5.08.2020 18:01
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
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Haben die Umweltverbände recht?
Die neue Kampagne «Agrarlobby stoppen» von Umweltorganisationen kritisiert den Bauernverband sowie Unternehmen wie Fenaco und Syngenta. Die Organisationen kritisieren, dass sich die «Agrarlobby» nicht für die Bauernfamilien einsetzt. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf? Ist er gerechtfertigt oder völlig übertrieben? Abstimmen und mitdiskutieren

In den kommenden Monaten wird Bundesbern über die Agrarpolitik 2022+ (AP22+) beraten. Den Anfang macht die Wirtschaftskommission des Ständerats Mitte August. 

«Umweltdefizite korrigieren»

Die Umweltverbände, mit Unterstützung von Parlamentarierinnen wie Nationalrätin Kathrin Bertschy (GLP/BE) oder Nationalrat Martin Jans (SP/BS), wollen mit einer neuen Kampagne kräftig Stimmung für die neue AP22+ machen. «Im neuen Gesetz müssten Umweltdefizite korrigiert und die Ernährungssicherheit für künftige Generationen sichergestellt werden», lautet die Forderungen.

Am Sonntag wurde die neue Kampagne von den Umweltorganisationen WWF Schweiz, Pro Natura, Greenpeace und Birdlife lanciert. «Das Parlament hat bei der Beratung der AP 22+ die Möglichkeit, Umweltanliegen in den Vordergrund zu stellen, das heisst den Schutz der Natur, und damit unsere Ernährungssicherheit», sagt Eva Wyss, Landwirtschaftsexpertin beim WWF Schweiz.

Weltmeisterin…

Marcel Liner, Landwirtschaftsexperte bei Pro Natura, doppelt nach: «Die Anreize sind heute völlig falsch. Es kann nicht sein, dass Steuermilliarden eine Landwirtschaft am Leben erhalten, die Umweltziele nicht erfüllt, die Gesundheit der Menschen aufs Spiel setzt und die Biodiversität gefährdet.»  Und GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy fügt an: «Von 13 Umweltzielen in der Landwirtschaft ist kein einziges erreicht. Es ist jetzt Zeit das zu ändern.»

Die Kampagne ist breit abgestützt. Zu Wort kommt auch die mehrfache Weltmeisterin im Orientierungslauf, Simone Niggli- Luder. «Eine intakte Natur ist mir sehr wichtig. Stellen wir sicher, dass auch unsere Kinder diese erleben können», lässt sich die Biologin zitieren.

… und Bauern Teil der Kampagne

Auch Landwirtinnen und Landwirte sind Teil der Kampagne. «Wir bieten der Tier- und Pflanzenwelt einen Platz, den sie im Flachland nicht mehr finden. Unser Ziel ist es, unseren Betrieb nachhaltig und sorgfältig zu bewirtschaften. Damit auch die nächste Generation davon leben kann», sageb Liliane und Stephan Rastorfer-Allemann, Biobauern aus Gänsbrunnen SO. «Eine bessere Landwirtschaft ist möglich, das beweisen wir jeden Tag auf unserem Obst- und Weinbaubetrieb», lässt sich beispielsweise Ralph Hablützel, Bio-Obstbauer aus Winterthur, zitieren.

Vertrauen zerstört

Ins Visier werden jene Kreise genommen, die die AP22+ bekämpfen. Die Agrarlobby verhindere bisher den Kurswechsel hin zu einer zukunftsfähigen, also ökologischen Landwirtschaft konsequent. «Schweizer Landwirtschaftsprodukte werden sich dann durchsetzen und Wertschöpfung generieren, wenn sie konsequent und glaubwürdig auf Ökologie, Vielfalt und faire Produktionsbedingungen ausgerichtet sind. Die Seilschaft des Schweizer Bauernverbandes mit der Pestizidlobby läuft dieser Ausrichtung diametral entgegen und zerstört das Vertrauen in Schweizer Lebensmittel», sagt Nationalrat Beat Jans. 

«Viele meinen, wir seien abhängig von den grossen Agrarkonzernen. In Wirklichkeit sind sie viel mehr von uns abhängig als wir von ihnen. Lassen wir uns keine Angst einjagen», hält Landwirt Claudia Staubli aus Rünenberg BL fest.

«Agrarlobby» und «Agrobusiness»

Die Kampagne zielt also auf die «Agrarlobby» und das «Agrobusiness» ab. «Strippenzieher» der Agrarlobby ist gemäss der Kampagne der Schweizer Bauernverband (SBV). «Die politische Macht des Verbandes ist erdrückend: Fünf SBV-Vertreter sitzen im Parlament. Knapp ein Fünftel der aktuellen ParlamentarierInnen hat eine Verbindung zur Landwirtschaft», heisst es auf der Website.

Zum Agrobusiness zählen die Umweltorganisationen vor allem die Fenaco. Dies sei eine überdimensionierte Genossenschaft, die sich nach und nach die der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Branchen einverleibt habe. «Vom Kraftfutter, dem Dünger, über den Diesel bis zur Abnahme der landwirtschaftlichen Erzeugnisse – alles wird von der Fenaco kontrolliert», so die Kritik auf der Website. Die Fenaco sitze sogar im Vorstand des Bauernverbandes und verfüge mit Ueli Maurer und Guy Parmelin über zwei Bundesräte mit Fenaco-Vergangenheit. Auch Teil des Agrobusiness sei der Pflanzenmittelhersteller Syngenta.

SBV will Rückweisung

Der SBV zeigt sich unbeirrt. Er engagiert sich weiterhin für die Rückweisung der AP 22+, über die sich am 20./21. August die Wirtschaftskommission des Ständerats beugen wird. Der Bauernverband kritisiert die mit der AP 22+ sinkende Kalorienproduktion sowohl bei der tierischen und pflanzlichen Produktion, was unweigerlich zu mehr Importen führe. Dieser Rückgang beim Produkteerlös führt laut Modellrechnungen des Bundes auch zu 265 Millionen Franken weniger Sektoreinkommen für die Bauern pro Jahr. Die vielen neuen Bundesprogramme verursachten zudem sehr viel Administration. sal

Bauern nicht schuld

Die Kritik an Agrobusiness und Agrarlobby fällt heftig aus. «Die mächtige Agrarlobby gibt vor, für die Schweizer Bauernfamilien einzustehen. In Tat und Wahrheit stützt sie eine industrielle Landwirtschaft, die den Interessen des Agrobusiness dient. Diese auf Hochleistung getrimmte Landwirtschaft tötet Vögel und Insekten und vergiftet unsere Gewässer und Lebensmittel mit Pestiziden», steht auf der Website. Mit der Kampagne soll dieses System gestoppt werden. 

Die Umweltlobby betont, dass daran nicht die Bauern schuld seien, diese seien in ein System eingebunden. Die Vertreter der Kampagne wollen nach eigenen Angaben die Position der Bäuerinnen und Bauern stärken. «Wir wollen mit ihnen eine Zukunft beschreiten, in der sie mit einer fairen und ökologischen Landwirtschaft ein gesichertes Einkommen finden und nicht abhängig sind vom Agrobusiness», heisst es weiter.

-> Hier gehts zur Website von «Agrarlobby stoppen»

Die Umweltorganisationen stellen folgende Forderungen: 

  • «Von der Politik fordern wir eine Agrarpolitik, welche den Pestizid- und Düngereinsatz rasch und drastisch reduziert sowie die Biodiversität wirksam fördert. Statt zu viele Tiere mit Importfutter zu mästen, sollen mehr Getreide, Gemüse und Früchte für die menschliche Ernährung angebaut und damit die Klimagasemissionen reduziert werden.»
  • «Vom Schweizer Bauernverband (SBV) fordern wir, konstruktiv an der ökologischen Weiterentwicklung der Landwirtschaft mitzuarbeiten. Denn Ernährungssicherheit gibt es nur mit fruchtbaren Böden, Biodiversität und Insektenvielfalt. Dazu muss sich der SBV von den Interessen des Agrobusiness lösen. Tausende innovative Bäuerinnen und Bauern beweisen schon heute, dass sich Produktion und Ökologie in Einklang bringen lassen.»
  • «Vom Handel fordern wir Transparenz in den Lieferketten und die faire Unterstützung von Produzenten bei der Umsetzung einer nachhaltigen Landwirtschaft. Wir erwarten zudem Abnahmekriterien, welche das Klima und die Natur schützen, Verluste von Lebensmitteln minimieren und Kreisläufe schliessen.»
  • «Die Bäuerinnen und Bauern ermuntern wir, den Weg in Richtung einer ökologischen Landwirtschaft konsequent zu gehen. So erhalten sie ihre wichtigste Produktionsgrundlage auch für ihre Nachkommen: die Natur.»
  • «Als Konsumentinnen und Konsumenten schützen wir Boden, Wasser und die Bauernfamilien, indem wir ökologisch einkaufen und konsumieren.»
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