18.08.2013 11:53
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Hochstamm
Sind Hochstammbäume gefährdet?
Stehen mehr als 120 Hochstammbäume auf einer Hektare, will der Bund künftig keine Direktzahlungen mehr entrichten. Befürchtet wird nun, dass Bäume ausgerissen werden.

Obstbauern mit Hochstammbäumen hätten allen Grund zur Freude: Die Bestände nehmen – nach Jahren des Niedergangs – wieder zu, der Feuerbrand trat in diesem Jahr kaum auf. Und in der Bevölkerung geniessen Hochstämmer grossen Rückhalt.

Keine Begeisterung

Die Begeisterung hält sich dennoch in Grenzen. Grund dafür ist der vom Bund präsentierte Entwurf der neuen Direktzahlungsverordnung, der einen Systemwechsel bei der Förderung von Hochstammbäumen vorsieht. So sollen ab 2014 die strengeren Baumdichte-Regelungen der Qualitätsstufe II (Öko-Qualitätsverordnung) auch für die Qualitätsstufe I (ökologischer Ausgleich) gelten. Will heissen: Direktzahlungen soll es ab nächstem Jahr nur noch für maximal 120 Bäume pro Hektare geben (statt wie bisher 160).

So fördert der Bund Hochstammbäume

Seit 1993 unterstützt der Bund Hochstammobstbäume im Rahmen des ökologischen Ausgleichs. 33,5 Mio. Franken gab er im 2011 für 2,2 Mio. Bäume aus – 15 Franken pro Baum. 2001 wurde die Ökoqualitätsverordnung (ÖQV) eingeführt, mit der die ökologischen Ausgleichsflächen qualitativ verbessert und vernetzt werden sollen. Bauern, die bei diesen Programmen teilnehmen, erhalten je nach Kanton insgesamt bis zu 50 Franken für einen Hochstammbaum.

Für die Vernetzung richteten Bund und Kantone im Jahr 2011 3,3 Mio. Franken, für die Qualität 13,1 Mio. Franken für Bäume aus. Es gibt Kantone und Gemeinden, welche noch zusätzliche Beiträge ausrichten. Die Auflagen im Rahmen des ökologischen Ausgleichs (Qualitätsstufe I) sind weniger streng als diejenigen der Ökoqualitätsverordnung (Qualitätsstufe II). Mit der neuen Direktzahlungsverordnung will der Bund das Kriterium der Maximaldichte vereinheitlichen. mw

Davon ausgenommen sind Kirschbäume, Kastanien- und Nussbäume in gepflegten Selven, für welche Beiträge bis maximal 100 Bäume pro Hektare bezahlt werden (Qualitätsstufe I). Und: Stehen mehr Bäume auf einer Hektare, will der Bund künftig keinen einzigen Franken zahlen.

Hochstämmer verschwinden

Gemäss Schweizerischem Bauernverband, Pro Natura und Hochstamm Suisse könnte dies zur Folge haben, dass Bauern Bäume fällen werden, um die Maximaldichte in der Qualitätsstufe I einhalten zu können. Laut Beat Felder, Obstbauberater an der Landwirtschaftsschule Hohenrain, könnten im Kanton Luzern bis zu 5‘000 Hochstämmer verschwinden. „Alles, was wir punkto Hochstammförderung in den letzten Jahren erreicht haben, wäre damit wieder zerstört.”

Dass der Bund die Obergrenze von 160 auf 120 Bäume pro Hektare senken will, stösst weder beim Bauernverband noch bei Pro Natura noch bei Hochstamm Suisse auf Kritik. Ein Dorn im Auge ist den drei Organisationen aber, dass es künftig keinen Rappen mehr gibt, wenn die Obergrenze überschritten wird.

Denn heute gilt bei der Qualitätsstufe I: Wird die Obergrenze überschritten, gibt es lediglich für die „überzähligen“ Bäume keine Beiträge. Für die anderen Bäume werden aber trotzdem Direktzahlungen entrichtet. Bauernverband, Pro Natura und Hochstamm Suisse haben deshalb im Rahmen der Anhörung zur Direktzahlungsverordnung gefordert, dass der Bund diesbezüglich an der heutige Regelung festhält.

Nur Einzelfälle betroffen

Es sei natürlich keinesfalls das Ziel, dass Hochstammbäume gerodet werden, erklärt Patricia Steinmann vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Wie viele Bäume potenziell „gefährdet” seien, wisse man nicht. „Wir gehen davon aus, dass es nur Einzelfälle sind, weil die meisten Landwirte die Qualitätsstufe II anstreben”, erklärt Steinmann. Mit der Senkung der Maximaldichte wolle man die unterschiedlichen Anforderungen harmonisieren. Davon erhofft sich das BLW eine Vereinfachung beim Vollzug.

Bestand nimmt zu 

Für 2‘235‘827 Hochstammbäume hat der Bund im 2011 Direktzahlungen entrichtet. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Plus von fast 22‘000 Bäumen. Der Bestand hat in den meisten Kantonen zugenommen oder sich zumindest stabilisiert, wie aus dem Agrarbericht des Bundesamts für Landwirtschaft hervorgeht. Ausnahmen bilden die Kantone Aargau (-1‘148 Bäume) und Baselland (-1‘650 Bäume). mw

Steinmann weist darauf hin, dass die Direktzahlungsverordnung noch nicht in Stein gemeisselt sei: Aktuell würden die Ergebnisse der Anhörung verarbeitet und wo nötig Anpassungen an der Verordnung gemacht. Viele Organisationen hätten sich zur maximalen Dichte kritisch geäussert. Der Bundesrat wird voraussichtlich Ende Oktober die definitive Verordnung verabschieden.

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