Poker gegen die Finanzmärkte verloren

Der Schritt der SNB «kommt zwar überraschend, doch sie hat gute Gründe», schreibt der Kommentator auf der online-Plattform watson. So sei man offensichtlich zur Einschätzung gelangt, dass sich mit einem bevorstehenden Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB «der Mindestkurs nicht mehr aufrechterhalten lässt». Jetzt habe die SNB zwar wieder Spielraum, doch ob sie «im damit entfachten Sturm der Märkte bestehen wird, ist ungewiss».

Jordan habe «den Poker gegen die Finanzmärkte verloren», schreibt die «Berner Zeitung». Trotz allem wäre es falsch, jetzt in Panik zu verfallen. Denn die Schweizer Wirtschaft sei mit dem Absturz des Euro erstaunlich gut fertig geworden und dürfte ihre Anpassungsfähigkeit in den nächsten Monaten erneut unter Beweis stellen.

Primär bedeute das Ende des Mindestkurses, dass die SNB den Franken nicht zu einem Quasi-Euro werden lasse, kommentiert die «Neue Zürcher Zeitung». «Es ist zu hoffen, dass sie daran festhalten wird.» Denn die Nationalbank müsse danach streben, Preisstabilität und ein möglichst stabiles Umfeld zu sichern: «Es darf nicht ihre Aufgabe sein, Exportförderung zu betreiben. Ein Ende mit Schrecken ist da besser als ein Schrecken ohne Ende.»

Glaubwürdigkeit gelitten

Von Schrecken und Ende ist auch im «Tages-Anzeiger» und «Bund» die Rede - allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Die SNB sei mit Blick auf die Schweizer Wirtschaft alles andere als aus dem Schneider. Mit der Erhöhung der Negativzinsen setze sie auf das Prinzip Hoffnung. Denn müsse sie künftig intervenieren, um den Franken zu schwächen, dürfte der Erfolg weniger gewiss sein und höhere Kosten verursachen. «Nicht zuletzt, weil die Glaubwürdigkeit der SNB durch die Art der Kommunikation gestern gelitten hat.»

Ähnlich klingt es in der «Nordwestschweiz»: Zwar müsse eine eigenständige Nationalbank wie die SNB genau so unabhängig und überraschend handeln. Doch so «mutig und eigenständig» der Entscheid auch war: «er ist natürlich eine Kapitulation - was auch immer die Gründe dafür sein mögen.» Und Jordan, in dessen Händen die Schweizer Volkswirtschaft liege, habe damit «zwangsläufig seinen Ruf lädiert».

Gegenwert Freiheit

Auch laut der «Basler Zeitung» hat die Glaubwürdigkeit der SNB einen «tiefen Kratzer» erhalten. «Sie wird es nicht mehr so bald wagen, ein Regime anzukündigen, das auf dem Vertrauen der Märkte beruht.» Mindestens auf kurze Sicht überwiege der wirtschaftliche Schaden. Denn bestimmend für den Wohlstand der Schweiz sei das Wohlergehen der Exportwirtschaft. Für den hohen Preis des Regimewechsels gebe es aber einen substanziellen Gegenwert: «Er heisst Freiheit.»

«Geldpolitischen Handlungsspielraum» nennt die «Südostschweiz» das, was die SNB mit dem Schritt zurückgewonnen habe. Die Kehrseite: «Auf die Exportwirtschaft und den Schweizer Tourismus kommen ganz harte Zeiten zu.» Anderseits wäre ohne Mindestkurs «der Flurschaden in der Schweizer Wirtschaft gewaltig gewesen». Doch: «Auf lange Frist konnte das nicht gut gehen», weil der Euro, an den der Franken angebunden war, aufgrund der misslichen Wirtschaftslage «zum Abwerten verdammt ist».

Als «ein Zeichen des Misstrauens in die Entwicklung des Euroraumes» wertet unter anderen die «Neue Luzerner Zeitung» den Schritt der SNB. Gleichzeitig sei nun auch klar, «dass die Schweizer Wirtschaft jetzt mehr denn je angewiesen ist auf freie Zugänge in alle Welt.» Dabei sei die Politik gefordert, die Sorge tragen müsse «zum Werkplatz Schweiz».

Blick über die Landesgrenzen

Die grösseren deutschen Zeitungen widmeten dem SNB-Entscheid viel Aufmerksamkeit. Als «eine Kapitulation vor den Spätfolgen der Finanzkrise», bezeichnete die «Süddeutsche Zeitung» den Schritt. Der Kursgewinn von 30 Prozent binnen weniger Minuten sei zwar ein historischer Moment, doch bloss eine Reaktion der Anleger «auf den dilettantisch eingeleiteten Versuch der Schweizer Notenbank, den Kurs des Franken freizugeben und vom Euro abzukoppeln».

Der Schweiz drohe nun der Fluch des Luxus-Landes, prognostiziert die Zeitung «Welt». Für die Eurozone sei der vom Entscheid ausgelöste Kurssturz eher kein Grund zur Sorge, schreibt der «Spiegel». Denn die Euro-Abwertung sei gewollt und der «Absturz des Euro dürfte sogar noch weitergehen». Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» rechnet ihren Lesern vor, dass die Schweiz durch den Kauf ausländischer Wertpapiere im grossen Umfang «mittlerweile zum grössten Gläubiger der Bundesrepublik geworden ist».

Europas Unfähigkeit, Wirtschaftswachstum wiederherzustellen

Der Schweizer Entscheid sei eine interessante Lektion über die seltsam prekäre Lage der Weltwirtschaft. Währungsspezialisten würden vergeblich nach einem vergleichbaren Ereignis suchen, schreibt die «New York Times». Die grösste Erkenntnis: Sechs Jahre aggressiver Währungsaktivismus der grossen Zentralbanken hätten vielleicht die Weltwirtschaft gerettet. «Aber es hatte auch viele Nebenwirkungen weit weg von den USA, mit denen die Menschen rund um den Globus noch lange zu kämpfen haben.»

Für die «Washington Post» ist der SNB-Entscheid «wahrscheinlich kein Guter». Denn die Schweiz harre noch immer in einer Deflation mit fallenden Preisen, eine stärkere Währung werde das noch verschlimmern. Die Wirtschaftspublikation Bloomberg macht Europa verantwortlich für den «Schock mit dem Schweizer Franken». Der Schritt sei «eine Art Kapitulation» und unterstreiche ein grösseres Problem: Europas Unfähigkeit, Wirtschaftswachstum wiederherzustellen.

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