2.05.2014 11:38
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Früchte
Wieso Orangen nur hier orange sind
Viele Orangen sind aufgrund der klimatischen Bedingungen im Herkunftsland nicht orange, sondern gelb bis grün. Für den Geschmack macht das keinen Unterschied. Weil die Konsumenten hierzulande jedoch prinzipiell nur orange Orangen kaufen, werden andersfarbige Früchte chemisch behandelt. Und das ist erst der Anfang der Absurditäten.

Welche Farbe hat eine Orange? Die meisten Schweizer würden diese Frage für einen schlechten Scherz halten. Orangen, das ist unbestritten, sind orange, daher auch ihr Name.

Grün Hinweis für Unreife

Bloss: Orangen sind nicht orange - jedenfalls nicht immer. In tropischen Ländern wie Brasilien, dem mit Abstand wichtigsten Herkunftsland weltweit, sind Orangen in der Regel gelb bis grün. Nur wenn sie während der Reifung kalten Temperaturen ausgesetzt sind, ändern sie ihre Farbe.

In den Regalen von Schweizer Supermärkten gibt es Orangen dennoch nur in einer Farbe: orange. Ähnlich verhält es sich mit anderen Zitrusfrüchten. Gelbe Mandarinen? Grüne Zitronen? In Europa undenkbar.

Das hänge mit den Erwartungen der Konsumenten zusammen, sagt Sophia Jördens, Lebensmittelwissenschafterin an der ETH Zürich. «Grün gilt in Europa und Nordamerika als Hinweis für Unreife», erklärt sie gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Deshalb lassen sich grüne Orangen nicht verkaufen - obwohl es keinen Zusammenhang gibt zwischen der Reife einer Frucht und der Farbe ihrer Schale.

Temperatur nicht tief genug

Ihre namensgebende Farbe erhalten Orangen am ehesten, wenn sie in Regionen mit mildem Klima angebaut werden, etwa Italien oder Spanien, woher mehr als die Hälfte der in der Schweiz verkauften Orangen stammen. Selbst in diesen Ländern ist die typische Farbe aber nicht garantiert, weil die Temperaturen teilweise nicht tief genug sinken, vor allem bei frühen Ernten.

Damit die Orangen im Laden dennoch die gewünschte Farbe haben, behandelt man die grünen Früchte mit Ethylen. Diese so genannte «Entgrünung» wird vor allem zu Beginn der Orangensaison in Südeuropa, also im Herbst, durchgeführt, wie Marc Wermelinger, Geschäftsführer des Verbands der Früchte- und Gemüsehändler Swisscofel, sagt. «In dieser Zeit sind die Nächte noch zu warm und die Schale noch nicht vollständig ausgefärbt.»

Weniger als 10 Prozent entgrünt

Sobald die Nächte kühler würden, sei eine Entgrünung nicht mehr erforderlich. Wermelinger schätzt der Anteil der entgrünten Früchte am gesamten Orangenabsatz auf «deutlich weniger als zehn Prozent».

Die gleiche Schätzung macht Coop auf Anfrage im Bezug auf das eigene Zitrusfrüchte-Sortiment. Bei Früchten der Marke Naturaplan verzichtet der Detailhändler indes auf die Entgrünung, weil sie gemäss den Richtlinien von Bio Suisse verboten ist, wie Coop-Sprecher Ramon Gander erklärt. Die Migros macht keine Angaben, wie viele Früchte entgrünt werden. «Dies variiert und ist abhängig von der Sorte», sagt Mediensprecherin Christine Gaillet.

Einfluss auf Qualität?

Das Entgrünen von Zitrusfrüchten ist nicht unumstritten. «Die Entgrünung ist ein unnötiger Energieaufwand», kritisiert Sophia Jördens. Sie würde sich eine bessere Aufklärung der Konsumenten wünschen. Der deutsche Lebensmittelchemiker Udo Pollmer kritisiert ausserdem, dass die Behandlung die Qualität beeinträchtigt. «Entgrünte Orangen schmecken etwas fader, sie enthalten weniger Fruchtsäure und altern schneller», sagt er.

Dem widerspricht Marc Wermelinger: «Dass die Entgrünung den Geschmack verändert, kann ich mir nicht vorstellen.» Ethylen sei ein natürlicher Stoff, der sich auch in der Schale der Früchte bilde.

Die Orange als Zankapfel

In der Schweiz ist Ethylen zur Entgrünung nicht zugelassen, wie es beim Bundesamt für Landwirtschaft auf Anfrage heisst. Erlaubt ist hingegen der Import von entgrünten Früchten. In der EU ist die Entgrünung legal. Die Lebensmittelbestimmungen der EU fördern die Behandlung sogar: Sie schreiben vor, dass höchstens «ein Fünftel der gesamten Fruchtoberfläche» grün ist, damit sie in den Verkauf kommen kann.

Dahinter stehen nicht etwa Bedenken bezüglich der Reife. Der Grund für die Anforderung ist vielmehr politischer Natur. «Die EU-Vorschriften sind das Werk von Griechenland und Spanien», sagt Udo Pollmer. Die südeuropäischen Orangenproduzenten wehren sich seit Jahren gegen Vorschläge anderer europäischer Staaten, auch grüne Orangen für den Verkauf zuzulassen.

Denn einerseits werden in Spanien, Italien oder Griechenland die Früchte eher orange. Andererseits verfügen sie bereits über die nötigen Entgrünungsanlagen - im Gegensatz zur Konkurrenz aus anderen Ländern. «Diese müssten ihre Früchte zur Entgrünung den Spaniern andienen», sagt Pollmer.

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