2.09.2019 16:17
Quelle: schweizerbauer.ch - Ruth Bossert
Betriebsführung
Vom Baumeister zum innovativen Bauern
Vor drei Jahren kaufte Tancredi Rochira den Landwirtschafts- und Restaurationsbetrieb Gertau. Früher baute er Häuser, vor ein paar Tagen hat er seine Ausbildung zum Landwirt erfolgreich abgeschlossen.

Tancredi Rochira überlässt den Stab zum Abstossen am sandigen Ufer der Sitter seiner Frau Silvia. Als das Zugseil und das Steuerseil richtig eingehängt sind, gondelt die Holzfähre, die bis zu 13 Personen fasst, lautlos über den Fluss. Das  Paar erinnert an die Gondolieri in Venedig.

«Singen können wir nicht», sagt Tancredi Rochira, der breitbeinig neben seiner  Frau steht. Später erzählt das Paar auf der sonnigen Terrasse vor dem Restaurant, das nur über die Sommermonate geöffnet ist, dass sie den Restaurationsbetrieb zurückfahren mussten. «Es wurde uns einfach zu viel, neben dem landwirtschaftlichen Betrieb und den Tieren auch den Gasthof während der ganzen Woche offen zu halten», sagt Rochira. 

Wollte Pilot werden

Als Kind einer italienischen Familie wuchs Tancredi Rochira in der Ostschweiz auf. Nach der Matura ging er für vier Jahre zurück nach Italien, ins Militär. Mit dem Ziel, Pilot zu werden, schien ihm die Option des Berufsmilitärs die geeignete.

Es kam anders. Rochira war farbenblind und musste den fliegerischen Traum begraben, er  kam zurück in die Schweiz und arbeitete im Aussendienst eines IT-Unternehmens. Und je länger je mehr entdeckte er seine Leidenschaft fürs Handwerkliche. 

Hat 50 Häuser gebaut

Die damalige Zeit, das seriöse Umfeld und seine guten Facharbeiter halfen ihm, seinen Traum, schlüsselfertige Wohnhäuser zu bauen, in die Realität umzusetzen. Zwei Systeme im Holzbau liess er patentieren und baute in den vergangenen fünfzehn Jahren 50 Häuser. Doch die viele Arbeit führte dazu, dass er immer weniger Zeit für seine Frau und seine drei Kinder hatte.     

Er ging über die Bücher, und je länger je mehr verlagerte sich sein Interesse in eine ganz andere Richtung, hin zur Natur. Tancredi Rochira erklärt, dass sein Interesse am Ökosystem, am Verband aus miteinander wechselwirkenden Einheiten, gross ist.

Besonders seit die Klimaerwärmung die allgemein gültigen Umweltbedingungen stark beeinflusst und auch in den gemässigten Zonen die Möglichkeit besteht, exotische Pflanzen anzusiedeln, ist er überzeugt, dass man diese Möglichkeit unbedingt nutzen muss. Angefangen hat er mit Zitrusgewächsen an seinem früheren Wohnort auf 800 Meter Höhe im Appenzellerland.

Setzt auf exotische Bäume

Granatäpfel, Pfirsiche, Zitronen, Mandarinen, Kumquats und viele andere Fruchtbäumchen hat er über Jahre gehegt und gepflegt, und seit er bei einem Projekt der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften involviert ist, fühlt er sich bestärkt, die idealen Bedingungen auf seinem Hof zu nutzen und mit einer grossen Pflanzenvielfalt zu arbeiten.

Mit einer ausgeklügelten Biodiversität, bei der sich Pflanzen gegenseitig von Schädlingen schützen, verspricht sich Rochira herbizidfreie Anbauverfahren, die seinen Hof als Forschungspartner für Hochschulen interessant machen. «Ich will nicht grossflächig produzieren, viel lieber will ich mit einer grosser Pflanzenvielfalt erfolgreich sein», sagt er, und man merkt, dass ihm das Stillsitzen nicht liegt und er viel lieber Hand anlegt an den Sachen, die für ihn Zukunft bedeuten.

In diesem Herbst soll das Projekt gestartet werden. Verschiedene Pfirsicharten-, Kaki- und andere exotische Fruchtbäume werden gepflanzt, er spricht von gegen 400 Pflanzen. Eine Umstellung auf Bio oder dergleichen steht bei ihm nicht im Fokus. «Wir wollen gesunde Lebensmittel produzieren und deshalb konsequent keine Herbizide einsetzen und bei der Tierhaltung auf Antibiotika verzichten», sagt er.

Hasen und Hennen

Ein besonderes Augenmerk setzt Rochira auf die Produktion von Kräutern. Seine Eltern haben sich mit der Firma Farmesan AG und den Produkten, die nach der Lehre von Hildegard von Bingen hergestellt werden, einen marktführenden Namen geschaffen. Deshalb ist für den Absatz der Kräuter gesorgt. Auf der Gertau werden seit Jahrzehnten auch Spargeln angebaut. Dieses Jahr wurden 1,4 Tonnen geerntet, andere Jahre war es auch schon die doppelte Menge. 

Neben den Pflanzen verfolgt  Rochira aber auch bei Tieren eine erfolgversprechende Richtung. Die vom Vorgänger übernommene Schafherde von 18 Muttertieren hat er auf 45 Muttertiere aufgestockt. Auch bei der Hasenzucht im Freilandgehege von heute 55 Muttertieren und ungefähr fünfmal so vielen Jungtieren sieht er  grosses Potenzial. Seit ein paar Wochen leben auch 60 junge Truten in der Gertau, und wenn es rundläuft, soll auch diese Gattung wachsen, damit man zukünftig eigenes Trutenfleisch im Restaurant anbieten kann. Dasselbe stellt er sich mit Straussen vor. Auch eine Schar Gänse heisst die Gäste mit  lautem Geschnatter willkommen. Die Masthennen wurden kürzlich leider vom Fuchs mitgenommen.

Von der Pike auf

Dass der studierte ABC-Waffenspezialist, der Baumeister, der sich sein bauliches Können durch Nachahmung seiner Facharbeiter angeeignet hat, nun seit drei Jahren die Ausbildung zum Landwirt EFZ auf dem eigenen 16 Hektaren grossen Betrieb abgeschlossen hat, erstaunt nicht. «Diesen Beruf musste ich von der Pike auf lernen», stellt der 42-Jährige nüchtern fest.

In der Gertau sollen in wenigen Jahren zwischen 80 und 120 verschiedene Produkte produziert werden, wenn man die Kräuter, das Obst und das Fleisch zusammenzählt. Zudem sei der landwirtschaftliche Betrieb stark mit dem Restaurant verknüpft, wo dann auch die eigenen Produkte im Angebot stehen werden. Vom Vorgänger übernommen hat Rochira auch die Pensionspferde, wobei auch hier noch Ausbaumöglichkeiten bestehen. Silvia Rochira hat vor einem Jahr die Wirteprüfung absolviert, damit auch da die professionelle Grundlage vorhanden ist. 

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