20.04.2020 07:02
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Frankreich
Bauern über Verarbeiter verärgert
In Frankreich brechen unter dem Druck der Corona-Krise Konflikte zwischen den Bauern und den nachgelagerten Akteuren der Wertschöpfungskette wieder auf. Die Produzentenpreise sinken trotz steigender Nachfrage.

Der Dachverband der Milcherzeugerorganisationen (France OP Lait) kritisierte in der vergangenen Woche die Interprofession der Milchwirtschaft (CNIEL).

Argument für niedrigere Milchpreise

Der Branchenverband, in dem die gesamte Wertschöpfungskette organisiert ist, will einen mit 10 Mio. Euro (10.5 Mio. Fr.) ausgestatteten Solidaritätsfonds einführen, der Landwirte entschädigen soll, die ihre Produktion drosseln. France OP Lait sprach sich nicht grundsätzlich gegen eine Mengenreduzierung aus, bemängelte aber, dass diese ohne Abstimmung mit den Milchbauern beschlossen worden sei.

Die Erzeugerorganisation geht zudem davon aus, dass die Molkereien den Solidaritätsfonds als Argument für niedrigere Milchpreise nutzen werden. Es sei bereits zu beobachten, dass das Niveau an die vorgesehene Entschädigung von 32 Cent/kg Milch (33,7 Rp./kg) angepasst werde. Der Dachverband hat daher die für die Handelsbeziehungen im Agrarsektor zuständige Schlichtungsstelle des Landwirtschaftsministeriums eingeschaltet.

Intransparenz der Verarbeiter

Laut dem Statistischen Dienst des Ministeriums (Agreste) lag die Milcherzeugung schon im Februar um 5,3 % über der des von saisonaler Trockenheit geprägten Vorjahresmonats. Den Standardpreis für konventionell erzeugte Milch bezifferten die Statistiker auf 33,5 Cent/kg (35,2 Rp./kg) Milch. Das entsprach gegenüber Februar 2019 einem Plus von 1,2%. Ausgeweitet wurde die Produktion von Milchpulver.

Der kleinere Landwirtschaftsverband Coordination Rurale (CR) forderte derweil, auch in der Milchverarbeitung für mehr Transparenz zu sorgen. Die völlige Intransparenz des Verarbeitungsund Vertriebssektors sei einer der Hauptgründe für die drohende Krise. Um die Produktion an die Nachfrage anzupassen, sei es unerlässlich, auch die Lagerbestände der verarbeiteten Produkte zu kennen.

Bauern zahlen doppelt

Wenn eine Bevorratung mit Milch zur optimalen Versorgung der Märkte notwendig sei, müsse zugleich klar sein, ab welcher Menge es negative Auswirkungen für die Erzeuger geben werde. Der CR warnte zudem vor nationalen Alleingängen. Ohne ein koordiniertes Vorgehen auf europäischer Ebene würden die französischen Unterstützungsmassnahmen zunichte gemacht.

Sollten nur die heimischen Bauern ihre Produktion verringern, würden sie dafür gleich mehrfach bezahlen, nämlich durch die Beteiligung an der Finanzierung des Fonds und durch sinkende Milchpreise. Letztlich profitieren würden vor allem die Verarbeiter.

Rindfleischsektor mit ähnlichen Konflikten

Die Erzeugung drosseln wollen auch die Rindermäster. Der Fachverband der Rinderhalter (FNB) forderte die Landwirte auf, die Tiere so lange wie möglich im Betrieb zu behalten. Der Verband will damit seiner Forderung nach einem kostendeckenden Mindestpreis Nachdruck verleihen und prangerte die „unverantwortliche Haltung der nachgelagerten Akteure“ an. Laut FNB findet Rindfleisch in Frankreich derzeit regen Absatz.

Supermärkte und Metzgereien erzielten „hervorragende“ Verkaufszahlen. Trotzdem sinke der Produzentenpreis immer weiter. Dem Fachverband zufolge liegt der Erlös derzeit durchschnittlich 1 Euro pro kg unter den Produktionskosten. Nach Angaben der Interprofession für Vieh und Fleisch (Interbev) kommt der Markt gerade wieder ins Gleichgewicht. In der vorvergangenen Woche hätten die Schlachtzahlen wieder das jahresübliche Niveau erreicht.

Bauern profitierten nicht

Auch die Interprofession bestätigte einen starken Anstieg der Nachfrage nach Rindfleisch, von der die Bauern jedoch nicht profitierten. FNB-Präsident Bruno Dufayet forderte die Regierung zum Eingreifen auf. Wenn die Ernährungssouveränität tatsächlich mehr Priorität erhalten sollte, müsse zunächst dafür gesorgt werden, dass die landwirtschaftliche Produktion auch erhalten bleibe.

Staatspräsident Emmanuel Macron hatte bei seiner Rede an die Nation am Montag vergangener Woche erklärt, das Land auch in landwirtschaftlichen Belangen wieder Unabhängiger machen zu wollen.

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