20.05.2020 06:33
Quelle: schweizerbauer.ch - Ann Schärer, lid
Wirtschaft
Vielversprechender Start für «Urmilch»
Seit Ende letzten Jahres verkauft die Migros A2-Milch. Die Verkaufszahlen entwickeln sich im vorgesehenen bescheidenen Rahmen gut. Dass die bessere Verträglichkeit der «Urmilch» bislang auf persönlichen Erfahrungen statt auf wissenschaftlichen Beweisen beruht, scheint gut akzeptiert zu werden.

Friedlich grast die Kuhherde auf der grossen Weide im bernischen Deisswil. Äusserlich unterscheiden sich die Kühe der Rassen Holstein, Red Holstein und Swiss Fleckvieh nicht von anderen. Und trotzdem sind sie etwas Besonderes: sie produzieren A2-Milch, auch bekannt als «Urmilch».

Besser verträgliches A2-Protein

Anders als konventionelle Milch enthält sie nicht die beiden unterschiedlichen Milcheiweisse A1 und A2, sondern ausschliesslich das Milchprotein A2. Da dies früher bei allen Kühen der Fall war, gab man der Milch umgangssprachlich den Namen «Urmilch». Vor einigen Jahrzehnten entsprachen alle unsere Kühe der Genvariante A2A2.

Im Laufe der Zeit kam durch eine natürliche Mutation das Milchprotein A1 dazu, weshalb die Milch von heutigen Kühen meistens beide Proteine aufweist. Da anscheinend das A1-Milchprotein dafür verantwortlich ist, dass einige Menschen Kuhmilch schlecht vertragen, entstand in Neuseeland die Idee, die Kühe wieder auf das besser verträgliche A2-Protein zurück zu züchten. Denn A2-Milch enthält im Gegensatz zu A1 nicht die Aminosäure Histidin, die bei der Verdauung ein Enzym entstehen lässt, welches sich negativ auf das menschliche Wohlbefinden auswirken kann.

A2-Milch im Ausland

Entstanden ist die Idee zur A2-Milchproduktion in Neuseeland, wo die A2 Milk Company grossen Erfolg damit hat. Die Firma ist ebenfalls tätig in Australien, wo die A2-Frischmilch mittlerweile einen Marktanteil von knapp 10% erreicht, den USA, China und Hong Kong. In Vietnam steht A2-Milch seit Kurzem als Milchpulver in den Regalen; in Singapur und Korea hat der neuseeländische Milchverarbeiter eben A2-Frischmilch lanciert. A2-Milch wird mit einem wachsenden Erfolg auch in Österreich, Deutschland, England und den Niederlanden verkauft.

40 Kühe mit Genvariante A2A2

Weil die Aaremilch AG die neuseeländische Idee für die Schweiz aufgenommen hat (siehe Box), weiden jetzt auf der Weide in Deisswil 40 Kühe der Genvariante A2A2. Sie sind – zumindest auf den zweiten Blick – sehr wohl von anderen Kühen unterscheidbar. «Die speziellen Ohrmarken weisen darauf hin, dass diese Kühe A2-Milch produzieren», sagt Beatrice Rufer. Sie bewirtschaftet gemeinsam mit ihrem Partner und ihrem Vater den Betrieb Sunne Hubel.

Sie gehörten zu den Betrieben, die von der Aaremilch AG – dem einzigen Anbieter von A2-Milch in der Schweiz – angefragt worden sind, ob sie bei einem A2-Pilotversuch mit 13 Schweizer Betrieben mitmachen möchten. Und so begannen Rufers im Herbst 2017 mit der Umstellung der gesamten Herde auf den Genotyp A2A2.

Umstellung hängt von Ausgangslage ab

Beatrice Rufer arbeitet mittlerweile mit einem 40-Prozent-Pensum bei der Aaremilch AG und ist dort unter anderem für die «Urmilch» zuständig. «Die Umstellung unserer Herde ist abgeschlossen – bis auf eine Lieblingskuh, die wir separat melken», sagt die Agronomin. Wie lange diese Umstellung dauert, hänge sehr stark von der Ausgangslage ab.

Je höher der A2-Anteil in der Herde am Anfang bereits sei, desto schneller gehe die Umstellung. «Wir haben einfach immer mit reinerbigen A2-Stieren besamen lassen und den nicht-reinerbigen Nachwuchs weiterverkauft», sagt Rufer. So generiere die Umstellung zumindest von der Genetik her gesehen kaum Mehrkosten, denn Samendosen von reinerbigen A2-Stieren sind meist nicht teurer als andere.

Nachfrage nach A2-Stieren steigt

Aktuell hat Swissgenetics, der führende Anbieter von künstlicher Besamung in der Schweiz, insgesamt 469 reinerbige A2-Stiere im Angebot. Tendenz steigend, wie René Bucher, Kommunikationsverantwortlicher von Swissgenetics, sagt. «Die Nachfrage ist im Steigen begriffen, weshalb wir das A2-Stierenangebot noch weiter ausbauen möchten», sagt er. Mit Abstand am meisten A2-Stiere – in absoluten Zahlen – stehen dabei für die Rassen Brown Swiss und Holstein zur Verfügung. Bezogen auf die Populationsgrösse der Rasse hingegen führt Jersey vor Brown Swiss und Simmental die Rangliste an.

Dies bestätigt auch Beatrice Rufer. «Es kommen zwar grundsätzlich alle Rassen für die Produktion von A2-Milch in Frage, aber die Häufigkeit der reinerbigen A2-Tiere variiert dabei sehr stark», sagt sie. Die Rasse Jersey weise sogar einen Anteil von 80% reinerbigen Tiere auf. Mit dem Züchten auf A2-Reinerbigkeit könne auf Betriebsebene der Zuchtfortschritt vorübergehend etwas gebremst werden, sagt Beatrice Rufer. Dies, weil teilweise bei der alleinigen Fokussierung auf dieses eine genetische Merkmal auch genetisch wertvolle Kühe verkauft werden müssen. Doch gelte dies nur für die A1-reinerbigen Kühe, also etwa 30% der Tiere. Bei denjenigen Tieren, die beide Proteinvarianten vererben können, bestehe ja weiterhin die Chance auf reinerbigen Nachwuchs, weshalb man sie vorerst behalten könne, sagt Rufer.  

Weniger Milch abgeliefert

Die Kosten einer Umstellung auf A2-Milch seien nicht zu unterschätzen, sagt Beatrice Rufer. Vor allem versteckte Kosten wie die Bestimmung des Genotyps der Kälber oder ein zusätzlicher Milchtank für die Übergangsphase inklusive höheren Stromkosten würden sich rasch summieren. Auch die Anschaffung von reinerbigen A2-Tieren kostet – so haben Rufers zum Beispiel während der Umstellung 25 A2-Kühe zukaufen müssen. Und zuerst müssten diese Tiere überhaupt gefunden werden, was aktuell gar nicht so einfach sei.

Das hat auf dem Betrieb Sunne Hubel vorübergehend dazu geführt, dass weniger Milchkühe im Stall standen. «Wir haben dadurch gegenüber dem Vorjahr 25'000 Kilogramm weniger Milch abliefern können, was einem Kostenaufwand von etwa 13'500 Franken entspricht», sagt die Agronomin. Die Umstellung auf A2-Milch ist unter dem Strich also alles andere als ein Nullsummenspiel. Trotzdem kann sich die A2-Milchproduktion für die betreffenden Betriebe auf längere Sicht durchaus lohnen.

15 Rappen mehr für Landwirt

Sie erhalten pro Kilogramm Milch eine zusätzliche Prämie von 15 Rappen. Getragen wird dies durch die Konsumenten, die für den Liter Milch beim Grossverteiler stolze 2.50 CHF bezahlen. Trotzdem wird die «Urmilch» gekauft. «Der Absatz hat sich für uns erfreulich entwickelt und liegt über den von uns budgetierten Mengen», sagt Lukas Barth, Leiter Agrarpolitik beim Migros-Milchverarbeiter Elsa. Es handle sich dabei in der Schweiz um ein völlig neues Produkt, das die Konsumentinnen und Konsumenten zuerst kennenlernen müssten.

«Die Mehrwerte von A2-Milch sind nicht in einigen Sekunden vermittelbar, weshalb ein grosser Teil der Kommunikation über persönliche Erfahrungen sowie Mund-zu-Mund-Propaganda läuft», sagt Barth. Das brauche Zeit. Und diese Zeit wolle Elsa der A2-Milch auch geben. Im Gegensatz zur Schweiz wird A2-Milch in Neuseeland und Australien bereits seit 2003, respektive 2004, verkauft. «Der Marktanteil bei Frischmilch liegt gemäss der A2 Milk Company mittlerweile bereits bei 9%», so Barth. Diese Entwicklung habe dort mehrere Jahre gebraucht. «Falls wir in der Schweiz von der Dynamik im Ausland etwas profitieren können, gehe es bei uns allenfalls etwas schneller» zeigt sich Barth zuversichtlich.

Der «Urmilch»-Pilotversuch in der Schweiz 

Beim Verfolgen der Entwicklungen im ausländischen Milchmarkt, hat der Verwaltungsrat der Aaremilch AG festgestellt, dass A2-Milch in einigen Ländern bereits stark nachgefragt wird, mancherorts sogar den Biomilchanteil überflügelt. Deshalb rannte ein Betriebsleiter, der sich mit der Idee, in der Schweiz A2-Milch zu produzieren an die Aaremilch AG wandte, offene Türen ein und die Idee zu einem Pilotprojekt entstand. Bisher ist die Aaremilch AG der einzige offizielle Schweizer Anbieter von «Urmilch». Diese wird von der Migros-Tochter Elsa in der Naturparkkäserei im Diemtigtal verarbeitet und steht seit dem 16. November 2019 in den Milchregalen der Migros zum Verkauf bereit.

Für das Pilotprojekt hat die Aaremilch AG mehrere Betriebe angefragt, ob sie mitmachen würden und 13 von ihnen ins Projekt aufgenommen. Vorgängig waren dafür aus logistischen Gründen zwei Regionen definiert worden: Der Raum Wimmis im Berner Oberland und der Raum Zollikofen im Berner Mittelland. Nebst diesen regionalen Kriterien, zählten als Vorgaben auch eine gute Autobahnanbindung des Hofes, die monatliche Liefermenge des Betriebes sowie die Konstanz der Milchanlieferungen.

Kurz nach Projektstart sind zwei der Betriebe wieder aus dem Projekt ausgestiegen. Aktuell liefern vier Betriebe A2-Milch und etwa 12 weitere Betriebe sind in der Umstellung auf reine A2-Herden.

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