1.01.2014 07:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Rudolf Haudenschild
Kommentar
Stadt braucht Land, Land braucht Stadt
Rudolf Haudenschild, Chefredaktor der Zeitung «Schweizer Bauer», äussert sich in einem Kommentar zum Jahreswechsel.

Wettermässig machte den Bäuerinnen und den Bauern das äusserst schlechte Frühjahr mit viel Regen und kühlen Temperaturen das ganze Jahr zu schaffen. Erntemengen und Milchablieferungen fielen dementsprechend tiefer aus als in den Vorjahren. Einzig die  stabilen Schlachtviehpreise und die leicht besseren Preise bei Milch und Schlachtschweinen waren Lichtblicke. Dank zwei Prozent tieferen Ausgaben für Vorleistungen und tieferen Abschreibungen liegt die Nettowertschöpfung immerhin über 13 Prozent höher als im Vorjahr.

Nach Abzug der Löhne und Zinsen und unter Zurechnung der Transferzahlungen an die Landwirtschaft ist das Nettounternehmenseinkommen acht Prozent höher als im Vorjahr. Dies ist zwar erfreulich. Teuerungsbereinigt liegt es dennoch leicht unter dem von 2003. Die vom Bundesrat Ende Oktober auf 1. Januar 2014 in Kraft gesetzten Verordnungen zur Agrarpolitik 2014–2017 stellen Bäuerinnen und Bauern wiederum vor veränderte Voraussetzungen und verlangen recht kurzfristig erneute Anpassungen. 

Die Umsetzung mit dem aus betrieblicher Sicht zwingend erstrangigen Ziel, dass die Einkommen wenn irgendwie möglich zu halten sind, ist für die Betriebsleiter eine enorme Herausforderung. Sie müssen ihre Anpassungsfähigkeit und Flexibilität im agrarpolitischen «Noch-Vierjahresrhythmus» einmal mehr unter Beweis stellen. Leider ist es dabei wichtiger, auf die Signale der mehrheitsfähigen eidgenössischen Agrarpolitik aus Bern zu achten als auf die Signale des Marktes.

Dies bedeutet konkret noch mehr Ökologie und weniger Produktion. Das Berggebiet wird mehr öffentliche Gelder erhalten, ohne dass dort Einkommensprobleme gelöst werden. Und die Betriebe im Tal müssen mit einem Viertel weniger Direktzahlungen rechnen. Dieses fehlende Viertel wird 2014 maximal zu zwei Dritteln durch Übergangsbeiträge abgefedert, sinkend mit jedem weiteren Jahr.  Diese Betriebe müssen deshalb analysiert und neu ausgerichtet werden.

Dafür gibt es drei Hauptwege:

Sie setzen auf die Umweltprogramme der neuen Agrarpolitik, oder sie versuchen entfallende Direktzahlungen durch eine höhere Wertschöpfung auf dem Betrieb zu kompensieren, oder sie setzen auf Nebenerwerb mit der Konsequenz, den Betrieb vereinfachen zu müssen. Das Letztere kann aber dazu führen, dass sie früher oder später nicht mehr als landwirtschaftlich eingestuft werden. Dies  mit allen rechtlichen Konsequenzen.

Setzen Sie als Betriebsleiter auf Programme mit starken Direktzahlungsanreizen, liefern Sie sich der Willkür der Agrar- und Haushaltspolitik des Bundes und der Kantone aus. Die Bedingungen und Beiträge können ständig ändern.

Der mittlere Weg setzt aufumweltverträgliche und effiziente Produktion, Verarbeitung und Verteilung entlang der ganzen  Wertschöpfungskette bis auf den Teller. Dass dieser auf Produktion ausgerichtete Weg langfristig richtig ist, lässt sich aus den steigenden Betriebsaufgaben und vor allem aus der starken Zuwanderung und dem Bevölkerungswachstums ableiten.

Auch ausserhalb der Schweiz wachsen die Bevölkerung und der Wohlstand, so vor allem in Asien. Mit den wachsenden Bedürfnissen steigt deshalb die Nachfrage nach Ressourcen. Bisher hat nur China diesen globalen Verteilungswettkampf erkannt und setzt deshalb zur sicheren Versorgung der eigenen Bevölkerung auf eine Selbstversorgung von 95 Prozent. Dies trotz grösster Währungsreserven, mit denen China allen andern die Lebensmittel vor der Nase wegkaufen könnte.

Da kommt unsere Schweizer Initiative zur Ernährungssicherung noch gerade rechtzeitig.

Hoffnung auf Nachfrage nach einheimischen Produkten dürfen wir uns jetzt schon aus der recht strengen Swissness-Regelung machen. Es muss jetzt der Schweizer Landwirtschaft gelingen, gemeinsam mit Lieferanten, Verarbeitern und Detailhandel die Wertschöpfung mit einer umfassenden Qualitätsstrategie noch besser nach vorne zu den Konsumenten zu tragen. Es gilt, die Konsumenten zu überzeugen, dass sie nicht wegen uns Schweizer Bauern, sondern wegen ihnen selber (Gesundheit, Arbeitsplätze, Lehrstellen) umwelt- und tiergerecht, in überschaubaren Verhältnissen produzierte, frische Lebensmittel kaufen sollen statt global austauschbare, tote Kalorien. Urban Farming unterstreicht dieses Bedürfnis. Immer mehr Leute erkennen: Stadt braucht Land. Umgekehrt braucht Land aber auch Stadt.

Bäuerliche Familienbetriebe sind weltweit das Rückgrat der Landwirtschaft. Sie versorgen die Bevölkerung mit  Lebensmitteln und erfüllen wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Um ihre Situation  und ihre Herausforderungen zum Thema zu machen, hat die UNO das Jahr 2014 zum Internationalen Jahr der Familienbetriebe erklärt.

Nun wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, etwas ruhigere und erholsame Tage zum Auftanken. Mögen Sie die privaten und beruflichen Herausforderungen 2014 mutig anpacken. «Es guets Nöis!»

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