30.10.2015 07:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Tierwohl (4/8)
Tierwohl: Nutztierschutz im Ländervergleich
Der Schutz der Nutztiere wird in der Schweiz und der EU unterschiedlich geregelt. Ein Vergleich ist aufgrund einer Vielzahl von Vorschriften schwierig. Grundsätzlich sind Schweizer Tierschutzvorschriften deutlich strenger und detaillierter sind als die Mindeststandards in den EU-Richtlinien.

Zu den Kriterien für eine artgerechte und damit tierfreundliche Tierhaltung gehören viele Faktoren. Zum Beispiel eine den Sozialbeziehungen der Tiere angepasste Gruppengrösse, ein ausreichendes Platzangebot pro Tier, die Gelegenheit zum Auslauf, getrennte Lebensbereiche zum Fressen, Liegen und Koten, ein optimales Stallklima und eine artgerechte Fütterung.

Schweiz mit hohen Standards

Artgerecht gehaltene Tiere sind vitaler und weniger stressanfällig, was zugleich die Voraussetzung dafür ist, dass sie eine artgemässe Leistung erbringen. Das Schweizer Tierschutzgesetz ist diesbezüglich auf gutem Weg. Wer die Schweizer Tierschutzgesetzgebung erfüllt, bietet seinen Tieren ein einigermassen artgerechtes Leben – das ist aber nicht ein Maximum an Tierwohl, sondern in erster Linie das Vermeiden von Tierquälerei. Was jetzt vielleicht nach wenig tönt ist international gesehen eine beachtliche Leistung: Zum Beispiel ist in der Schweiz als einzigem Land der Welt das Kastrieren von Nutztieren ohne Schmerzausschaltung (Betäubung) verboten.

Wenn man versucht die Standards der Tierschutzgesetzgebung verschiedener Länder zu vergleichen steht man vor einem nahezu unüberschaubaren Wirrwarr unterschiedlicher Vorschriften. Ein schematischer Vergleich über alle Länder und Regionen hinweg ist schwierig bis unmöglich. Grundsätzlich sind die Schweizer Tierschutzvorschriften deutlich strenger und detaillierter sind als z.B. die Mindeststandards in den EU-Richtlinien, und die EU-Richtlinien sind wiederum strenger als Richtlinien in Südamerika oder Asien.

CH: Spitzenposition bei Labels und Weidehaltung

Dazu kommt, dass in der Schweiz deutlich mehr Bereiche geregelt werden als in vielen umliegenden Ländern. Das Spektrum reicht in der Schweiz von Ausbildungsanforderungen für Tierhalter, über Anforderungen an die Tierunterkunft (Platzbedarf, Einstreu, Lärm, Beleuchtung, ...), die Haltung und Fütterung bis zur Schmerzausschaltung bei zootechnischen Eingriffen, dem Zutrittsrecht für Vollzug und Kontrolle und den Abmessungen von Unterständen bei der dauernden Haltung im Freien. In anderen Ländern werden teilweise nur die Tiertransporte geregelt – was in erster Linie seuchenpolitisch motiviert ist.

Bei der Verbreitung der Weidehaltung dürfte die Schweiz im Vergleich mit den umliegenden Ländern führend sein. Und bei der Beteiligungsrate an privatrechtlichen Labelprogrammen nimmt sie ebenfalls eine Spitzenposition ein. So werden z.B. rund zwei Drittel der Mastschweine in Labelställen mit Mehrflächenbuchten, Auslauf und eingestreuter Liegefläche gehalten. Eine Umfrage des Schweizer Tierschutzes (STS) ergab über alle Tierarten gesehen, für die Schweiz europaweit mit Abstand die höchsten Anteile an besonders tierfreundlichen Haltungsformen wie der Weide-, Auslauf-, Freiland- und Gruppenhaltung.

Schweizer Tierwohlprogramme

Eine herausragende Stellung nimmt die Schweiz im internationalen Vergleich mit den beiden freiwilligen Tierwohlprogrammen für „Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme“ (BTS) und dem „Regelmässigen Auslauf im Freien“ (RAUS) ein. Die Beiträge werden dabei pro Grossvieheinheit (GVE) bezahlt, wobei eine GVE einem Tier mit einem Lebendgewicht von 500 kg entspricht. Im Jahr 2013 war mehr als 70 Prozent des Tierbestandes (in GVE) im RAUS-Programm angemeldet und ca. 50 Prozent im BTS-Programm. Die höchste BTS-Beteiligung findet sich beim Geflügel, dort werden 90% in BTS-Ställen gehalten, die tiefste bei der Pferdegattung: Dort sind es nur gerade 15%.

Obwohl diese Programme sehr gut sind, gibt es Teilbereiche, in denen das Ausland die Schweiz in den letzten Jahren überholt hat: So werden in der Schweiz noch rund 60% der Milchkühe im Anbindestall gehalten, während es in Deutschland nur noch 30% sind. Das hat in erster Linie arbeitswirtschaftliche Gründe: Ein Freilaufstall ist weniger arbeitsintensiv, was vor allem bei grösseren Tierbeständen von Vorteil ist. Das Stallsystem allein sagt aber nur begrenzt etwas über das Tierwohl aus. Eine Milchkuh, die ganzjährig im Laufstall gehalten wird, aber nie weiden kann, fühlt sich nicht zwingend wohler, als eine Kuh im Anbindestall, die im Sommer mindestens 26 Tage Weidegang im Monat hat und im  Winter an mindestens 13 Tagen pro Monat Auslauf bekommt. Zudem hat auch die Tierbetreuung einen wesentlichen Einfluss auf das Tierwohl.

Tierschutzgesetz EU

Die EU hat zwar gemeinsame Mindestvorschriften, trotzdem bestehen in den einzelnen Ländern nach wie vor grosse Unterschiede bei den Tierschutzbestimmungen. Das EU-Parlament hat im Jahr 2012 eine Zusammenführung aller Vorschriften in einer einheitlichen EU-Tierschutz-Gesetzgebung gefordert, deren Einhaltung zudem streng überwacht werden sollte. Es wollte damit gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Nutztierhalter in der EU schaffen.

Ausserdem sollten die neuen Gesetze endlich auch Milchkühe, streunende Hunde, Katzen und Haustiere einbeziehen, die bislang noch nicht unter die EU-Gesetzgebung fallen. Der Vorstoss stiess auf grossen Widerstand und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist es bis heute noch nicht einmal gelungen, die bisherigen Vorschriften in allen Ländern durchzusetzen. Und zweitens ist die Mentalität in den EU-Staaten sehr verschieden, was sich auch auf die Kontrollergebnisse auswirkt, wie in diesem Dossier später noch gezeigt wird.

Masse steht nicht für Klasse 

Genau wie in der Schweiz gibt es auch in zahlreichen EU-Ländern freiwillige Programme die zu einem höheren Tierwohl führen. Diese Programme sind teilweise mit den obligatorischen Schweizer Tierschutzvorschriften vergleichbar, manchmal gehen sie weiter. Die Schweiz kann dafür in diversen anderen Bereichen auftrumpfen. Zum Beispiel bei der Gruppengrösse: In der Schweiz hat sich nämlich aus verschiedenen Gründen eine bäuerlich geprägte Tierhaltung erhalten.

Weil auf einem Hof meistens mehrere Tierkategorien gehalten werden, sind die Tierzahlen pro Stall resp. Betrieb nach wie vor moderat. Zudem sind die Futterfläche und der Hofdüngeranfall relativ gut aufeinander abgestimmt. Im Ausland verlief der Spezialisierungs- und Konzentrationsprozess in der Tierhaltung dagegen ungebremst. Massentierhaltungen und Tierfabriken mit Zehntausenden von Schweinen und Hunderttausenden von Hühnern sind nicht nur in den USA, Brasilien und anderen Ländern gang und gäbe, sondern auch in verschiedenen Regionen der EU.

Hohe Tierbestände mit Folgen

Hohe Tierbestände sind zwar nicht per se tierschutzwidrig, sie haben aber meistens unerwünschte Folgen. Grosse Tierzahlen bedeuten deshalb eine Massierung der Tiere um den Stall herum mit der entsprechenden Überdüngung, sowie einer Verschlämmungs- und Verwurmungsgefahr. Derart hohe Tierbestände führen deshalb entweder zum Verzicht auf Auslauf – und entsprechend weniger Tierwohl – oder zu einem vermehrten Medikamenteneinsatz, was dem Tierwohl auch nicht förderlich ist.

Grosse Tierbestände ziehen einen hohen Tierverkehr und -handel nach sich. Damit steigt das Seuchen- und Krankheitsübertragungsrisiko. Der tierschützerisch gewichtigste Einwand gegen die Massentierhaltung besteht vor allem darin, dass die Mensch-Tier-Beziehung darunter leidet. Denn der modernste Freilaufstall und die grosszügigste Freilandhaltung sind fürs Tier stets nur so gut wie der Tierhalter, der zum Wohl und der Gesundheit der Tiere schaut. Eine intensive Mensch-Tier- Beziehung ist nebst einer artgerechten Haltung das A und O in jeder Nutztierhaltung. Diese ist in einer professionell geführten bäuerlichen Tierhaltung mit überschaubaren Einheiten eher gewährleistet als in Massentierhaltung.

Was lange fährt ist selten gut 

Die Natur kennt keine Lastwagen. In der EU dürfen Schweine bis zu 24 Stunden am Stück transportiert werden, solange sie Zugang zu Trinkwasser haben. Rinder, Schafe und Ziegen dürfen in der EU 14 Stunden am Stück transportiert werden, und dann – mit Unterbruch von einer Stunde Ruhezeit plus Tränke – weitere 14 Stunden Fahrt anhängen. Diese Transportabschnitte können beliebig oft wiederholt werden, wenn die Tiere dazwischen für 24 Stunden an einer zugelassenen Kontrollstelle entladen, gefüttert und getränkt werden. Zum Vergleich: In der Schweiz dürfen Tiere maximal 6 Stunden transportiert werden. 

Lange Fahrten sind ungesund, denn sie schwächen das Immunsystem. Das kann laut STS z.B. dazu führen, dass sich bei Hühnern Salmonellen stärker ausbreiten. Während in der Schweizer Hühnerhaltung Salmonellen dank eines ausgeklügelten Systems und tierfreundlicher Haltungsformen kaum vorkommen, werden in 20 bis 40% der EU-Geflügelhaltungen Salmonellen nachgewiesen. Ausserdem kommt nicht jedes Tier, das transportiert wird, lebend am Schlachthof an. Fachleute gehen laut STS davon aus, dass in der EU bis zu 2 Mio. Schweine jährlich beim Transport verenden – das ist fast so viel wie jährlich in der Schweiz geschlachtet werden.

Die vier wichtigsten Unterschiede zur Tierschutzgesetzung zur EU lassen sich wie folgt zusammenfassen:

•Während die Schweizer-Tierschutzgesetzgebung zu allen Nutztieren detaillierte Vorschriften und Mindestmasse vorgibt, fehlen EU-Richtlinien u.a. zur Haltung von Kühen, Mastvieh, Truten, Straussen und anderen Geflügelarten (ausser Hühnern), Schafen, Ziegen und Pferden. Damit sind Millionen von Nutztieren in der EU ohne gesetzlichen Schutz.

•Die EU schreibt keinen TÜV für serienmässig hergestellte und verkaufte Haltungssysteme und Stalleinrichtungen vor. In der Schweiz müssen diese auf TierschutzkonformitÄt und Praxistauglichkeit geprüft und bewilligt werden, was den Tieren (aber auch den Tierhaltern) zugutekommt.

•In der Schweiz sind die allermeisten schmerzhaften Eingriffe verboten, in der EU hingegen dürfen beispielsweise junge männliche Kälber, Zicklein, Ferkel etc. ohne Schmerzausschaltung kastriert werden. Das in der Schweiz verbotene Schnabel- und Schwanzcoupieren oder das Herausbrechen von Zähnen bei Ferkeln ist in der EU ebenfalls weiterhin zulässig.

•Während in der EU Tiertransporte nicht beschränkt sind (40- bis 60-stÜndige Fahrten sind keine Seltenheit) dürfen in der Schweiz Tiere maximal 6 Stunden transportiert werden.

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