19.01.2015 08:27
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja tschannen
Milchmarkt
«Wir werden durch ein Tal der Tränen gehen»
Eckhard Schmieder (60) ist Milchproduzent im Schwarzwald (D). In einem Referat an der Fachhochschule für Agrar-, Lebensmittelwissenschaften (Hafl) gab er eine Vorschau zum bevorstehenden Milchquotenausstieg.

«Ich will als Schwarzwälder Bergbauer, als Praktiker, erzählen, was nach dem 31. März, nach dem Milchquotenausstieg passieren wird», eröffnet Eckhard Schmieder sein Referat. «In der EU werden in den nächsten 10 Jahren 80% der Milchviehbetriebe aufgeben» sagt Eckhard Schmieder. 

Es gebe Landwirte, die bereits heute in den Startlöchern stünden und bereit seien, Vollgas zu geben. Der grössere Teil lebe aber in den Tag hinein und habe sich noch keine Lösung für die Zukunft überlegt. Europaweit, besonders aber in Deutschland, Holland und Dänemark, seien bei Betrieben in günstigen Lagen enorme Kapazitäten geschaffen und Investitionen getätigt worden, die nun einer Produktion bedürfen.

Nie da gewesener Wandel

In Spitzenzeiten habe der Milchpreis 49 Cent betragen, jetzt im Januar liege er bereits unter 40 Cent. In den nächsten sechs Jahren sei jedoch mit einem extrem tiefen Milchpreis unter 25 Cent zu rechnen, und auch danach werde der Milchpreis moderat bleiben und zwischen 32 bis 36 Cent schwanken. Bei der Investitionsrechnung hätten jedoch viele mit 38 Cent Milchgeld gerechnet. Dieser Berechnungsfehler für die Investitionen sei fatal.

In zwei Jahren würden rund 40% der Betriebe, die nun neu investierten, Probleme haben, die Löhne nicht mehr bezahlen können und aufgeben müssen. «Es wird einen Strukturwandel geben, der so noch nie da gewesen ist.» Die Umwelt in den zukünftigen Milchproduktionsgebieten werde sich stärker verändern als je zuvor. Es werde enorm viele Betriebe geben, die aufhören müssten oder sich bewusst dazu entschieden. Wichtig sei sowieso, dass man sich nicht vor einer Entscheidung drücke. «Die meisten werden an den Punkt kommen, an dem sie sich eingestehen müssen, dass sie auf Dauer keine guten Zahlen mehr schreiben können, nicht mehr zufrieden und am Ende sind.»

Familie federt ab

Insgesamt sei die Tendenz vorhanden, dass vor allem die Betriebe mit grossen Strukturen überleben. Aber die politische Vorgabe, «die Kleinen sterben und die Grossen überleben», müsse nicht so sein und dürfe nicht pauschalisiert werden. «Man muss praktisch und fachlich fit sein und mehr arbeiten als andere, wenn man sich für den Milchmarkt entscheidet.» Wer sich bewusst für die Milchproduktion entscheide, dürfe keine Angst vor Veränderungen haben und nicht herumjammern. Wichtig sei, den eigenen Betrieb zu diversifizieren und sich möglichst breit abzustützen.

«Man muss das Management voll im Griff haben und Kosten, vor allem beim Tierarzt und dem Futter, sparen.» Das erfordere eine sehr gute Aus- und ständige Weiterbildung. «Bei gutem Wetter darf der Bauer nicht schlafen», gerade bei der Grundfutterqualität läge noch sehr viel Verbesserungspotenzial. Wichtig sei auch die Sozialstruktur, auf Familienbetrieben sei betrieblich gesehen mehr möglich. Eine Familie habe die Chance, mit weniger Einkommen durchzuhalten und könne so ein vorübergehend tieferes Einkommen besser abfedern als ein Betrieb, der mit familienfremden Arbeitskräften arbeite.

Inselstatus geht verloren

Man müsse aber aufpassen, um gerade im Bereich Familienbetriebe und Lohn nicht ein falsches Signal zu senden, betonte Schmieder in der anschliessenden Diskussion. Die Freude an der Landwirtschaft und die Zufriedenheit bei der Arbeit seien keine Rechtfertigung oder gar Entschuldigung für einen deutlich tieferen Arbeitsverdienst.

Fakt sei, dass es auf den Agrarmärkten in Zukunft starke Schwankungen geben werde. Der Markt werde immer das herrschende System bleiben, das man nicht mit marktregulierenden Preisstützen beeinflussen könne. Politisch gesehen wolle man die freie Marktwirtschaft. Welche Auswirkungen der bevorstehende Wandel auf die Schweiz habe, könne er nicht einschätzen.

«Ich hoffe, dass die Schweiz noch lange von ihrer Sockelposition mit den Direktzahlungen profitieren kann.» In Deutschland und europaweit werde ein vergleichbares System nie mehr kommen, in nicht allzu ferner Zukunft müsse man mit der Abschaffung der Direktzahlungen rechnen. «Ich denke, die Schweiz kann ihren Inselstatus in dieser Art, wie er heute herrscht, nicht beibehalten.»

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