27.10.2017 19:18
Quelle: schweizerbauer.ch - Lucas Huber
Basel-Land
«Wir töteten keine Schweine vor Publikum»
Eine öffentliche Metzgete in Sissach BL wird in den Medien kritisiert. Auch am Ebenraintag vom letzten September wurden zwei Schweine geschlachtet. Jedoch wurden die Tiere nicht vor dem Publikum getötet.

«Schweizer Bauer»: Am Ebenraintag im September wurden ebenfalls zwei Schweine aus dem Gutsbetrieb des Ebenrains gemetzget, Wellen schlugen da aber keine hoch: Wo liegt der Unterschied?
Lukas Kilcher: Anders als Metzger Häring haben wir am Ebenrain darauf verzichtet, die Tiere vor Publikum zu töten. Auslöser der Empörungswelle ist wohl der Aspekt der Tötung vor Publikum, er löste die Debatte aus. Allerdings nicht allein.

Was sind die weiteren Gründe?
Wir leben in Zeiten eingeschweisster Koteletten und von Hackfleisch aus dem Schlauchbeutel. Die Werbung bleibt in der Komfortzone und zeigt uns idyllische Landschaften und gemütliche Grillszenen. Was dazwischen geschieht – Aufzucht, Mast, Schlachttransport, Schlachtung – wird ausgeblendet. Das führt zu einer Entfremdung.

Menschen essen zwar Fleisch, haben aber den Bezug zum Ursprung ihrer Nahrungsmittel verloren?
So ist es. Darum kritisiere ich die Kritiker und die Debatte an sich auch nicht: Sie sind Symptome dieser Entfremdung der Konsumenten zur Basis der Ernährung. Die Empörung ist berechtigt, weil wir viele Produktionsschritte gar nicht mehr sehen und daran gewöhnt wurden, wegzuschauen. Aber das muss sich ändern: Wir müssen lernen, hinzuschauen!

Ein Shitstorm

Morgen Samstag lädt der Sissacher Metzger Rolf Häring zu einer öffentlichen Metzgete. Nicht nur zum kulinarischen Teil – auch zu jenem mit dem Bolzenschuss. Was ihm seither an Kritik in den Medien entgegenbrandete, erinnert an einen waschechten Shitstorm; die Leserbriefspalten füllen sich, sogar der Schweizer Tierschutz schaltete sich ein. Doch ist es nicht scheinheilig, zwar Fleisch zu essen, den Prozess des Tötens aber auszublenden, aus den Augen, aus dem Sinn? Oder sind die Kritiken berechtigt, die dem Anlass vorwerfen, ein Spektakel auf Kosten des Tierwohls zu veranstalten? Antworten kennt Lukas Kilcher, Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain (siehe Interview.) lh

Man kann nur dort hinschauen, wo auch etwas gezeigt wird.
Genau, wir haben mit der Metzgete am Ebenraintag einen Schritt gemacht, Metzger Häring macht einen sehr mutigen Schritt mit seiner Metzgete inklusive der Tötung. Das reicht nicht, dessen müssen wir uns bewusst sein, denn der Aufklärungsbedarf ist gross. Aber es sind Schritte in die richtige Richtung. Darum sehe ich die Debatte auch als Ansporn, sie zeigt uns, wo der Schuh drückt und wo besonderer Handlungsbedarf besteht.

Ist die Debatte über das öffentliche Metzgen überhaupt die richtige? Müsste man nicht vielmehr über das Fleischessen per se diskutieren?
Beides sind wichtige Debatten. Die Stärken der Schweizer Landwirtschaft liegen auch in der Produktion tierischer Proteine. Das liegt an der Topografie unserer Landschaft und am Klima, was Nutztierhaltung vielerorts vorgibt. Gerade das hügelige Baselbiet eignet sich nur bedingt für den Ackerbau; die bergigen Wiesen sind prädestiniert für die Viehhaltung. Aber ich weiss, was Sie meinen: Das Nutztier lebt, um Milch, Fleisch, Leder, Eier und vieles mehr für uns zu produzieren, und am Ende steht der Tod durch Menschenhand. Unsere Pflicht ist es, Leben und Tod unserer Nutztiere so respektvoll wie möglich zu gestalten. Das hat seinen Preis – und billig geht zwangsweise auf Kosten des Tierwohls.

Trotzdem: Essen wir zu viel Fleisch?
Absolut. Ich schätze, dass wir den «Fleisch-Peak» erreicht haben.

Was schlagen Sie vor? Vegetarismus? Veganismus? Oder zumindest eine Rückkehr zu Sonntagsbraten und Suppenhuhn?
Ich esse gerne Fleisch und rate niemandem davon ab. Es ist zudem sicher nicht verantwortungsvoll, auf Fleisch und Milch zu verzichten und dafür pflanzliche Proteine aus Entwicklungsländern zu importieren. Aber erinnern wir uns: Klassische Schweizer Gerichte sind fleischlos, denke man nur an Raclette, Rösti oder Fondue. Und Fleisch war früher tatsächlich eine Angelegenheit für Sonn- und Feiertage. Unser hoher Fleischkonsum ist alles andere als traditionell. Was hingegen bei uns Tradition war, ist die Kultur der Metzgete. Früher war das Schwein auch mehr Resteverwerter und Teil eines Kreislaufs. Im Herbst wurde gemetzget, das war ein Fest. In ärmeren Ländern ist das noch heute so.

Man könnte auch daran Kritik üben, den Tod eines Tieres zu feiern.
Mit dem Fest kann man dem Tier die Wertschätzung entgegenbringen, die es verdient. Diese Wertschätzung fängt mit der Haltung an, geht über die Fütterung bis hin zum Transport und zur respektvollen Schlachtung. Diese Wertschätzung ist unsere Pflicht. Das zu verstehen, nimmt uns die Empörung. Ich habe in meinem Leben selbst Schweine gemetzget, das sind eindrucksvolle Momente, die eine intensive Verbundenheit zum Tier aufbauen können. Ich behaupte: Wer sich mit dem Schlachten befasst und Gelegenheit hat, dann und wann dabei zuzuschauen, konsumiert Fleisch verantwortungsvoller.

Werden die beiden Schweine an der Sissacher Metzgete also einen würdevolleren Tod sterben als jene in der industriellen Grossschlachterei?
Jawohl, es ist wertgeschätzter, und der Tod dieser Tiere erhält eine grössere Bedeutung; er lehrt uns, das Tier zu respektieren.

Inwiefern sind sie einem grösseren Stress ausgesetzt, weil Publikum zugegen ist?

Ich weiss nicht, was stressiger für das Tier ist. Letztlich hängt es davon ab, wie ruhig der Transport verläuft, wie ruhig das Tier zur Tötung geführt wird. Ich denke, wenn es durch den Metzger und die Anwesenden nicht in Aufregung versetzt wird, kann eine solche Metzgete stressfreier sein als eine Schlachtung mit Start im Grosstransporter.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE