19.06.2015 06:38
Quelle: schweizerbauer.ch - sal, sam
AP 14-17
«Grosse Verluste bei Milch prägen Stimmung»
BLW-Direktor Bernard Lehmann und BLW-Vizedirektor Christian Hofer beantworten vor den Medien Fragen zur AP 14–17.

Herr Lehmann, Sie sagten im letzten November, der Grossteil der Landwirte sehe die Reform positiv. Worauf stützen Sie sich bei dieser Aussage?
Bernard Lehmann: An den zahlreichen Versammlungen und Begegnungen mit Landwirten ist es mir wirklich so gegangen, dass ich den Eindruck hatte: «Es ist mühsam, aber wir gehen da durch.» Und aus den Gesprächen mit den Landwirten habe ich wirklich das Gefühl, dass sie die Reform der AP 14–17 jetzt akzeptieren. Ich habe kürzlich über LQB mit Landwirten geredet, und auch dort sagten sie: «Ja, wenn es vernünftig gemacht wird, dann ist das schon o.k.» Ich bin eher zuversichtlich. Aber es gab dann nach dem November eine Phase mit massivem Preiseinbruch bei der Milch. Und dann ist die Stimmung geprägt durch diese grossen Verluste bei der Milch. Und da ist man dann schnell so weit, dass man sagt, die AP 14–17 ist  mitschuldig an dem Ganzen – obwohl die Abschaffung der Tierbeiträge ja eine Entlastung brachte. Das sind manchmal schon etwas schwierigere Diskussionen, in denen auch kritisiert wird, dass die ökologischen Leistungen so gut bezahlt seien und die Milch so schlecht. Da hiess es: «Sie müssen schauen, dass die Kirche im Dorf bleibt, sonst geben wir dann auf oder verlieren zumindest die Motivation.»

Was sind die Perspektiven im Talgebiet? Die grossen Betriebe haben zu viel Arbeit und die kleinen Betriebe zu wenig landwirtschaftliches Einkommen, sodass sie auf Nebenerwerb und Lohnunternehmer setzen. 
Christian Hofer: Die Schweiz hat im Kontext von Europa relativ kleine Strukturen. Das ist von der Gesellschaft auch so gewünscht. Wir stellen fest, dass die Schweizer Betriebe in den gegebenen Strukturen sehr innovativ sind. Ein Stichwort ist die Betriebszusammenarbeit, da wäre aber noch viel mehr möglich. So kann man die Arbeitslast verteilen und einander ablösen. Wenn Kleinstbetriebe bestimmte Arbeiten durch Dritte erledigen lassen, kann dies betriebswirtschaftlich unter Umständen sinnvoll sein. Ich glaube, wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, in denen die Betriebe möglichst innovativ sein und sich möglichst gut organisieren können.

Für die Übergangsbeiträge war 2014 bereits nur noch so viel Geld übrig, wie  eigentlich für 2017 geplant gewesen war. Wie will das BLW sicherstellen, dass diese erst in acht Jahren auf null gesunken sind und nicht schon früher?
Christian Hofer: Im ersten Jahr haben sich bereits sehr viele Landwirte an den Programmen beteiligt, etwa an demjenigen für die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion (GMF). Wir gehen davon aus, dass etwa bei GMF nicht mehr sehr viele Betriebe neu mitmachen werden.  Wir hatten nun einen Riesenschritt  2014, für die kommenden Jahre ist eine langsamere Entwicklung wahrscheinlich. Gibt es in den kommenden sieben Jahren  einen neuen Beitrag, z. B. für neue Techniken in der Ressourceneffizienz, dann müssen aus bestimmten leistungsbezogenen Direktzahlungen Mittel umgelagert werden, damit die Übergangsbeiträge nicht auf null fallen.

Der Einsatz von Glyphosat ist massiv unter Druck. Kann es sein, dass Sie die Förderung der bodenschonenden Anbaumethoden wieder etwas zurückfahren, weil diese ohne Glyphosat fast nicht machbar sind?
Christian Hofer: Im Programm selbst gibt es eine Variante mit Glyphosat und eine ohne Glyphosat, die finanziellen Anreize sind entsprechend gesetzt. Wir wissen, dass es sehr anspruchsvoll ist, dieses Programm ohne Glyphosat durchzuziehen. In gewissen Bereichen ist es möglich, das ist auch sehr standortabhängig. In Lagen, wo es eher schwierig ist, ist ein gewisser Zielkonflikt vorhanden.  Wenn man sieht, dass bei der Interessenabwägung der Bereich Pflanzenschutzmittel plötzlich überwiegt, dann müsste man sich Anpassungen beim Programm überlegen.

Die Bauernverbände haben  kritisiert, mit der AP 14–17 steige der bürokratische Aufwand. Was sagen Sie dazu? 
Bernard Lehmann: Die AP 14– 17 brachte mehr Neues als andere Agrarreformen vor ihr, nämlich ein neues Konzept für die Direktzahlungen. Das gibt am Anfang viel Aufwand, wie bei jedem Wechsel im Leben. Zweitens gibt es objektiv mehr Instrumente, für die sich die Betriebe melden können. Es gibt sicher ein Formular oder eine Bildschirmfläche mehr. Auf Anstoss von Bundesrat Johann Schneider-Ammann gibt es das Projekt «Administrative Vereinfachung». Das setzen wir um. Da bringen sich auch die Landwirte ein, und es gibt sehr gute Vorschläge. Wir müssen uns aber auch im Klaren sein, dass es bei der administrativen Vereinfachung manchmal nicht nur um das Aufschreibenmüssen, sondern um die Auflage selbst geht. Es gibt die Stossrichtung, die wir suchen: Man könnte den Landwirten über die Auflagen weniger vorschreiben, wie sie etwas machen sollten, sondern, welche Ziele sie erreichen sollten. Das ist sehr, sehr schnell gesagt. Wenn man dann an die Arbeit geht, kommt etwa die Frage auf: Was macht man dann, wenn die Ziele nicht erreicht sind? Wer ist dann schuld, das Wetter oder der Landwirt?

Die Bauernverbände befürchten, dass die Produktion leidet.
Bernard Lehmann: Wir haben in der Schweiz eine Bevölkerungszunahme um 1% pro Jahr. Wenn wir einen Selbstversorgungsgrad haben, der im Trend gleich bleibt, dann ist das eine Leistung der Schweizer Landwirtschaft. Die hat das mit Produktivitätsfortschritten, mit Effizienz verbessern können und wird das weiterhin tun. Und sie hat das getan mit gleichzeitiger Zunahme der Biodiversitätsflächen, die in der Qualität noch verbessert werden. Der Landwirtschaft ist es dabei immer noch möglich, das Produktionsniveau auszudehnen – und manchmal auch noch Preisdruck zu haben, wenn die Mengen zu hoch sind. Manchmal muss man dann auch fragen: Von welchem Produkt möchte man noch mehr produzieren? Denn die Preise würden sofort reagieren, weil der Markt ja auch ein Stück weit abgeschottet oder mit Zollschranken versehen ist. Der technische Fortschritt hilft, dass  Produktions- und  Biodiversitätsziele gleichzeitig erreicht werden können.

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