18.07.2014 07:23
Quelle: schweizerbauer.ch - Karin Iseli-Trösch, lid
Ausbildung
Traumberuf Landwirtin
Sonja Geiser und Nina Schär sind moderne junge Frauen mit einem besonderen Berufswunsch: Landwirtin. Beide machen ein Lehrjahr auf dem Hof der Familie Ryf in Thunstetten. Gerne nehmen sie für ihren Traum lange Arbeitstage und harte körperliche Tätigkeiten in Kauf.

"Ich kann mir gut vorstellen, einmal einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen." Diese Aussage von Nina Schär verwundert, denn die 16-jährige hatte bis anhin mit Landwirtschaft nicht viel mehr zu tun als die meisten anderen Schweizerinnen in diesem Alter. Spricht die Sekundarschülerin von ihrem Berufswunsch, merkt man jedoch rasch, dass es nicht einfach eine Verlegenheitslösung mangels Alternativen ist.

"Ich hätte eine Lehrstelle als Optikerin gehabt – meinem langjährigen Traumberuf. Gleichzeitig habe ich aber den Anruf bekommen, ich könne auf meinem Wunschhof das erste Landwirtschaftslehrjahr machen." Da habe sie nicht lange überlegen müssen. Sie sei schon immer gerne draussen gewesen und Tiere liebe sie über alles.

Ein Entscheid zugunsten der Landwirtschaft

Doch wie kommt es, dass eine junge Frau, die Mitten im Städtchen Huttwil BE aufgewachsen ist, sich für diese Berufslehre entscheidet? Klar hört gleich hinter dem Haus der Familie Schär das bewohnte Gebiet auf – sah Nina von klein auf Kühe weiden und Traktoren fahren. Doch dies ist nichts Aussergewöhnliches in den Dörfern und Kleinstädten der Schweiz. "Die Suche nach einer Lehrstelle im Bereich Optikerin gestaltete sich am Anfang schwierig. Darum schaute ich mich nach Alternativen um", erzählt Nina Schär.

Da sie seit der vierten Klasse mehrmals in der Woche in einem Reitstall anzutreffen ist, dachte sie zuerst an Pferdewirtin – diesen Gedanken verwarf sie aber, weil ihr dieses Berufsbild nicht entsprach. Jenes der Landwirtin jedoch schon. Ihr sei jedoch von Anfang an klar gewesen, dass diese Lehre und auch der Beruf viel von ihr abverlangen werde: Die Arbeitstage seien lang, das Privatleben müsse zurückstehen und der Lohn sei im Vergleich zu anderen Berufen eher bescheiden.

Mitschüler finden es cool

Um noch besser beurteilen zu können, ob dies wirklich was für sie wäre, verbrachte sie die gesamten Sommerferien 2013 bei ihrem Onkel, der während den Sommermonaten als Älpler arbeitet. "Seither bin ich ganz sicher, dass Landwirtin der richtige Beruf für mich ist. Ich fand es wunderbar, so viel in der freien Natur zu arbeiten und die Aufgaben, die rund um die Milchkühe anfielen zu erledigen." Ihre Eltern nahmen die doch recht überraschende Änderung bei der Berufswahl gut auf. Sie stehen voll und ganz hinter ihr.

Und die Schulkollegen? Die hätten zuerst schon etwas gelacht und gemeint, sie mache einen Scherz. Doch jetzt fänden es eigentlich alle cool. "Und ich wähle meinen Beruf ganz sicher nicht nach dem, was die anderen denken. Ich will meinen Traum leben!" Nina kann es sich zwar vorstellen, mal einen Betrieb zu übernehmen und zu führen. Ob es aber wirklich mal so kommen wird, ist für sie momentan zweitrangig. Sicher ist aber, dass sie nach der dreijährigen Lehre noch etwas anderes machen will – vielleicht sogar die Ausbildung zur Sekundarlehrerin.

Selbständigkeit wird gefördert

Das erste Lehrjahr wird Nina auf dem Betrieb der Familie Ryf in Thunstetten BE absolvieren. Ihr Lehrmeister, Urs Ryf, ist geübt darin, jungen Frauen seinen Beruf näher zu bringen. Nina ist von sechs Lernenden bereits die fünfte Lehrtochter. Der 45-jährige und seine Frau Nadja führen einen Betrieb mit 20 Milchkühen, 18 Hektaren landwirtschaftlich nutzbarem Land, acht Pensionspferden, ein Blumenfeld zum Selberpflücken und Direktvermarktung.
"Es macht mir Spass, jungen Leuten so viel wie möglich über die Landwirtschaft beizubringen. Ich will ihnen die Zusammenhänge in der Natur vermitteln, das ABC rund um die Milchkühe beibringen und sie fit für den Umgang mit den landwirtschaftlichen Maschinen machen", sagt Urs Ryf, der seit einigen Monaten als Präsident der Vereinigung landwirtschaftlicher Lehrmeister des Kantons Bern amtet.

625 Lehrlinge im Kanton Bern

Es sei immer wieder faszinierend zu sehen, welche Fortschritte die jungen Leute während diesem Jahr auf dem Hof machten – nicht nur, was die Arbeit betreffe, sondern auch die Persönlichkeit. Klar sei ein Lehrling, wenn er dann gewillt sei zu lernen und zu arbeiten, auch eine Arbeitsentlastung. Bis es soweit sei, brauche es aber viel Zeit und Engagement von seiner Seite. 625 aktive Lehrbetriebe gibt es zurzeit im Kanton Bern. Nur auf wenigen werden Frauen ausgebildet. Nach wie vor sind schweizweit fast 90 Prozent aller Lernenden im Bereich Landwirtschaft männlich.

Vielleicht ist es wegen den zwei Kindern im Alter von 10 und 8 Jahren, dass bei der Familie Ryf vorwiegend junge Frauen die Lehre machen wollen, vielleicht aber auch wegen den Pferden. Damit hätten die Lernenden zwar nur am Rande zu tun, sagt Urs Ryf, trotzdem seien viele junge Frauen halt schon von diesen Tieren begeistert. Für die 22-jährige Sonja Geiser waren die Pferde nicht ausschlaggebend bei ihrem Entscheid, ihr Lehrjahr auf dem Hof der Ryfs zu absolvieren. Die Familie sei ihr auf Anhieb sympathisch gewesen und die Vielfalt des Betriebes hätten ihr zugesagt.

"Ich will den Hof der Eltern übernehmen"

Anders als Nina ist Sonja Geiser auf einem Bauernbetrieb in Roggliswil LU aufgewachsen, als viertes von fünf Kindern. Bereits mit zwölf Jahren wusste sie, was sie mal werden möchte: Landwirtin. Ihr Ziel ist es, einmal den elterlichen Hof zu übernehmen. Die Geschwister, welche alle ausserhalb der Landwirtschaft tätig sind, sind froh, dass so der Hof und das Haus, in dem sie aufgewachsen sind, nicht verkauft werden muss.

Noch dauert es etwa zehn Jahre, bis die Eltern den Betrieb an ihre Tochter übergeben werden. Bis dahin wird Sonja ihre Lehre längst abgeschlossen haben. "Ich werde wohl als Angestellte auf dem Hof mithelfen. Vielleicht mache ich auch noch die Betriebsleiter-Schule oder sonst eine Weiterbildung im Bereich Landwirtschaft. Wahrscheinlich werde ich zumindest Teilzeit auch in meinem Erstberuf als KV-Angestellte arbeiten."

Zuerst KV-Lehre absolviert

Im Gegensatz zu Nina hat Sonja Geiser nach der Schule nicht gleich Mist- und Heugabel in die Hände genommen, sondern eine Lehre bei einer Versicherung gemacht. Sie habe zwar immer gewusst, dass sie lieber Landwirtin werden möchte. Doch zu der Zeit, als sie die Sekundarschule beendet habe, sei noch unklar gewesen, wie es auf dem elterlichen Hof weitergehen werde. Deshalb habe sie sich für das KV entschieden. Bereut hat sie dies nicht.

"Aber ich war die ganze Zeit drinnen und arbeitete am Computer. Das ist nicht so meins." Lieber packt sie draussen mit an und erlebt immer wieder von neuem die verschiedenen Jahreszyklen. Doch am Anfang des Lehrjahres sei sie am Abend schon sehr müde von der harten, körperlichen Arbeit gewesen – längst habe sie sich aber daran gewöhnt.

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