Freitag, 18. Juni 2021
17.07.2015 15:05
Frankreich

Bauernproteste: Hauseingang von Politikerin mit Mist gefüllt

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Von: Samuel Krähenbühl

Die Preise für die meisten landwirtschaftlichen Produkte sind im Keller. Deshalb protestieren in Frankreich seit 3 Wochen täglich Bauern vor Supermärkten, Molkereien und sogar vor den Häusern vor Politikern.

120 Traktoren mit Kippern voller Mist und alten Pneus blockierten am Mittwoch die Strassen des Städtchens Bayeux in der Normandie. Nach einem Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei endet der Umzug vor dem Ehrenmal für die gefallenen Soldaten in der Nähe der Präfektur.

Die meist jungen Bauern haben der Bezirks-Präfektin Laurence Béguin ein Ultimatum gestellt. Wenn sie sich nicht bis 11 Uhr mit ihnen trifft, würden sie alle 15 Minuten 5 Kipper mit Mist vor die Präfektur werfen. Doch so weit kommt es nicht. Die Präfektin diskutiert mit einer Delegation. Schliesslich gibt Wortführer Sébastian Debieux bekannt, dass sich die Präfektin bei höherer Stelle für sie starkmachen werde. Deshalb würde nun an dieser Stelle kein Mist abgeladen.

Mist für Politiker

Doch nicht aller Mist bleibt in den Kippern. Denn Isabelle Attard, grüne Abgeordnete in der Nationalversammlung, war nicht bereit, mit den wütenden Bauern zu diskutieren. Der Mob zieht also zu ihrem Haus, das ganz in der Nähe liegt. Vier Kipper leeren ihre Ladung vor das Tor zum Hof. Ein Traktor mit Frontlader schiebt das Ganze rein.

Auch Hugues Lalonde aus Saon ist mit seinem Traktor nach Bayeux gekommen. Der 27-Jährige bewirtschaftet mit seinem Bruder, seinen Eltern und einem Angestellten einen Betrieb mit 400 ha Nutzfläche. Sie produzieren 1,3 Millionen kg Milch pro Jahr, halten dazu 80 Mutterkühe und betreiben auf der restlichen Fläche Ackerbau. Trotz dieser grossen Strukturen lohnt sich die Landwirtschaft für Lalande im Moment überhaupt nicht. «Um Geld verdienen zu können, müssten wir einen Milchpreis von 40 Cent pro kg haben», meint er. Momentan erhalte er aber nur noch 29 Cent.

Hat er denn die Hoffnung, dass sich mit den Protesten tatsächlich etwas ändert? «Wenn wir nichts tun, ändert ganz sicher nichts», meint Lalonde dazu. Denn nicht nur die Milch, auch die Schlachtviehpreise oder auch die Schweinepreise seien im Keller. Mutterkuhbetriebe mit 80 Kühen seien nicht mehr rentabel. Nur gerade mit Getreide lasse sich noch Geld verdienen.

Vielerorts Blockaden

Solche Szenen spielen sich momentan in vielen Teilen des Landes ab. Die Jungbauern organisieren Blockaden und Proteste vor Supermärkten, Molkereien oder den Häusern von missliebigen Politikern. Einer, der die Entwicklung in Frankreich seit mehr als 20 Jahren kennt, ist der ausgewanderte Schweizer Anton Sidler, der in La Chappelle d’Andaine mit seiner Familie einen Milchwirtschaftsbetrieb betreibt.

Er gehörte im Milchstreik von 2009 zu den führenden Köpfen der Association des producteurs de lait indépendants (APLI). APLI habe zwar an Aktivität verloren, sei aber immer noch Mitglied des European Milkboards (EMB). Sidler ist heute nicht mehr politisch aktiv, wird aber vielmals zur Beratung herbeigerufen. 

Es gibt auch Kritik

Er sieht die Proteste kritisch. Die Aktionen der Jungbauern, begleitet vom Bauernverband FNSEA, seien ein grosser Rückschritt in die Vergangenheit: «Die Bauern, die am Milchstreik 2009/10 mitgemacht haben, wissen aus Erfahrung, dass nur Aktionen mit Respekt vor Privateigentum die richtige Basis sind, um auf gleichem Niveau mit den Direktoren der Molkereien, dem Detailhandel und der Politik zu verhandeln.» 

Etwas habe die Zeit des Milchstreiks gebracht. Die Bauern seien heute politisch viel interessierter und würden sich auch an Versammlungen viel eher äussern. 

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