11.02.2020 07:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Melina Gerhard, lid
Kommunikation
«Wir erreichen die Städter»
Agrarscouts erklären Konsumentinnen und Konsumenten die Landwirtschaft. Im Frühjahr startet das Projekt in der Schweiz. Ursprünglich stammt es aus Deutschland. Die deutsche Projektverantwortliche Henriette Keuffel erklärt, wie sich die Agrarscouts etabliert haben und wie sie die Städter erreichen.

LID: Was ist die Aufgabe eines Agrarscouts?
Henriette Keuffel: Agrarscouts sind die Gesichter der modernen Landwirtschaft. Das kann eine Landwirtin oder ein Landwirt, eine Agrarstudentin oder ein Agrarstudent sein, die miterleben, was auf dem Hof täglich abgeht. Es sind Personen, die Freude am Austausch mit Menschen haben und kommunikativ sind. Sie beantworten die Frage "Was passiert auf deinem Bauernhof?".

Wie läuft ein Einsatz ab?
Vor ihrem ersten Einsatz werden die Scouts einen Tag lang geschult. Dabei steht die Gesprächsführung im Zentrum. Wir achten darauf, wie die moderne Landwirtschaft einer Person nähergebracht werden kann, die keine Ahnung vom Thema hat. Dabei helfen Vergleiche aus dem Alltag, um die Leute abzuholen. Beispielsweise wird der Futtermischer mit einem Küchenmixer verglichen. Am nächsten Tag stehen die Agrarscouts im Einsatz. Sie tragen einen Anstecker mit der Aufschrift "Frag Mich!" und animieren zum Gespräch.

Wo sind die Agrarscouts im Einsatz?
Einerseits an Messen wie der Internationalen Grünen Woche in Berlin, wo wir mit Elementen wie einem mobilen Schweinestall-Modell oder mit unserem Ackerbau-Container das Gespräch anregen. Wir machen aber auch Aktionen in der Stadt, wo wir beispielsweise Kaffee ausschenken und mit den Leuten über die Milch im Kaffee sprechen. Solche Aktionen brechen das Eis und leiten zu landwirtschaftlichen Themen über.

Wie steht es um die Glaubwürdigkeit der Agrarscouts?
Sie sind die Gesichter der modernen Landwirtschaft und können die oft komplexen Themen der Landwirtschaft in eine verständliche Sprache übersetzen. Wenn Konsumentinnen und Konsumenten eine Frage stellen, können die Agrarscouts auf deren Wissensstand eingehen. Und sie erzählen aus dem eigenen Alltag. Das erhöht die Glaubwürdigkeit enorm. Die Leute wissen: "Das ist ein Landwirt, dem kann ich die Frage stellen".

Wer kann Agrarscout werden?
Landwirte oder Agrarstudenten, die Freude am Austausch haben. Sie können Erfahrungen aus ihrem eigenen Betrieb teilen. Diese Leute melden sich aus eigener Motivation bei uns. Agrarscouts werden nicht bezahlt. Sie sind rein ehrenamtlich unterwegs. Eine Fahrkostenpauschale und Hotelkosten werden von uns übernommen. Es gibt keinen Durchschnitts-Agrarscout: wir haben vom 17-jährigen bis zum Rentner alles dabei. Es wäre super, wenn wir noch mehr Experten im Gemüsebau, in der Fischhaltung oder anderen Sonderkulturen mit ins Boot holen könnten. Da besteht oft ein gefährliches Halbwissen.

Was motiviert Landwirte, als Agrarscout ihren Job zu erklären?
Viele Landwirte haben erkannt, dass es wichtig ist, zu zeigen, was sie machen. In den ländlichen Regionen veranstalten sie Hoffeste oder kommen via Direktvermarktung mit ihren Kunden ins Gespräch. Diese Aktionen reichen allerdings nicht bis in grössere Städte hinein. Das Projekt Agrarscouts gibt den Landwirten die Möglichkeit, die Menschen, die Städter zu treffen und deren Bedürfnisse und Nachfragen aus erster Hand zu erfahren. Das ist wichtig, denn diese Leute haben oft keinen Bezug zur Landwirtschaft und sind gleichzeitig wichtige Kunden der Landwirte.

 

Agrarscouts in Deutschland

Das Forum moderne Landwirtschaft ist ein Verein, der von knapp 60 Agrarunternehmen und 200 landwirtschaftlichen Betrieben unterstützt wird. Am Sitz in Berlin arbeiten 10 Leute in den Bereichen Presse, Online-Kommunikation, Events und Agrarscouts.

Hier finden Sie zur deutschen Agrarscouts-Website und ihrem Instagram-Kanal.

 

Haben denn Landwirte überhaupt Zeit für so was?
Wir setzen die Agrarscouts je nach Experten-Gebiet ein. Wenn ein Agrarscout Zuhause einen Milchbetrieb hat, dann setzen wir ihn auch dafür ein. Während der Erntesaison kann es schon mal zu Engpässen an Agrarscouts kommen, deren Fachgebiet der Ackerbau ist. Die Arbeit auf dem Hof geht ganz klar vor. Die Agrarscouts schätzen das Netzwerk und den Austausch mit Gleichgesinnten. Erfahrene Agrarscouts können sich für die Agrarscouts-Akademie anmelden. Dort erhalten sie in Workshops Praxistipps für Instagram, Kameratraining und so weiter. Alles Dinge, die sie für ihren eigenen Hof brauchen können.

Wie entstand das Projekt?
Wir starteten 2015 mit der Projektidee. Auf der Grünen Woche 2016 hatten die ersten Agrarscouts ihren Einsatz. Im Zentrum stand die Idee "Zehn 100 Tausend". Wir bildeten zehn Agrarscouts aus, die mit jeweils minimal zehn Leuten ins Gespräch kamen und sich so am Schluss tausend Dialoge über die Landwirtschaft ergaben.

Und was ist seither passiert?
Mittlerweile ist unser Netzwerk auf 800 Agrarscouts angewachsen. Die Landwirtschaft wieder vermehrt ins Zentrum des Bewusstseins rücken, ist immer wichtiger, wie uns die Demonstrationen von Bauern-, aber auch Konsumentenseite zeigen. Die Bevölkerung kennt uns immer mehr, weil wir vor allem auf den Sozialen Medien Werbung machen.

Wo siehst du die Aufgabe der Agrarscouts in Zukunft?
Wir wollen dranbleiben. Die Leute sollen ein Bewusstsein entwickeln für regional produzierte Lebensmittel. Dabei zeigen wir die Realität auf. Denn Landwirte können oftmals nicht so produzieren, wie sie das gerne täten, weil sie ihre Produkte nicht zu teuer verkaufen können.

 

 

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