17.02.2015 17:52
Quelle: schweizerbauer.ch -
EU
Der «Grexit» wird wahrscheinlicher
Das bislang Undenkbare könnte Realität werden: das Aufbrechen der Europäischen Währungsunion durch den Verlust eines Mitgliedslandes. «Jetzt liegen die Alternativen glasklar auf dem Tisch», sagte ein EU-Diplomat am Dienstag nach dem Scheitern der Eurogruppen-Sitzung zur Beilegung des Schuldenstreits mit Griechenland.

Schon kurz vor dem Treffen hatten gut 30 Prozent der Finanzmarktakteure in einer Umfrage den «Grexit» - das Aus für Griechenland als Euro-Land - für wahrscheinlich erklärt. Nach den erfolglosen Gesprächen am Montag stuften die Analysten der Commerzbank die Wahrscheinlichkeit dafür nun auf 50 Prozent hoch.

Griechenland könnte das Geld ausgehen

Da Griechenland nach Einschätzung von Experten womöglich schon in wenigen Wochen das Geld ausgehen könnte, rückt ein «Grexit» als Betriebsunfall näher. Unter den Euro-Partnern wolle keiner ein «Grexit», liess der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble in den letzten Tagen verlauten. Allerdings steht er seit längerem im Verdacht, dass er das südeuropäische Krisenland nicht zu jedem Preis in der gemeinsamen Währung halten würde.

Dreh- und Angelpunkt ist das laufende Hilfsprogramm der Euro-Partner für das Land, auf das die neue Regierung unter dem Linkspolitiker Alexis Tsipras wegen den daran geknüpften Bedingungen partout nicht zurückkommen will.

Rückkehr zur Drachme

Ohne Programm aber bekommt Griechenland von seinen Partnern aus dem Euro-Raum, von der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Internationalen Währungsraum (IWF) kein frisches Geld mehr - dabei muss das Land schon demnächst 460 Millionen Euro Kreditzinsen zahlen. Bis zum 31. März werden über vier Milliarden Euro fällig.

Kann Griechenland dieses Geld nicht mehr bezahlen, so die Theorie, bleibt dem Staat nur noch eine Möglichkeit, um seine Rechnungen zu begleichen: der Ausstieg aus der Währungsunion und die Rückkehr zur früheren nationalen Währung, der Drachme. Das aber, so warnen Experten, hätte verheerende Auswirkungen, gerade auch für die Griechen selbst. «Per Saldo würden wir auf Jahressicht einen Rückgang des realen Bruttoinlandproduktes von bis zu zehn Prozent erwarten», sagen die Commerzbank-Analysten. Und dass der soziale Frieden gehalten werden könne, sei «keineswegs sicher».

Programmverlängerung oder andere Geldquelle

Noch nicht aufgegeben haben die Euro-Partner die Hoffnung, dass die neue griechische Regierung in letzter Sekunde einlenkt. Und dies hiesse: eine Verlängerung des laufenden Programms über den 28. Februar hinaus und dessen ordnungsgemässen Abschluss.

Alternativ könnte sich Griechenland andere Geldgeber sucht. Der IWF, normalerweise die erste Adresse für ein solches Ansinnen, würde aber wohl ausscheiden. Er ist mit seinem bisherigen Milliarden-Engagement Teil des abgelehnten alten Hilfssystems und der verhassten Troika zusammen mit der EZB und der EU-Kommission.

Keine Hilfe aus Russland angefordert

In Frage kämen hingegen Länder ausserhalb des Euro-Raums. Die regierungsführende Syriza-Partei in Athen hat enge Drähte zu Russland - das aber wegen der Folgen der Ukraine-Krise selbst wirtschaftlich unter Druck steht. Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis hat zwar kürzlich versichert: «Wir werden niemals in Moskau um Finanzhilfe nachsuchen.»

Dem steht aber entgegen, dass Verteidigungsminister Panos Kammenos nur wenig später äusserte, man könne sich auch andere Geldgeber suchen. «Das wären am besten die USA, aber es könnten auch Russland oder China oder andere Länder sein.» Russland hat verlauten lassen, wenn man gefragt werde, könnte man über dieses Thema nachdenken. In China will man bislang von Geldangeboten an Athen nichts wissen.sda

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