2.07.2015 12:05
Quelle: schweizerbauer.ch - Peter Bossi, lid
Biolandbau
«Was man in Afrika kann, kann man auch in der Schweiz»
«Feeding the Planet, Energy for Life», der offizielle Claim der Expo in Milano verschafft der Diskussion um die Sicherstellung der Welternährung Schub. Der Schweizer Welternährungspreisträger Hans Rudolf Herren hat dazu eine klare Haltung: «Feeding the Planet» ist keine Aufgabe, die einigen wenigen Grosskonzernen allein überlassen bleiben darf.

"Bio muss aggressiver vorgehen!". Dies der Titel Ihres Referats an der Bio Suisse-Frühjahrsversammlung 2015. Was ist darunter konkret zu verstehen?
Hans Rudolf Herren: Bio Suisse, aber auch alle anderen Bio-Organisationen in Europa und sogar weltweit, müssen viel koordinierter auftreten und mit starken Aktionen die Kette von Produktion bis Konsum verbessern. Das heisst zum Beispiel bessere Informationen für die Konsumenten über die Vorteile einer Bio-Ernährung in Bezug auf alle drei Nachhaltigkeitsebenen: Umwelt, Soziales und die Wirtschaft. Es ist vielen Konsumenten gar nicht klar, dass es mehr als gesunde Nahrung braucht, um eine Zukunft zu haben. Daten darüber gibt es reichlich, und es sollten vermehrt Informationskampagnen zu den verschiedenen Vorteilen einer Bio-Ernährung für die Menschen und die Umwelt stattfinden. Im Dezember findet in Paris die Konferenz COP21 zum Klimawandel statt. Diese Konferenz ist von entscheidender Bedeutung für unsere Zukunft und wir wissen auch, dass Biolandbau dem Klimawandel stark entgegen wirken kann. Alles gute Themen für schweizweite Kampagnen.

"Lebensmittel sind bei uns viel zu billig, kein Wunder dass die Wertschätzung stetig sinkt." Wie soll dies geändert werden?
Die Lösung des Problems der billigen Ernährungsprodukte ist die Umstellung auf "wahre" Preise. Wir müssen es schaffen, alle externen Kosten in die Preise konventioneller Produkte einzubauen, um den Konsumenten zu helfen, beim Kauf die richtigen Entscheide zu treffen. Dies wird den Bioprodukten einen Vorteil verschaffen, da sie bedeutend weniger externe Kosten verursachen. Eigentlich sollten wir nicht nur in der ganzen Schweiz die biologische Produktion vorantreiben, sondern weltweit. Die CO2-Konzentration ist schon so hoch, dass ein radikaler Kurswechsel dringend notwendig ist.

Besteht die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft im "Bioland Schweiz" oder geht Ihnen selbst dies zu wenig weit?
Um wirklich etwas zu bewegen, muss die ganze Schweiz umstellen. Das wäre möglich, ohne dass die Preise explodieren. Der Bund würde zu Beginn immer noch Subventionen an die Bauern verteilen, jedoch abnehmend und dann die Steuerlast der ärmeren Konsumenten mindern. Mit mehr Forschung im Bereich des Biolandbaus und besserer Umsetzung kann auch die Produktion noch verbessert werden, was wiederum die Preise reduziert.

Sehen sie andere unterstützenswerte Ansätze für eine nachhaltige und produktive Landwirtschaft - in der Schweiz und weltweit?
Der Biolandbau muss sich im Umfeld der Agrarökologie weiter entwickeln und auch wirklich multifunktional werden, dies in der Schweiz und weltweit.

Ihre jahrzehntelange Forschungsarbeit auf der Basis natürlicher Methoden wird heute allgemein anerkannt, jedoch teilweise mit der Bemerkung, dass heute die Gentechnologie bessere Lösungen biete. Tut sie dies, bzw. in welchen Fällen könnte dies der Fall sein?
Die Gentechnologie hat noch nichts zu besserer Nahrung, grösseren Ernten oder weniger Chemie beigetragen - im Gegenteil. Sie hat auch noch viel Geld abgesaugt, das besser in eine nachhaltige Landwirtschaft investiert worden wäre. Es gibt überhaupt nichts, dass wir nicht auch anders lösen können. Das Problem ist, dass viele immer nach einer schnellen Lösung suchen, und dann werden eben nur die Symptome behandelt, statt dass man sich viel gründlicher mit den Ursachen der Probleme befasst. Dies ist jedoch weniger rentabel für die Industrie, die immer etwas verkaufen will. Es ist auch Zeit, dass wir die Probleme mit einem systemischen Ansatz angehen. Das heisst, die Forschung sollte sich nicht nur eng mit Pflanzen und Tieren oder mit der Gesundheit und der Umwelt befassen, sondern die Dinge im grossen Zusammenhang verstehen lernen. Dafür haben wir genug Wissen und Erfahrungen, aber wir müssen nun die Courage haben, etwas Neues anzupacken bevor es zu spät ist.

Kenia, Äthiopien und Senegal weisen eindrückliche agrarökologische Erfolge auf, laut Ihnen mit Vorbildcharakter auch für den Kurswechsel in der Schweiz. Inwiefern genau?
Ja, was man in Afrika kann, kann man auch in der Schweiz,und sicher sollte es ja auch einfacher sein, da es hierzulande bessere Kommunikationswege gibt, mehr Mittel für Forschung und Umsetzung vorhanden sind und der Marktzugang viel besser organisiert ist. Es geht um einen integrierten Ansatz, wie er auch im Biolandbau, in der Permakultur und in der biodynamischen Landwirtschaft vorkommt. Vielleicht doch noch ein bisschen weiter gezogen, in alle drei nachhaltigen Entwicklungsdimensionen. Weiter müssen natürlich nicht nur die Wissenschaft, das Wissen der Bäuerinnen und Bauern und die Technologie mitspielen, sondern auch die Politik. Und die sollte sich auf die Wissenschaft abstützen und nicht auf Privatinteressen.

"Was man in Afrika kann, kann man auch in der Schweiz"...
Deshalb führen wir in Kenia, Senegal und Äthiopien das Pilotprojekt "Kurswechsel in der Landwirtschaft" durch, um zu demonstrieren, dass man sich mit allen Beteiligten an einen Tisch setzen muss, um neue Politiken zu entwickeln, die dann von allen akzeptiert werden und bei der Umsetzung auch allen Vorteile bringen: Den Bäuerinnen und Bauern, der Zivilgesellschaft, der Regierung, der Wissenschaft und den Entwicklungspartnern. Die Schweiz hätte auch die Grundlage, um einen Kurswechsel zu evaluieren. Das von mir präsidierte Millennium Institute hat mit dem Bundesamt für Landwirtschaft ein Modell gebaut, mit dem man verschiedene Szenarien durchspielen kann. Es geht nun darum, dieses Modell zu nutzen und weiter zu entwickeln.

Eine weitere Ihrer Kernaussagen: "Tiere gehören auf den Bauernhof. Nährstoffkreisläufe müssen geschlossen werden." Wie machen Sie der wachsenden Veganismus-Gemeinde klar, dass es auch in Zukunft mehr als Streichelzoo-Höfe brauchen wird?
Genauso wie wir alle selber wählen können, ob wir Veganer, Vegetarier oder Fleischesser sein wollen, können auch die Bäuerinnen und Bauern selbst entscheiden, ob sie Nutztiere halten wollen. Die Tiere sind auch für den Nährstoffkreislauf eines Hofes von grosser Bedeutung. Allerdings muss die Haltung dieser Tiere artgerecht sein.

Zur Person

Hans Rudolf Herren gehört weltweit zu den führenden Wissenschaftlern der biologischen Schädlingsbekämpfung und gilt als Pionier in diesem Bereich. Herren, der an der ETH promoviert hat, erhielt 1995 als erster Schweizer den Welternährungspreis und 2013 den alternativen Nobelpreis "Right Livelihood Award". 1998 gründete Herren die Organisation Biovision, welche die nachhaltige Landwirtschaft und biologische Schädlingsbekämpfung in Afrika fördert. Seit 2005 ist er zudem Präsident der Millenium Foundation in Virginia, USA. Diese berät weltweit Politiker bei Nachhaltigkeitszielen.

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