3.01.2020 10:14
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Brexit
Brexit: Deutsche Bauern besorgt
Der Brexit macht den deutschen Landwirten Sorgen. Sie erwarten hohe Kosten. Sie fürchten dabei nicht nur die vermehrten Kontrollen und Zölle, sondern auch den entstehenden Preis- und Mengendruck bei der Produktion von Milch, Fleisch und weiteren Produkten aus Deutschland.

Der Brexit könnte deutsche Bauern teuer zu stehen kommen. Das berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Grossbritannien hat einen Selbstversorgungsgrad von rund 60 Prozent und importiert deshalb viele Produkte von deutschen Höfen. 

Grosser Agrarhandelsüberschuss

Deutschland exportiere jährlich Agrargüter im Wert von 4,5 Milliarden Euro (4.9 Mrd. Fr.) und führe britische Produkte lediglich im Wert von 1,3 Milliarden Euro (1.42 Mrd. Fr.) ein, sagte der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes, Walter Heidl. «Der Handelsbilanzüberschuss beträgt 3,2 Milliarden Euro. Einen solch grossen Agrarhandelsüberschuss hat Deutschland mit keinem anderen Handelspartner», so Heidl weiter.

Das deutsche Forschungsinstitut für Ländliche Räume erwarte bei einem weichen Brexit einen Rückgang des Überschusses um ein Fünftel, bei einem harten Brexit eine Halbierung. «Wir müssen erreichen, dass die Folgen für die britischen Konsumenten und für die deutsche Landwirtschaft über Handelsabkommen abgefedert werden», sagte Heidl. Darüber kann laut dem Brexit-Abkommen von Premier Boris Johnson bis Ende 2020 verhandelt werden.

Preisverfall befürchtet

Nicht nur hohe Zölle bei einem harten Brexit, sondern auch die Zoll- und Veterinärkontrollen bei einem weichen Brexit würden den Export belasten. «Der Brexit erschwert den Handel und es entstehen neue Kosten. Das kostet alle Beteiligten Zeit und Geld», sagte Heidl. Betroffen seien alle Nahrungsmittel, vor allem Schweine- und Geflügelfleisch, aber auch Milch, Rindfleisch und Getreideprodukte. 

Heidl warnte zudem vor einem Preisverfall als indirekte Auswirkung. Andere EU-Länder könnten nicht mehr wie bisher nach Grossbritannien exportieren und böten damit Produkte im EU-Binnenmarkt an. «Der Brexit wird dazu führen, dass von anderen Ländern Produkte auf den restlichen europäischen Markt gelangen, die bisher nach Grossbritannien gekommen sind», mahnt Heidl. 

«Grösste Bedrohung» 

Die Folge seien Verdrängungswettbewerb und Mengendruck. «Und Mengendruck erzeugt immer auch Preisdruck», warnt der DBV-Vize. Bei irischen Waren, insbesondere Butter und Rindfleisch, spürten das die Konsumenten schon seit gut einem Jahr. Beide Produkte seien - auch finanziert durch EU-Mittel zur Erschliessung neuer Handelswege auf dem Binnenmarkt - seit Monaten sehr günstig in den Supermärkten zu haben. In Erwartung eines Brexit suchten die Iren längst andere Märkte.

Ein Brexit wird die Branche hart treffen. Die Lebensmittelexporte in der EU nach Grossbritannien beliefen sich 2017 auf 41 Milliarden Euro (44.7 Mrd. Fr.), britische Exporte in die EU auf 17 Milliarden Euro (18.5 Mrd. Fr.), errechnete der Europäische Vieh- und Fleischhandelsverband (UECBV). Laut UECBV würden die Rindfleischexporte in das Vereinigte Königreich bei einem harten Brexit um 84 Prozent sinken. Bei Schweinefleisch werde ein Minus von 48 Prozent und bei Schaffleisch von 76 Prozent erwartet. UECBV-Präsident Philippe Borremans nannte den Brexit schon 2017 die «derzeit grösste Bedrohung für die europäischen Fleischerzeuger, Konsumenten und Händler» - mit potenziell grösseren Auswirkungen auf die Ausfuhr von Agrarprodukten als das Russlandembargo.

Preisrückgang bei Fleisch erwartet

Langfristig ist laut UECBV für Fleisch aus Deutschland ein Preisrückgang von fünf Prozent zu erwarten. Bei Rindfleisch könnte zudem ein möglicher Abschluss eines bilateralen Handelsabkommens der EU mit den Mercosur-Staaten den Markt belasten, sagte Heidl. Auch im Milchmarkt sind Verwerfungen zu befürchten. Vor allem der EU-Käsemarkt werde die Auswirkungen spüren, da Grossbritannien Nettoimporteur ist. Deutsche Molkereien exportierten jährlich Zehntausende Tonnen Käse, Joghurt und andere Milchprodukte. 

Grossbritannien fällt als Geldgeber weg

Eine weitere Brexit-Folge: Grossbritannien fällt als Geldgeber in der EU weg. «Das Land war bisher Nettozahler in den europäischen Haushalt. Die anderen Mitgliedsstaaten müssen nun erheblich mehr Mittel bereitstellen», sagte Heidl. Das sei ein Thema der Verhandlungen zur gemeinsamen Agrarpolitik, deren Abschluss sich bis 2022 oder 2023 hinziehen könnte. 

Dabei stünden Kürzungen der Agrarförderungen für deutsche Bauern im Raum - obwohl Deutschland mehr einzahlen werde. «Man muss sehen, wie das dem Ziel gerecht wird, weiter eine nachhaltige Agrarpoltik machen zu können», so Heidl. Deutsche Bauern bekämen Ausgleichszahlungen nicht zuletzt für hohe Tierschutzstandards und Kulturlandschaftspflege, etwa in schwer bewirtschaftbarem Bergland.

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