10.08.2016 06:08
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Milchmarkt
«Weidegang ist Alleinstellungsmerkmal»
Kurt Nüesch, Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), nimmt zu Forderungen des Tierschutzes Stellung. Er findet es richtig, sich zu überlegen, in welche Richtung sich die Schweizer Milchproduktion entwickeln soll. Die SMP fordern ein zweistufiges Raus-Programm für Kühe. Was halten Sie davon? Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab.

«Schweizer Bauer»: Der Schweizer Tierschutz (STS) fordert einen Franken Produzentenpreis pro Kilo tierfreundlich erzeugter Milch. Was sagen Sie dazu?
Kurt Nüesch: Das tönt natürlich verführerisch, gerade in Zeiten wie diesen mit Milchpreisen von teilweise unter 50Rappen. Die Frage ist dann: Was heisst tierfreundlich? Aus meiner Sicht wird in der Schweiz im internationalen Vergleich der grösste Teil der Milch tierfreundlich produziert. Dazu stellt sich die Frage, für welche Produkte daraus ein Mehrwert realisiert werden kann. Ist es für Konsummilch im Detailhandel? Diese 10% der Milch teilen sich heute schon zahlreiche «Milchsorten» mit besonderen Anforderungen. Die Vielfalt generiert eine aufwendige Logistik. Am ehesten vorstellbar ist für mich eine Kombination der besonderen Qualität «Tierwohl» mit einem bestehenden Programm oder Label.

Der STS möchte aus der Schweiz ein Gegenmodell bilden. Denn er kritisiert, dass die Entwicklung in der Schweiz in Richtung grosse Ställe mit Holsteinkühen und weniger Weidegang geht. Diese Entwicklung gibt es, oder?
In der Tendenz ja. Bedingt durch den Strukturwandel werden die Betriebe grösser. Der wirtschaftliche Druck zwingt viele Bauern zur Rationalisierung. So nimmt zum Beispiel die Zahl der Melkroboter zu, die zwar auch tierfreundlich sind, aber den Weidegang organisatorisch erschweren. Es ist richtig, dass man sich überlegt, in welche Richtung man gehen will, und gegebenenfalls Einfluss nehmen könnte. Schliesslich geht es ja darum, die Vorzüge unserer Schweizer Milch gegenüber den Konsumenten zu kommunizieren.

An welche Vorzüge denken Sie, welche die Schweizer Milchproduktion heute schon hat und die man noch forcieren könnte? 
Was das Tierwohl betrifft, so fallen demjenigen, der aus dem Ausland heimkehrt, zuerst einmal die vielen Kühe auf, die während der Vegetationsperiode auf der Weide stehen. Insgesamt gesehen, ist das bereits heute ein Alleinstellungsmerkmal.

Gibt es Versuche, den Weidegang noch stärker zu kommunizieren?

Wenn es Betriebe gibt, die nicht weiden, sind einer solchen Kommunikation natürlich Grenzen gesetzt. Aktuell werden in der Arbeitsgruppe der Branchenorganisation Milch zur Mehrwertstrategie die entsprechenden Möglichkeiten eingehend geprüft und diskutiert. Wir von den Schweizer Milchproduzenten (SMP) arbeiten dort sehr aktiv mit.

Befürworten die SMP eine zusätzliche Prämie für Weidegang bei den Raus-Beiträgen?
Zusammen mit dem Schweizer Bauernverband fordern wir seit einiger Zeit ein zweistufiges Raus-Programm. Milchkühe zu weiden, ist bedeutend aufwendiger als Mutterkühe oder Mastrinder, weil man die Milchkühe zweimal am Tag zum Melken in den Stall holen muss. Dieses Engagement und dieser Mehraufwand müssen über die Direktzahlungen besser abgegolten werden; über den Markt ist das nur begrenzt möglich.

Sie meinen, dass der Raus-Beitrag für eine Milchkuh höher sein muss als für eine Mutterkuh?

Ja. Für die Milchkühe ist ein separates Raus-Programm nötig. Und das soll zweistufig sein: einerseits «Auslauf ins Grüne», was für den Grossteil der Betriebe realisierbar ist (z.B. via Laufhof), anderseits die ausgedehnte Weidehaltung, die höhere Anforderungen stellt und schwieriger umzusetzen ist. Gerade auch angesichts der sehr schwierigen Lage auf dem Milchmarkt fordern wir via höhere Raus-Beiträge für Milchkühe Verbesserungen für die Milchproduzenten.

Der STS fordert auch eine Bewegung der ganzen Branche in Richtung Raufutterkuh.

Es ist auch ein Merkmal der Schweizer Milchproduktion, dass wir im Vergleich zu sehr vielen anderen Ländern einen hohen Raufutteranteil und auch einen sehr hohen Grasanteil in den Rationen haben und insgesamt wenig Kraftfutter einsetzen. Auch damit können wir uns profilieren, wir müssen uns aber überlegen, wie wir dies dem Konsumenten verständlich kommunizieren können. Überhaupt kein Kraftfutter mehr einzusetzen, ist nicht realistisch, auch angesichts der vorhandenen Genetik. Aber dass der Fokus auf einheimischem Raufutter und besonders auf dem Gras liegen soll, macht Sinn. Wir sind ein Wasser- und Grasland. Das GMF-Programm sollte so angepasst werden, dass auch Betriebe, die im Talgebiet grössere Mengen Mais oder Futterrüben einsetzen, einen stärkeren Anreiz haben, in diese Richtung zu gehen.

Der STS schreibt, für das Überleben der bäuerlichen Milchviehstrukturen sei ein fairer Milchpreis sehr wichtig. Das sehen Sie wohl auch so?
Absolut! Es ist und bleibt unser zentrales Ziel, dass die Milch einen angemessenen Preis hat, den sie verdient. Aber massgebend ist der Markt. Und bei der Milch sind wir wie in keiner anderen bedeutenden Landwirtschaftsbranche dem internationalen Markt ausgesetzt. Wir erwarten und hoffen, dass sich die Situation möglichst rasch bessert. Es gibt gewisse Anzeichen dafür, sowohl auf der Absatz- wie auch auf der Produktionsseite, national und international.

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