25.10.2013 16:07
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Zeitumstellung
Zeitumstellung: Bauern wehrten sich heftig
Für die Bauern ist das halbjährliche Umstellen der Uhrzeit längst Routine. Vor 35 Jahren haben sie sich vehement dagegen gewehrt – mit Erfolg. Eingeführt wurde die Sommerzeit dann trotzdem.

Es ist ein halbjährlich wiederkehrendes Ritual: Im Frühling stellen wir die Uhrzeit um eine Stunde vor, im Herbst dann wieder um eine Stunde zurück. Am 27. Oktober um drei Uhr morgens ist es wieder soweit. Auch Rudolf Wettstein aus Wald ZH wird am Sonntag seine Uhr um eine Stunde zurückstellen. Dabei wollte er genau das verhindern. Und zwar vor 35 Jahren.

Volk sagte 1978 Nein

Am 28. Mai 1978 stimmte die Schweizer Bevölkerung über die Einführung der Sommerzeit ab und sagte mit 963'862 zu 886’376 Stimmen knapp Nein – gegen den Willen des Bundesrates und des Parlaments. Es war Wettsteins Sternstunde. Ein paar Monate zuvor hat der damals 26-jährige Landwirt zusammen mit weiteren Bauern aus dem Zürcher Oberland das Referendum ergriffen.

"Als ich gehört habe, dass der Bundesrat dieses Zeitgesetz einführen wollte, habe ich mich erkundigt, was man dagegen tun kann", erklärt Wettstein heute. Er informierte sich bei der Bundeskanzlei, entwarf Unterschriftenbögen und liess diese drucken. "Wir haben vor allem in bäuerlichen Kreisen Unterschriften gesammelt", so Wettstein. So habe man alle Milchgenossenschaften der Schweiz angeschrieben.

Über 82'000 Unterschriften

Bei den Bauern rannte der heute 61-jährige Wettstein offene Türen ein. Innerhalb von drei Monaten kamen 82'870 Unterschriften zusammen, nötig gewesen wären lediglich 30'000. Wettstein und seine Helfer erzwangen damit praktisch im Alleingang eine Volksabstimmung. Die Medien haben die Handvoll Zürcher Bauern mystifiziert: "Man inszenierte sie als eine kleine Minderheit, die aufstand gegen die Mächtigen", schreibt der Historiker Jun Sarbach in seiner Untersuchung zur Einführung der Sommerzeit in der Schweiz.

Als das Referendum stand, erhielten die Zürcher Landwirte Unterstützung vom Schweizerischen Bauernverband und von der SVP. Das im Vorfeld der Abstimmung gegründete Komitee wurde vom Aargauer CVP-Nationalrat Albert Rüttimann präsidiert.

Längere Arbeitstage, gestörte Arbeitsprozesse


Für die Bauern ging es beim Zeitgesetz um mehr als um ein schlichtes Umstellen des Uhrzeigers. Sie befürchteten, dass ihr Arbeitsrhythmus gestört werde: "Einige Arbeiten wie die Milchablieferung richten sich nach der Uhrzeit, Arbeiten wie die Futterernte richten sich hingegen nach der Sonne", begründet Wettstein seine Ablehnung der Sommerzeit. Die Zeitumstellung hätte zu Überschneidungen geführt und zudem den Arbeitstag verlängert.

Schützenhilfe erhielten die Bauern ausserdem von der Swissair. Die Fluggesellschaft sprach sich gegen die Sommerzeit aus, weil sie durch das halbjährliche Umstellen der Zeit Nachteile für ihr Langstreckennetz befürchtete. Auch die Lehrerschaft stand der Einführung der Sommerzeit kritisch gegenüber: Befürchtet wurden Nachteile für den Schlaf der Kinder und deren Aufmerksamkeit in der Schule.
Befürwortet wurde die Zeitumstellung von der CVP und FDP (die SP konnte sich zu keiner Position durchringen). Diese führten den Abstimmungskampf aber mit wenig Engagement. Zudem hat das politische Establishment die bäuerlich dominierte Opposition nicht ernst genommen.

80 Prozent der Landwirte gingen an Urne

Für Sommerzeit-Gegner Wettstein kam das Resultat denn auch nicht überraschend: "Aufgrund der Stimmung in der Bevölkerung habe ich eine Ablehnung der Sommerzeit erwartet."

Dass die Einführung der Sommerzeit an der Urne scheiterte, hat laut Historiker Sarbach vor allem mit dem massiven Nein der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung zu tun. Über 80 Prozent der Landwirte gingen an die Urne und sagten zu 95 Prozent Nein zum Zeitgesetz.

Flickenteppich in Europa

Dabei wollte der Bundesrat die Sommerzeit gar nicht sofort einführen, sondern erst, wenn sich die EG (heutige EU) dazu entschliessen sollte. Europa war in den 1970er Jahren punkto Zeitumstellung ein Flickenteppich: Frankreich stellte ab 1976 jeweils am 28. März die Uhrzeiger um ein Stunde vor, Grossbritannien tat dies jeweils bereits einige Tage früher und einige Länder stellte die Uhren gar nicht um.

Die EG drängte deshalb auf eine flächendeckende Einführung und Harmonisierung der Sommerzeit. Allerdings scheiterte eine Standardisierung, weil sich DDR und BRD nicht einigen konnten. Bis im Oktober 1979. Dann ging es plötzlich schnell. Die EG beschloss, bereits im folgenden Jahr die Sommerzeit einzuführen. Der Bundesrat war überrumpelt und wusste nicht wie reagieren. Weil das Volk an der Urne Nein gesagt hat, waren der Landesregierung die Hände gebunden.


Schweiz wird zur "Zeitinsel"

Am 6. April 1980 stellten dann beinahe alle Staaten Europas ihre Uhren um eine Stunde vor. Die Schweiz wurde so für sechs Monate zur "Zeitinsel". Das führte beispielsweise zu einem Zeitchaos im Fernsehen. Begann im deutschen Fernsehen bereits das Abendprogramm, lief im Schweizer Fernsehen noch immer das Vorabendprogramm. Wer Kurt Felix' Samstagabendsendung "Verstehen Sie Spass?" in der ARD sehen wollte, musste plötzlich eine Stunde früher zuschalten als gewohnt.

Die "Schweizer Zeit" hatte nicht nur Auswirkungen auf die Fernsehgewohnheiten, sondern auch für Grenzgänger, die nun plötzlich zwischen unterschiedlichen Zeitzonen hin und her pendeln mussten. Zu schaffen machte die "Sonderzeit" auch den SBB, etwa beim Güterverkehr. Fahrpläne mussten angepasst werden, Mehrkosten in Millionenhöhe waren die Folge. Der Nachtexpress aus Wien, der jeweils morgens um 6.33 Uhr die Grenze zur Schweiz überquerte, blieb dort eine Stunde stehen, um den Ausgleich zur Schweizer Zeit zu schaffen, berichtete "Der Spiegel" damals. Das Nicht-Einführen der Sommerzeit sei "ein groteskes Beispiel direkter Schweizer Demokratie", ein "Blödsinn des Volkes", höhnte das deutsche Nachrichtenmagazin.

Auch Schweiz führt Sommerzeit ein

Am 28. September 1980 endete die Sommerzeit in Europa, die Uhrzeit wurde wieder um eine Stunde zurückgestellt. Europäische und Schweizer Uhren tickten fortan wieder gleich. Es sollte bei dieser einmaligen Episode bleiben. Denn als am 29. März 1981 die Uhren in der EG abermals auf Sommerzeit geschalten wurden, stellten auch die Schweizer ihre Uhren um eine Stunde vor.

Denn der Bundesrat hat – trotz Volksnein im Frühling 1978 – dem Parlament Ende 1979, kurz nachdem die EG die Standardisierung beschlossen hatte, dem Parlament eine Vorlage zur Einführung der Sommerzeit vorgelegt. Beide Kammern winkten diese durch, ein Referendum wurde nicht mehr ergriffen.

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