19.04.2020 16:53
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Landwirtschaft
«Bio macht uns unabhängiger»
Für den Schweizer Bauernverband (SBV) ist klar: Gerade wegen der Coronakrise muss den Selbstversorgungsgrad der Schweiz hochgehalten. Der SBV lehnt die in der Agrarpolitik 2022+ vorgesehene Senkung ab. Bio-Landwirt Kilian Landwirt will mit einer nachhaltigeren Landwirtschaft die Abhängigkeit vom Ausland reduzieren.

Im Zuge der Corona-Pandemie zeigte sich, wie wichtig es für einen Staat ist, über eine intakte Landwirtschat zu verfügen. Viele Länder, so auch die Schweiz, erklärten die Landwirtschaft als systemrelevant. 

Selbstversorgung ist wichtig

«Essen ist ein Grundbedürfnis und die Landwirtschaft setzt alles daran, dass es abgedeckt ist», sagte der Direktor des Schweizer Bauernverbandes, Martin Rufer, in einem Interview mit den «Zeitungen der CH-Media». Für den Solothurner ist klar: «Ein gewisser Grad an Selbstversorgung ist wichtig.» Derzeit liegt der Brutto-Selbstversorgungsgrad bei rund 60 Prozent. 

«Unser Ziel ist, dieses Niveau zu halten», sagte Rufer. Ginge es nach dem Bundesrat, solle der Selbstversorgungsgrad aber mit der neuen Agrarpolitik auf 52 Prozent sinken. «Das ist für uns nicht akzeptabel», betonte er. «Die Coronakrise zeigt auf, dass kurze, nicht globalisierte Wertschöpfungsketten durchaus ihre Vorteile haben. Die regionale Produktion mit kürzeren Wegen ist zuverlässiger und robuster, die globalisiere anfälliger», erklärte der Bauernverbandsdirektor.

Bund will Wert senken

Die Botschaft zur Agrarpolitik 2022+ (AP22+) hat der Bundesrat vor wenigen Wochen vorgelegt. Um den Umweltanliegen der Bevölkerung Rechnung zu tragen, soll der Einsatz von Pflanzenschutzmittel und Dünger weiter sinken. Die Folge: Brutto-Selbstversorgungsgrad würde auf 52 Prozent sinken.  

«Ob 50 oder 60 Prozent Selbstversorgungsgrad macht einen wesentlichen Unterschied. Bei einem Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent hätten wir bei einer Krise über einen gewissen Zeitraum genügend Nahrung, wenn wir gleichzeitig die Essgewohnheiten anpassen und die Pflichtlager in Anspruch nehmen. Bei einem Selbstversorgungsgrad von 50 Prozent wird es schwieriger», sagte Francis Egger, Leiter des Departements «Wirtschaft, Bildung und Internationales» beim SBV, zu «Schweizer Bauer».

Markus Ritter, erachtete gegenüber der «NZZ» eine Senkung als «unhaltbar». Die Regierung sende während der Corona-Krise ein desaströses Signal aus.

Unabhängig mit mehr Ökologie

Anderer Meinung ist Biolandwirt Kilian Baumann. Eine Intensivierung der einheimischen Produktion würde etwa die Gewässerverschmutzung in der Schweiz «massiv verschärfen», sagte der Berner gegenüber «Blick». Für den Nationalrat der Grünen macht eine ökologischere Landwirtschaft die Schweiz weniger abhängig vom Ausland. «Wir müssen uns nicht zwischen Ökologie und Selbstversorgung entscheiden. Bio macht uns unabhängiger», Baumann.

Denn die Schweiz sei bei den Pflanzenschutzmitteln und beim Dünger auf Importe angewiesen. Diese Abhängigkeit will Baumann reduzieren. Deshalb will er die Forschung intensivieren. «Wenn unsere Pflanzen resistenter gegen Schädlinge sind, braucht es weniger Pestizide», so Baumann zu «Blick». Beim Saatgut will er vermehrt einheimische, resistente Sorten fördern, statt «Hochleistungssaatgut» internationaler Konzerne zu importieren.

Bio: Nachfrage hinkt hinterher

Der Import von Futtermitteln ist Baumann ein Dorn im Auge. Für den Anbau von Soja werde auch Regenwald abgeholzt. Dabei wachse das Futter für die Tiere auf den Schweizer Äckern und Weiden. Baumann will jene Bauern mehr fördern, die ihre Tiere ausschliesslich mit Gras füttern. «Meine Rinder leben ganz gut davon», so der Biobauer.

Martin Rufer weist bei der Förderung von mehr Ökologie auf einen Zielkonflikt hin. Zwar ist der Ruf nach mehr Bio gross, doch in den Läden entscheiden sich die meisten Kunden trotzdem für konventionelle Produkte. Hier gebe es in der Schweiz Defizite, so Rufer. 

Er spricht damit die Forderungen gewisser Kreise an, die Landwirtschaft auf die biologische Produktion umzustellen. «Die Landwirte in der Schweiz sind bereit, mehr Bio-Produkte herzustellen. Eine Herausforderung ist aber, dass die Nachfrage nach biologisch hergestellten Produkten dem Angebot nach wie vor hinterherhinkt», machte Rufer deutlich.

Für den neuen SBV-Direktor ist aber klar, dass man die Ansprüche der Gesellschaft ernst nimmt. Er verweist auf den Aktionsplan Pflanzenschutz. «Wir können aufzeigen, dass wir den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wo immer möglich reduzieren», erklärte er gegenüber den CH Media-Zeitungen.

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