2.04.2013 06:49
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
AP 2017
«Die Verarbeiter werden es deutlich schwerer haben, ihre Mengen zu bekommen»
Bauernverbandspräsident Markus Ritter sieht die neue Agrarpolitik auch als Chance für die Bauern – und als Risiko für Verarbeiter und die Zulieferindustrie.

Markus Ritter, die Agrarreform ist besiegelt. Haben Sie ausgerechnet, was das für Ihren Betrieb bedeutet?
Markus Ritter: Nein, ich habe das bewusst nicht ausgerechnet. Was die AP14 effektiv bringt, weiss man erst, wenn die Verordnung in Rechtskraft ist.

Wenn Sie den Viehbestand Ihres Betriebs halbieren und sechs, statt zwei Hektar Ökofläche machen, könnten Sie 35'000 Franken mehr Direktzahlungen abholen. Und einen Mitarbeiter entlassen, womit Sie zusätzlich 50'000 Franken einsparen.
Die Futtermittelverkäufer und die Verarbeiter haben auch ausgerechnet, dass es für die Bauern sehr attraktiv wird, die Tierbestände herunterzufahren und die Ökoflächen auszudehnen, um das Einkommen zu optimieren und die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Die Verarbeiter werden es bedeutend schwerer haben, die gewünschten Mengen zu bekommen. Denn wenn das System greift, bildet die Ökologie den Benchmark, den Vergleichsmassstab. Wer produzieren will, tut das nur noch, wenn die Produktpreise stimmen.

Aber es wird eine Weile dauern, bis die Bauern reagieren.
Die Bauern, vor allem in der Milchproduktion, sind ausgebrannt. Wenn jemand sechzig, siebzig, achtzig Kühe hat und sich bei diesen Milchpreisen keine Angestellten leisten kann, geht's irgendwann einfach nicht mehr.

Und Sie glauben, dass die Agrarpolitik diesen Effekt verstärkt?
Der Wegfall der Tierbeiträge bedeutet, dass die Attraktivität viele Kühe zu halten im Berggebiet sehr stark und im Talgebiet deutlich sinkt. Der Ackerbau wird zusätzlich gefördert, was grundsätzlich Sinn macht, weil wir bei der Swissness glaubwürdiger werden, wenn wir mehr Futtergetreide und Eiweisspflanzen anbauen. Und dann kommt noch die Ökologie: Da ist der mögliche Arbeitsverdienst pro Stunde jetzt schon hoch, aber nun werden die Beiträge in den verschiedenen Gefässen sukzessive von 400 auf 800 Millionen erhöht. Diese Beiträge sind ebenfalls nicht vom Tierbesatz abhängig. Damit bestehen relativ starke Anreize bei anhaltend tiefen Milchpreisen die Betriebe umzustellen.

Also nicht nur zwei Kühe weniger zu halten, sondern ganz mit Melken aufhören?
Derzeit hören Betriebe an bester Lage mit drei-, vier- oder fünfhunderttausend Kilo Milch auf. Neulich hat mir ein Bauer im Jura gesagt, er höre auf zu melken – mit einer Million Kilo Milch! Diese Entwicklung hat vor allem die Verarbeitungsindustrie nicht erwartet. Ihr Ziel waren immer grosse, leistungsfähige Betriebe. Es wurde zu wenig bedacht, dass gerade diese spezialisierten Betriebe darauf angewiesen sind, die hohen Investitionen amortisieren zu können.

Laut Berechnung der Forschungsanstalt Agroscope sinken die Tierbestände nur in den Bergzonen drei und vier.
Wenn die Marktpreise nicht stimmen, wird eine Reduktion der Tierbestände auch in anderen Zonen betriebswirtschaftlich interessant. Zudem ist die Arbeitsbelastung auf vielen Betrieben mit Tierhaltung heute sehr hoch. Die neuen Möglichkeiten der AP 14-17 werden viele Bauernfamilien nochmals rechnen lassen. Für mich ist dabei sehr wichtig, dass wir endlich von den reinen Deckungsbeitragsrechnungen weg kommen und vor allem den Arbeitsverdienst je Stunde, nach Verteilung der Strukturkosten, vor Augen haben.

Wo ist das Problem beim Deckungsbeitrag?
Wir vergleichen nur Deckungsbeiträge und Eigenkapitalbildung, dabei wäre entscheidend, wie man dazu kommt und dazu muss man den Arbeitsverdienst pro Stunde kennen. Sonst weiss ich am Ende immer noch nicht, was ich mit der Milchproduktion, dem Brotweizen oder den Hochstämmen wirklich verdient habe.

Jeder kann ja selbst eine Vollkostenrechnung machen.
Wir sollten dieses System endlich auch bei den dreitausend betriebswirtschaftlichen Buchhaltungsabschlüssen anwenden, die jährlich in die zentrale Auswertung einfliessen. Im Gegensatz zu KMU-Betrieben wissen wir Bauern praktisch nie, wo bei einer Produktion der "Break-even" liegt, also wo die Gewinnzone anfängt. In der Landwirtschaft ist der Arbeitsverdienst das, was am Ende übrigbleibt. In der Wirtschaft werden dagegen Arbeitskosten mit eingerechnet. Wenn sie den Break-even nicht erreichen, versuchen sie zu optimieren und wenn sie das nicht können, wird im Extremfall die Produktion eingestellt.

Sie könnten Ihren Betrieb zum Beispiel optimieren, indem Sie eine Buntbrache anlegen, die Hälfte vom Grünland zur Ökofläche machen und den Tierbestand von dreissig Grossvieheinheiten auf zehn reduzieren. Dann kämen Sie auf 135'000 Franken Direktzahlungen – fast doppelt so viel wie heute, für halb so viele Arbeitskräfte.
Die Verordnung wird zeigen, ob solche Modelle wirklich möglich sind.

Sie hätten aufzeigen müssen, was die Vorlage in der Praxis bedeutet, nämlich dass die Nahrungsmittelproduktion geschwächt und Direktzahlungsoptimierer gestärkt werden.
Ich hab's im Parlament probiert.

Den Vorschlag des Bauernverbandes zum abgestuften Grünlandbeitrag haben Sie aber nicht rübergebracht.
Das war im Parlament zu kompliziert. Unser Systemvorschlag war ein abgestufter Beitrag für Versorgungssicherheit auf Grünland, mit der Anrechnung eines Tierbesatzes bis maximal achtzig Prozent der Förderlimite, mit einem angestrebten Beitrag von zwölfhundert Franken je Hektare. Das war ein guter Vorschlag, aber kaum zu erklären. In der Presse ging es immer nur um Tierbeiträge ja oder nein. Dazu kommt, dass das Argumentieren für höhere Versorgungssicherheitsbeiträge auf Grünland auch nicht einfacher wird, wenn die Milchproduktion, wie im ersten Halbjahr 2012, sehr hoch ist und man griffige Massnahmen staatlicher Regulierung verlangt. Ich habe mir im Parlament oft anhören müssen, wir sollten endlich mal aufhören mit Direktzahlungen Produktionsanreize zu setzen.

Nun werden eben starke Anreize in die Gegenrichtung gesetzt.
Entscheidend ist, bei einer tieferen Produktion endlich mit höheren Preisen rechnen zu können. Das würde die wirtschaftliche Situation vieler Bauernfamilien, gerade in der Milchproduktion verbessern. Es gilt jetzt, nach vorne zu schauen und diese Veränderungen auch als Chance zu erkennen.

Wo sehen Sie diese?
Wir haben weltweit eine starke Bevölkerungszunahme, Süsswasserknappheit in vielen Regionen, extreme Formen von Landgrabbing und diverse Skandale. Lebensmittel werden in Zukunft extrem wichtig. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir langfristig die Lebensmittelversorgung der Schweiz sicherstellen können. Verlassen wir uns nur auf die Kaufkraft? Diese Frage ist bereits heikel. Da fehlt mir eine klare Strategie vom Bundesrat. Der Wirtschaftsstandort Schweiz wird sich die nächsten dreissig, vierzig Jahre nur entwickeln können, wenn auch die Ernährungssicherheit gegeben ist.

Aber genau das wäre doch ein Grund für ein Referendum?
Der Vorstand des SBV hat sich in einer Gesamtabwägung sehr deutlich hinter die Vorlage gestellt. Mehrere landwirtschaftliche Organisationen haben uns bereits mitgeteilt, dass sie ein Referendum nicht unterstützen. Eine Zerreissprobe innerhalb der Landwirtschaft wäre vorprogrammiert. Zudem wäre es der Bevölkerung schwierig zu erklären, weshalb sich die Landwirtschaft trotz eines erhöhten Rahmenkredites von neu 13,83 Milliarden Franken gegen die Vorlage wehrt.

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