24.09.2015 09:15
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Weinbau
Winzer: Bis 80 Millionen Schaden wegen Pilzschutzmittel
Den Schweizer Winzern drohen wegen der Schäden durch das Pilzschutzmittel «Moon Privilege» Umsatzeinbussen von bis zu 80 Millionen Franken. Das zeigen erste Schätzungen des Schweizer Weinbauernverbandes. Rund 900 Weinbauunternehmen sind betroffen.

Obwohl das aussergewöhnlich warme Wetter im Juli der Schweiz einen hervorragenden Jahrgang bescheren wird, herrscht in der Weinbranche alles andere als eitel Sonnenschein. Die Winzer entdeckten zu Beginn des Sommers, dass bei einigen Reben die Blätter deformiert waren und keine Beeren wuchsen.

Bewilligung entzogen

Schnell geriet das seit 2012 zugelassene Pilzschutzmittel «Moon Privilege» des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer unter Verdacht, die Schäden verursacht zu haben. Der Beweis dafür fehlt bis heute, Bayer riet jedoch sofort vom Einsatz des Fungizids ab und der Bund entzog dem Mittel inzwischen die Bewilligung.

Seit dem Auftauchen der rätselhaften Krankheit versucht die Weinbranche, das Ausmass der Schäden abzuschätzen. Sämtliche Weinbauern wurden deshalb aufgefordert, ihre Schäden zu melden, auch im Hinblick auf künftige Schadenersatzforderungen.

Fast fünf Prozent einer Durchschnittsernte fehlen

Die Umfrage zeigt: Von einer durchschnittlichen Jahresernte von 110 Millionen Litern fehlen 4,85 Prozent, wie der Weinbauernverband Schweiz auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda mitteilte. Der Ernteverlust beläuft sich auf 6,65 Millionen Kilogramm Trauben. Bei einem Einkaufspreis von 4 Franken pro Kilogramm ergibt das einen Gesamtverlust von 26,6 Millionen Franken, wie Willy Deladoëy, Winzer aus dem waadtländischen Bex und Interims-Präsident des Weinbauernverbands, auf Anfrage sagte.

Und das sind erst die Einkaufskosten für die Trauben. «Die Einbussen beim Umsatz liegen je nach Wein drei bis viermal so hoch», sagte Deladoëy. Mit dem Faktor drei gerechnet muss die Weinbranche Umsatzeinbussen von 79,8 Millionen Franken hinnehmen. Der Weinbauernverband betont, dass es sich erst um Schätzungen handelt. In den Kantonen Waadt und Neuenburg seien am meisten Winzer betroffen, sagte Deladoëy, im Wallis etwas weniger. In der Deutschschweiz gebe es weniger Fälle, aber auch weniger Weinbauern.

Einige Winzer in Existenz gefährdet

Während einige Winzer einen Grossteil ihrer Trauben verloren haben, sind andere kaum betroffen. Einige Weinbauern könnten es verkraften, dieses Jahr nur eine kleine Menge Wein auf den Markt zu bringen, sagte der Präsident des Weinbauernverbands. Andere würden gerne Trauben von anderen Bauern kaufen, doch fehlt es im angespannten Markt mit grosser ausländischer Konkurrenz an den flüssigen Mitteln.

Schadenersatzforderungen können erst gestellt werden, wenn der Beweis vorliegt, dass die Schäden auf das Pilzschutzmittel zurückzuführen sind.
Dazu hat auch Bayer eine Untersuchung lanciert. «Wir sind an einer schnellen Aufklärung interessiert», sagte Manuel Bucher, Mediensprecher von Bayer (Schweiz) AG, auf Anfrage. Bei Bayer hofft man, dass die ersten Ergebnisse bis Jahresende vorliegen werden. Man untersuche derzeit verschiedene Faktoren wie den Zeitpunkt des Einsatzes des Pilzschutzmittels, die Witterungsbedingungen wie Temperaturen oder Feuchtigkeit sowie potenzielle Wechselwirkungen von Tankmischungen der Weinbauern.

Einigung statt Prozess?

Deshalb werden auch die Sprühprogrammdaten der Weinbauern überprüft. Gemäss Bayer-Mediensprecher Bucher sind auch Schadensfälle aus Österreich, Frankreich, Deutschland und Italien bekannt. Über das Ausmass dieser Schäden im Ausland liegen keine Zahlen vor. Ob die Schweizer Weinbauern gegen Bayer juristisch vorgehen und wie, ist noch offen. Weil in der Schweiz Sammelklagen nicht möglich sind, müsste vermutlich jeder Winzer einzeln Klage einreichen.

Verbands-Präsident Willy Deladoëy schliesst jedoch nicht aus, dass es zu einer aussergerichtlichen Einigung kommen könnte. Man führe derzeit mit Bayer Gespräche über ein mögliches Berechnungsmodell. Über genaue Beträge werde aber noch nicht diskutiert. Die Gespräche verliefen jedoch in einer konstruktiven Atmosphäre, sagte Deladoëy.

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