23.07.2019 16:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Doris Bigler
Betriebsführung
Weniger wäre oft mehr
Kosten sparen können Landwirte laut Christian Gazzarin vor allem mit einfacheren Gebäuden, weniger Maschinen und effizienteren Arbeitsabläufen. In diesen Bereichen sei noch viel Potenzial vorhanden.

«Schweizer Bauer»: Was sind generell die grössten Kostenpunkte auf einem Schweizer Landwirtschaftsbetrieb?
Christian Gazzarin: Arbeit, Gebäude und Maschinen. Das sind meistens Kosten, die man gar nicht so richtig spürt mit Ausnahme der Arbeit. Bei Maschinen und Gebäuden handelt es sich um grössere Investitionen, die man schnell vergessen hat, wenn die Ausgabe getätigt ist. Dann wirken sie aber lange in der Buchhaltung nach. Und dann kommt bald mal das Kraftfutter. Dieses ist mit regelmässigen Rechnungen besser «spürbar».

Worauf muss ein Betrieb achten, wenn er Kosten einsparen will?

Bei der Kosteneinsparung geht es immer um Menge und Preis. Wenn ich den Umfang des Maschinenparks reduziere, möglichst wenig Futter konserviere, das Gebäude radikal vereinfache oder wenig Kraftfutter einsetze, spare ich bei der Menge. Der Spielraum ist hier relativ gross. Dagegen habe ich bei den Anschaffungspreisen oder auch bei Lohnansätzen wenig Möglichkeiten, diese herunterzusetzen. Das ist insbesondere relevant, wenn ich mir vor Augen führe, dass gerade in der Schweiz die Preise und Lohnansätze im internationalen Vergleich sehr hoch sind. Es braucht auch viel mehr Organisationsaufwand, die Preise z.B. anhand von Einkaufsgemeinschaften zu beeinflussen. 

In welchen Bereichen liegt am meisten Potenzial, um Kosten zu senken?
Das Einsparungspotenzial ist bei den oben genannten Kostenpositionen Arbeit, Gebäude oder Maschinen am grössten.

Und was für konkrete Tipps oder Möglichkeiten gibt es da?
Konkret ist insbesondere die Futterkonservierung zu erwähnen. Diese umfasst alle drei wichtigen Kostenpositionen und zwar ganzjährig – im Sommer bei der Herstellung und im Winter bei der Lagerung und Fütterung. Mein Fazit daraus wäre, die Futterkonservierung wo immer möglich zu minimieren, das heisst vor allem auf den Winter zu beschränken. Das spricht für mehr Frischgras, am besten in Form einer ausgedehnten Weidehaltung.

Wo ist es schwieriger, Kosten einzusparen?
Preise von Produktionsmitteln oder Lohnansätze von Lohnunternehmern, Maschinenwerkstätten oder Architekten kann man zwar verhandeln, doch ist der Spielraum recht klein und die Hebelwirkung auch vergleichsweise schwächer, als wenn ich das Produktionssystem von Grund auf überdenke und an der Menge des Mitteleinsatzes schraube.

Wie baut man günstig und trotzdem gut?
Rein vom Tier aus betrachtet, braucht es sehr wenig. Salopp gesagt ein Dach über dem Kopf mit einer trockenen Liegefläche und natürlich genügend Platz. Dann kommen die Bedürfnisse des Menschen. Hier sind es gesetzliche Rahmenbedingungen wie Gewässerschutzvorschriften, welche die Kosten in die Höhe treiben können. Und dann kommen die vielen Extrawünsche, angefangen von einem übermässigen Witterungsschutz bis zu diversen technischen Ausstattungen, die das Gebäude mit Einrichtungen massiv verteuern können. Ich empfehle jeweils, zu Beginn immer nur eine minimale Light-Version zu bauen, die aber in allen Belangen erweiterbar ist, hinsichtlich Platz aber auch hinsichtlich technischer Ausstattungen. Es versteht sich von selbst, dass Holz dabei erste Wahl ist und Beton wo immer möglich vermieden werden soll.

Nur einfach und günstig kann aber auch mehr Arbeit bedeuten, oder?
Wer günstig bauen möchte, sollte bei den Arbeitsabläufen keine Kompromisse machen. Mit anderen Worten: Alles, was Arbeit einspart, darf auch etwas kosten. Hier ist aber eine sorgfältige Abwägung wichtig, denn mit der eingesparten Arbeitszeit muss auch mehr Output generiert werden können, sonst heisst es schnell mal «ausser Spesen nichts gewesen». Mehr Output heisst eine höhere Produktionsmenge, also eine Vergrösserung des Betriebszweiges, eine Verlagerung der Arbeit in lukrativere Betriebszweigen oder auch in einen ausserlandwirtschaftlichen Nebenerwerb.

Welche Einrichtungen sind denn sinnvoll?
Hinsichtlich der nötigen CO2-Einsparung in der Landwirtschaft wäre es in der Innenwirtschaft besser, den mit fossilen Energieträgern betriebenen Maschineneinsatz möglichst zu reduzieren. Im Stall bieten sich hier diverse Alternativen an wie etwa elektrisch betriebene Futtermischwagen oder Einrichtungen wie Entmistungsschieber, Hallengreifer, Futternachschiebe-Roboter etc. Diese Techniken sind in der Anschaffung nicht ganz billig, haben aber später über Jahre auch viel tiefere Betriebskosten als wenn diese Arbeiten mit «Diesel-Power» erledigt werden. In dieser Hinsicht erscheint mir auch die Dürrfuttergewinnung und -lagerung gerade wieder modern zu sein, auch wenn das erst einmal höhere Investitionen beschert.

Gilt generell: Je grösser man bauen kann (Anzahl Tiere), desto günstiger pro Tierplatz?
Das trifft vor allem in der Milchviehhaltung zu, wo ein Grossteil der Investition in die Melktechnik fliesst. Ein 3er-, 4er- oder 5er-Fischgrät-Melkstand macht wenig Differenz in der Investition. Aber wenn ein 5er-Fischgrät mit einem grösseren Kuhbestand voll ausgelastet ist, sind die Kosten je kg Milch für das Technikgebäude und damit für das Gebäude insgesamt tiefer. Besonders deutlich wird das auch beim AMS (Melkroboter), wobei hier die Melkbox in den meisten Fällen eine Limite setzt, die jedoch voll ausgelastet werden müsste. Weitere Beispiele, die auch für andere tierische Produktionszweige gelten, sind die Güllengrube, die mit steigender Tierzahl pro Tierplatz günstiger wird, oder auch Silolager wie Flach- oder Hochsilo. Wenn immer möglich sollten auch Altbauten integriert werden. Hierbei kann ein kleinerer Tierbestand durchaus günstige Lösungen ermöglichen, während bei grösseren Tierbeständen ein Neubau vor allem aus arbeitswirtschaftlichen Gründen oft näherliegt.

Weshalb bauen ihrer Meinung nach immer noch viele Landwirte eher teuer?
Etwas ketzerisch könnte ich sagen, dass jeder einfach so aufwendig baut, wie er sich das leisten kann. In einigen Fällen wird das nötige Kapital wohl kaum nur aus der eigenen Landwirtschaft generiert, denn dann müssten die Gebäude viel einfacher aussehen. Quersubventionierung dürfte eine grosse Rolle spielen, sei es aus ausserlandwirtschaftlichen Erwerbsquellen, Baulandverkauf, Erbe oder andere. Für viele ist das Gebäude auch ein Abbild der Prioritätensetzung. Es ist durchaus plausibel, viel Geld in den eigenen Arbeitsplatz zu investieren, wo das Arbeitsleben täglich stattfindet – vielleicht auch so, dass alle im Dorf sehen, wie toll der Betrieb, scheinbar, prosperiert. Man könnte sich aber mit dem Geld auch mehr Ferien gönnen, die Küche im Wohnhaus renovieren oder eine Photovoltaik-Anlage erstellen, ohne dass Tierwohl oder rationelle Arbeitsabläufe in einem deutlich günstigeren Stall gefährdet wären.

Was empfehlen Sie für eine Strategie bezüglich Mechanisierung?
Eine sinnvolle Mechanisierung steht und fällt mit der Auslastung. Auch hier kann man natürlich immer für sich alleine die neueste Technik kaufen, sofern man sich das leisten kann. Und auch hier stellt sich wieder die Frage nach den Prioritäten. Wer auf eine Kostensenkung fokussiert ist, sucht nach Möglichkeiten wie moderne, arbeitssparende Maschinen, die mit Berufskollegen geteilt werden können – oder wie er zu günstigen Occasionen kommt, wenn die Maschine offensichtlich nur selten eingesetzt werden kann. Oder wie er gerade ganze Arbeitsbereiche an Lohnunternehmer auslagert und dafür – mindestens in diesem Arbeitsbereich – nichts mehr mit eigenen Maschinen zu tun haben möchte, dafür aber andere Arbeitsbereiche ausbaut.

Zur Person

Christian Gazzarin, Jg. 1965, ist dipl. Ing. Agr. ETH. Seit 2000 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Betriebswirtschaft bei Agroscope. Sein Schwerpunkt sind Produktionssysteme für die Wiederkäuerhaltung. big

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