15.08.2020 09:34
Quelle: schweizerbauer.ch - aiz/blu
Österreich
Allianz «Stoppt Bodenvernichtung»
Der Bodenverbrauch in Österreich war in den vergangenen Jahren sehr ausgeprägt. Eine Allianz von mehreren Persönlichkeiten will auf die Problematik aufmerksam machen. Sie sieht die Selbstversorgung des Landes in Gefahr.

Gemäss der Allianz werden in Österreich täglich rund 13 ha Ackerflächen versiegelt, ein Vielfaches des im Regierungsprogramm verankerten Ziels von maximal 2,5 ha. In den letzten 20 Jahren sind damit 150'000 ha verschwunden.

Verbrauch stark drosseln

Schauspieler Tobias Moretti und Stardirigent Franz Welser-Möst haben gemeinsam mit Kurt Weinberger, dem Vorstandsvorsitzenden der Österreichischen Hagelversicherung, eine Allianz ins Leben gerufen, die verhindern soll, dass Österreich noch mehr verbaut wird. Ihr Anliegen besteht darin, den Bürgern bewusst zu machen, dass Boden, Luft oder Wasser auf langfristige Sicht für das Wohlergehen einer Nation wichtiger sind als kurzfristige wirtschaftliche Zuwachsraten. Und sie appellieren an die Entscheidungsträger, den täglichen Bodenverbrauch auf 2,5 ha zu begrenzen. 

Selbstversorgung gefährdet

Als langjähriger Unterstützer der Bodenverbrauchskampagne der Hagelversicherung sieht Moretti vor allem die Selbstversorgung Österreichs gefährdet: "Wir legen unsere Lebensmittelversorgung in Schutt und Asche und sägen damit am eigenen Ast. Besonders in Krisenzeiten legen die Bürger mehr Augenmerk auf regionale Produkte. Wir jedoch machen uns durch den hohen Flächenverbrauch immer mehr von ausländischen Lieferanten abhängig. Es gibt kein Zurück mehr. Braucht wirklich jedes Dorf sein eigenes Industrie- beziehungsweise Shoppingcenter?", fragt der Schauspieler mit Blick auf die Situation in seiner Tiroler Heimat, wo es in und um die Landeshauptstadt Innsbruck mittlerweile mehrere grosse Einkaufszentren gibt. 

Die Landschaft ist die Seele eines Landes 

Welser-Möst wiederum sieht durch die Zerstörung der Landwirtschaftsflächen eine damit einhergehende Verschandelung unserer Landschaft und somit die Identität Österreichs in Gefahr: "Die Kultur Österreichs - die Musik, die Salzburger Festspiele, aber auch die wunderschöne Landschaft - wird auf der ganzen Welt geschätzt und geliebt. Mit jedem Quadratmeter Boden, den wir unter Beton vergraben, stirbt auch ein Teil dieser Identität. Doch wir alle brauchen den Boden - einerseits für unser tägliches Brot, andererseits für unsere Seele. Er ist ein Auffangbecken, nicht nur für Wasser, Pflanzen und Tiere - der Boden nährt mit seiner grünen Natur auch unsere Seele."

Studien zeigten, dass Kinder, die in einer ungünstigen Umgebung, im Sinne von verbauter sowie zubetonierter Fläche, aufwachsen, im späteren Leben auch vermehrt zu Aggressionen neigen, so Welser-Möst. Deswegen sollten die Böden in Zukunft nicht nur nach ihrem Quadratmeterpreis oder ihrer Flächenwidmung beurteilt werden, sondern vor allem nach ihrer Bedeutung für das Ökosystem und dem seelischen Wohlbefinden. 

Kartoffeln bald aus Peru statt aus Österreich? 

Weinberger weist auf die dramatischen Auswirkungen und Gefahren für eine Gesellschaft ohne ausreichende Selbstversorgung mit Lebensmitteln hin: "Wenn der Bodenverbrauch so weitergeht wie in der Vergangenheit, wird es in 200 Jahren in Österreich keine Agrarflächen mehr geben. Tag für Tag wird der systemrelevanten heimischen Landwirtschaft damit ein Teil ihrer Produktionsgrundlage sowie unseren Kindern ein Teil ihrer Zukunft verbaut."

Diese Entwicklung gefährde die Ernährungssouveränität massiv. Beim Brotgetreide liege der Selbstversorgungsgrad ei 86%, bei Kartoffeln 80%, bei Gemüse nicht einmal mehr 50% und bei Soja sogar nur 15%, so Weinberger. Durch die Versiegelung des Bodens gehe notwendiger CO2- sowie Wasserspeicher für immer verloren. "Schäden durch extreme Wetterereignisse, wie Dürreperioden und Hochwasser, werden mehr. Wir brauchen den Boden zum Leben, wie die Luft zum Atmen, denn ein Land ohne Böden ist wie ein Mensch ohne Haut: nicht überlebensfähig", warnt Weinberger.

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